Demographischer Wandel in Kommunen

Neues Heft der Deutschen Zeitschrift für Kommunalwissenschaften

Die Fakten sind bekannt: Seit über hundert Jahren gehen die Geburtenzahlen in Deutschland zurück und seit etwa siebzig Jahren ist jede Kindergeneration geringer als die ihrer Eltern. Die Entwicklung wird sich weiter verschärfen. Bis zum Jahr 2050 ist mit einem Rückgang der Bevölkerung von jetzt rund 82 Millionen auf — je nach Prognose — unter 70 Millionen zu rechnen, verbunden mit einer grundsätzlichen Veränderung der demographischen Strukturen. Der Anteil der 20- bis 65-Jährigen, das heißt derjenigen, die sich nach heutigen Maßstäben im Erwerbsalter befinden, wird dann nur noch bei etwa 55 Prozent der Gesamtbevölkerung liegen, gegenüber 62 Prozent zu Beginn des Jahrtausends. Dies hat grundlegende Konsequenzen für die sozialen Sicherungssysteme, die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt sowie für die öffentlichen Finanzen.

Kommunen sind von dieser Entwicklung in besonderer Weise betroffen und je früher sie sich darauf einstellen, desto besser können sie auf die zu erwartenden Auswirkungen reagieren. Vor diesem Hintergrund erschien es dringend geboten, die aktuelle Ausgabe der Deutschen Zeitschrift für Kommunalwissenschaften der Thematik des demographischen Wandels und seiner Auswirkungen auf die Kommunen zu widmen. Die fünf Beiträge zu diesem Brennpunkt greifen die wichtigsten kommunalwissenschaftlichen und kommunalpolitischen Zusammenhänge und Handlungsansätze auf:

