Difu-Berichte 4/2008 - Difu neu aufgestellt: Umstrukturierung und Neuausrichtung als Basis für eine erfolgreiche Zukunft
In eigener Sache
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Prof. Dr.-Ing. Klaus J. Beckmann |
Difu neu aufgestellt
Umstrukturierung und Neuausrichtung als Basis für eine erfolgreiche Zukunft
Am 21. Juli 2008 beschloss die Mitgliederversammlung des Vereins für Kommunalwissenschaften e.V. – des bisherigen Trägers und jetzigen Gesellschafters des Difu – die Umwandlung des Deutschen Instituts für Urbanistik in eine gemeinnützige GmbH. Dies erfolgte rückwirkend zum 1. Januar 2008. Bestärkt und unterstützt wurde das Institut in diesem Prozess von seinen Förderern, dem Deutschen Städtetag, dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sowie dem Land Berlin. Durch die Umwandlung in eine gemeinnützige GmbH hat das Institut nun eine eigene Rechtsform mit größerer Selbstständigkeit und Verantwortung bei der inhaltlichen und organisatorischen Profilierung. Alleiniger Gesellschafter ist der Verein für Kommunalwissenschaften.
Die bewährte differenzierte Finanzierungsstruktur wurde beibehalten: Die Mischfinanzierung durch Zuwenderstädte, Bund, Sitzland Berlin, Verein für Kommunalwissenschaften sowie selbst akquirierte Mittel – die fast die Hälfte des Budgets ausmachen – sichert das Institut langfristig ab und gewährleistet die Aufrechterhaltung der thematischen Breite bei der Bearbeitung der für die Städte relevanten Themen.
Zukünftige thematische Ausrichtung des Difu
Das Difu sieht sich der zukunftsfähigen, ganzheitlichen Stadtentwicklungspolitik verpflichtet, nur so kann die „Zukunft der Städte“ gesichert werden. Das Leitprinzip lautet daher „Städte der Zukunft brauchen Wissen“. Das Institut fühlt sich verantwortlich und kompetent, die Städte durch praxisorientierte Forschungsarbeit bei der Bewältigung der anstehenden Transformationsprozesse ihrer Sozial- und Wirtschaftssysteme zu unterstützen. Zielgerichtete, erfolgreiche Anpassungsprozesse erfordern Wissen über Gegebenheiten, Einflussgrößen und Wirkungszusammenhänge, Handlungsmöglichkeiten und deren Wirkungen sowie über Prozesse, Strukturen, Beteiligungen und Aktivierungsvorgänge.
Die Auseinandersetzung mit den ökonomischen Grundlagen der Städte, mit der Sicherung des sozialen Zusammenhalts und der sozialen Gerechtigkeit in den Städten sowie mit den zunehmend bedeutsamer werdenden Anforderungen an lokale sowie globale ökologische und klimatische Qualitäten bilden daher die Schwerpunkte der inhaltlichen Neuorientierung des Difu und damit der Arbeit der wissenschaftlichen Bereiche.
Unter dem Leitthema „Zukunft der Städte und Stadtregionen“ setzt das Difu künftig Themenakzentuierungen in folgenden Bereichen:
- globaler und europäischer Handlungsrahmen der Städte,
- Position der Städte in Europa und im Verfassungssystem,
- Handlungsfähigkeit der Städte,
- Renaissance der Städte als Wohn- und Wirtschaftsstandorte,
- Städte als energie- und ressourceneffiziente Siedlungs- und Lebensformen.
Dabei werden die zu bearbeitenden Themen interdisziplinär bearbeitet:
- Wirtschaft, Finanzen/Steuern,
- soziale Stadtentwicklung, Integration,
- baulich-räumliche Stadtentwicklung,
- Infrastrukturen und Mobilität/Verkehr,
- Umweltqualitäten, integrierter Umweltschutz.