  • Der Beitrag von Bernhard Müller — der auch für den Themenschwerpunkt insgesamt verantwortlich zeichnet — und Stefan Siedentop macht deutlich, dass in den kommenden 20 Jahren immer mehr Gemeinden in Ost- und Westdeutschland einen “Stagnations- oder Schrumpfungspfad” einschlagen werden. Jenseits großräumiger Verschiebungen der Bevölkerungsverteilung werden Wachstums- und Schrumpfungsprozesse innerhalb der verdichteten Regionen in enger Nachbarschaft anzutreffen sein. Der bisher dominante Suburbanisierungs- und Dispersionstrend wird an Bedeutung verlieren, ohne sich jedoch in eine selbsttragende Reurbanisierung umzukehren. Neben die gewohnte räumliche “Verteilung” des — verbleibenden — Wachstums müssen daher, so plädieren die Autoren, Planungs- und Steuerungsansätze treten, die auf Bestandsentwicklung, Stabilisierung, Revitalisierung und qualitative Entwicklung sowie Wiedernutzung von Flächen und Gebäuden setzen. Planung ist dabei strategisch und als Management von Prozessen der Schrumpfung zu verstehen, und Steuerung erfolgt über interkommunale Kooperation, Ausgleichsregelungen, Mehrebenenkooperation sowie intersektorale Koordination.
  • Peter Franz greift die Begriffe Wachstum und Schrumpfung auf und untersucht aus regionalökonomischer Sicht am Beispiel ostdeutscher Städte und Stadtregionen die Frage, inwieweit — wie von Ökonomen vielfach unterstellt — mit dem Rückgang der Einwohnerzahl einer Stadt gleichzeitig auch deren wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sinkt. Für den Zeitraum 1994 bis 1996 beantwortet er diese Frage mit “nein, fast nicht” und für 1998 bis 2000 mit “zutreffend für eine etwas größere Zahl, aber nicht für die Mehrheit der untersuchten Städte”. Insgesamt kommt er zu dem Ergebnis, dass sich die ostdeutschen Städte nach einer Phase relativ einheitlicher Entwicklung zunehmend auf unterschiedliche Entwicklungspfade begeben. Die Frage, wie diese Pfade verlaufen werden und welche Möglichkeiten bestehen, steuernd einzugreifen, lässt sich freilich, so resümiert der Autor, erst nach weiteren empirischen Forschungen beantworten.
  • Klaus Peter Strohmeier und Silvia Bader befassen sich am Beispiel Nordrhein- Westfalen und insbesondere des Ruhrgebiets mit Fragen der Segregation und sozialen Stadterneuerung im altindustrialisierten Ballungsraum. Sie zeigen, dass Arme, Alte und Ausländer künftig die Stadtgesellschaft dominieren und sich in bestimmten Stadtteilen konzentrieren werden, in denen es zu einer Kumulation von sozialen Problemen kommen wird. Die Gründe dafür sind in einer selektiven Abwanderung — insbesondere der deutschen Mittelschichten ins Umland — und in der demographischen Alterung der Gesellschaft sowie im unterschiedlichen Altersaufbau von deutscher und nichtdeutscher Bevölkerung zu suchen. Um eine weitere Spaltung der Gesellschaft zu vermeiden, ist nach Ansicht der Autoren eine Stadtentwicklung erforderlich, die auf Partizipation, soziale Integration und Identifikation der Bewohner mit ihrer Stadt setzt — und hierbei vor allem der Wirkung von “Selbermacherprojekten” vertraut.
  • Mathias Koziol analysiert die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die technischen Infrastrukturen von Kommunen am Beispiel Ostdeutschlands. Beim durch Schrumpfung bedingten Stadtumbau fallen direkte Kosten in beträchtlicher Höhe für den Rückbau von Leitungen, den Umschluss und die Neuverlegung sowie die Anpassung von Pumpwerken und Verteilerstationen an. Hinzu kommen indirekte Kosten für die Betreiber der verschiedenen Leitungssysteme oder für die Kommunen, weil die Fixkosten auf weniger Verbraucher umverteilt werden müssen, diesen die entsprechenden Erhöhungen aber aus politischen wie rechtlichen Gründen nicht zugemutet werden können. Die bisher gültige Formel von der ökonomischen Überlegenheit zentraler Systeme in Ballungsräumen ist unter Schrumpfungsbedingungen zu relativieren. Allen Planungen sollten, so folgert der Autor, solide Entwicklungsaussagen und keine Best-case-Annahmen zugrunde gelegt werden.
  • Im Mittelpunkt des Beitrags von Heinrich Mäding stehen die finanzwirtschaftlichen Wirkungen des Bevölkerungsrückgangs für die kommunale Ebene und für die Einzelkommunen sowie die fiskalischen Konsequenzen kommunaler Reaktionsstrategien. Der Autor verdeutlicht, dass die These einer demographisch bedingten generellen kommunalen Finanznot erst dann einen realen Kern erhält, wenn man die Ausgabenseite einbezieht. Die Gefahr auf dieser Seite hat vier Komponenten: Ausgabenremanenz bei rückläufiger Bevölkerung; steigende Ausgaben pro Kopf wegen der Effekte der demographischen Strukturwandlungen (Alterung, Heterogenisierung, Vereinzelung); Zusatzausgaben wegen der Effekte der Binnenwanderung (Ost-West, Suburbanisierung); Zusatzausgaben einer “übermäßigen” Attraktivitätspolitik bei einer “ruinösen” Konkurrenz um Einwohner. Vor diesem Hintergrund mahnt der Autor eine integrierte lokale Politik an, bei der die Ausgabenprioritäten mit Augenmaß unter Beachtung der demographisch bedingten fiskalischen “Gefahren” gesetzt werden.

Außer diesen fünf Beiträgen und dem dazugehörigen Editorial enthält das neue Heft einen Artikel von Jörg Bogumil und Lars Holtkamp mit einer empirischen Analyse von Erklärungsfaktoren zum Implementationsstand der Bürgerkommune.


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Dr. phil. Paul von Kodolitsch
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