Themen wie Public-Private-Partnership, Lärmschutz, Immissionsschutz, Klima, funktionsfähige Zentren oder Alte Menschen zeigen, dass notwendigerweise interdisziplinär geforscht werden muss. In den wissenschaftlichen Arbeitsbereichen wendet sich das Difu in den nächsten Jahren aktuellen kommunalrelevanten Themen zu:
Arbeitsbereich „Stadtentwicklung, Recht und Soziales“
Im Zusammenhang der baulich-räumlichen und sozialen Stadtentwicklung stehen insbesondere benachteiligte und vom Zurückbleiben gefährdete Quartiere im Vordergrund. Die Integration von Menschen unterschiedlichen Alters, sozialer Herkunft und ethnischer Bezüge ist ein weiteres wichtiges Forschungsfeld. Themen wie Jugendhilfe und insbesondere „Frühe Hilfen“ sind neue Handlungserfordernisse. Dabei stehen im „sozialräumlichen“ Handlungszusammenhang gleichermaßen Wohn- und Wohnungsumfeldqualitäten, Solidarität und zivilgesellschaftliches Engagement, vor allem aber auch Bildung, Gesundheit und soziale Infrastrukturen im Vordergrund. Mit dem methodischen Ansatz der Sozialraumorientierung für Analyse, Entwicklung von Handlungskonzepten, Umsetzung und Betrieb weist das Difu besondere Qualifikation und Erfahrung auf.
„Wissen“ ist die wesentliche Voraussetzung, um Menschen Lebenschancen, Perspektiven, Optionen zur Wahl von Beruf und Lebensweisen, aber auch Befähigungen zum zivilgesellschaftlichen und politischen Engagement zu sichern. „Wissen“ ist damit auch Voraussetzung für die unverzichtbare Förderung von Arbeitskräften für die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft und zur erfolgreichen sozialen und ethnischen Integration der verschiedenen Bevölkerungsgruppen unter Sicherung einer hohen Eigenständigkeit. Auf diese Potenziale greifen Handlungsprogramme von Bund, Ländern und Gemeinden zurück, wie z.B. die vom Difu begleiteten Projekte „Soziale Stadt“ bzw. „Nationale Stadtentwicklungspolitik“. Wissensgenerierung erfolgt häufig auch durch Planspiele, die einer praktischen Umsetzung und deren Controlling und Evaluation vorauslaufen. Die im Bereich von Bau-, Planungs- und Raumordnungsrecht im Difu erworbenen Qualifikationen sollen ausgebaut und für weitere kommunale Handlungsfelder bzw. für Politikgestaltung mit kommunalem Bezug fruchtbar gemacht werden.
Arbeitsbereich „Wirtschaft und Finanzen“
Zur Sicherung einer stabilen wirtschaftlichen Basis und finanziellen Grundlage der Städte und Gemeinden geht es neben der Bestandspflege und -entwicklung vorhandener Wirtschaftszweige und Betriebe um die Gesamtheit von Wirtschaftsförderung und die Erschließung von Innovationspotenzialen. Dabei kommt den kommunalen Anstrengungen entgegen, dass der Handel und vor allem innovationsorientierte Branchen wie die „Kreativwirtschaft“ eine zunehmende Stadtaffinität aufweisen, die durch städtische Standort-, Umfeld- und Infrastrukturqualitäten gefördert werden kann.
In der Wirtschaft werden unter anderem „Wissens-Cluster“ als zentrale Entwicklungsbedingungen für die lokale und/oder regionale Wirtschaftsentwicklung identifiziert und zur Grundlage verschiedener Handlungsstrategien wie der Förderung von Exzellenz-Hochschulen und damit indirekt deren Spin-Offs, wie Wirtschaftsförderung, Ansiedlungspolitik oder Netzwerkbildung gemacht. Aktuell stellen sich auch die „klassischen“ Fragen der Haushaltssicherung und Haushaltskonsolidierung neu. Unter der Annahme, dass ein mittelfristiger Schuldenabbau kaum möglich sein wird, ist die Ausgestaltung eines risikoarmen Schuldenbestandsmanagements zentral. Im Umgang mit der kommunalen Infrastruktur geht es im Wesentlichen um das Ausloten von Effizienzspielräumen.
Arbeitsbereich „Klima und Ressourceneffizienz“
Städte sind für die Zukunft darauf angewiesen, Raum-, Bau- und Betriebsstrukturen künftig energie- oder ressourceneffizienter sowie unter Reduktion von klimaverändernden Emissionen neu auszurichten. Hinzu kommt das Erfordernis, potenzielle Folgewirkungen von Klimaveränderungen frühzeitig zu antizipieren und bei der Stadtentwicklung zu berücksichtigen. Im Rahmen der Förderung der Ressourceneffizienz geht es vor allem auch darum, Stoff- und Energieströme in den Städten und Regionen effektiv und effizient zu gestalten, Lebenszyklusbetrachtungen in alle kommunalen Leistungsbereiche einzubringen und neue Steuerungsansätze zu prüfen. Das Difu wird seine Beiträge zur klimagerechten Stadtentwicklung und zur Förderung der Ressourceneffizienz verstärken.
Arbeitsbereich „Infrastruktur und Mobilität“
Im Zusammenhang mit der verantwortlichen Gestaltung der Aufgaben der örtlichen Gemeinschaft von Städten und Gemeinden haben soziale und technische Infrastrukturen sowie Verkehr/Mobilität eine besondere Bedeutung. Mobilität und Verkehr sind Voraussetzungen wie auch Folgen der Teilhabe- und Teilnahmemöglichkeiten der Stadtbürger sowie der wirtschaftlichen Austauschprozesse in Stadt und Region.
Grundlegend für die Arbeit des Difu ist die Auseinandersetzung mit den extern durch EU, Bund und Länder gesetzten Rahmenbedingungen wie Zuständigkeiten, Finanzausstattung, Organisationsformen und vor allem die Normsetzung durch EU und Bund. Es werden Möglichkeiten erarbeitet, wie die kommunalen Spitzenverbände und die Kommunen auf die europäischen Rahmenbedingungen Einfluss nehmen können.
Außerdem werden die Arbeiten des Difu zur Ausgestaltung einer zukunftsfähigen kommunalen und regionalen Verkehrssystemgestaltung wie Radverkehr, Fußgängerverkehr, Parkraumbewirtschaftung, Öffentlicher Nahverkehr, Verkehrsmanagement, Verkehrsfinanzierung usw. verstärkt.
Wissen als „driving force“ der Stadtentwicklung
Die Bedeutung von „Wissen“ für die Vorbereitung und Sicherung zukunftsfähiger Stadtentwicklung nimmt unter den veränderten Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung weiter zu. Es sind dies Rahmenbedingungen wie Globalisierung der Märkte, der Ideen und der Kontaktkreise, wie Liberalisierung, Erweiterung der Europäischen Union, aber auch Handlungsanforderungen aus der Sicherung des sozialen Gleichgewichts und der sozialen und ethnischen Integration, der Förderung von Klimaschutz und des sparsamen und effizienten Umgangs mit Ressourcen.
Dabei kommt der Grundlagenforschung und vor allem der Anwendungsforschung in den für kommunale Entwicklungen relevanten Wissensbereichen eine besondere Bedeutung zu, um Wissen zu generieren, aufzubereiten und bereitzustellen. Für die Städte, Gemeinden, Stadtregionen und deren Spitzenverbände muss eine interdisziplinäre und handlungsorientierte Kommunalwissenschaft Handhabungswissen zur „integralen“ Gestaltung technischer, rechtlicher, finanzieller, prozessualer, organisatorischer und sonstiger Bedingungen bereitstellen.
Aufgaben einer praxisorientierten Kommunalwissenschaft sind u.a. Befundbeschreibungen, Analysen, die Entwicklung von Handlungsvorschlägen, Praxistests, Auswertungen sowie deren Vermittlung durch Veröffentlichungen, Vorträge usw. Sie sind die Grundlage für Beratungen sowie für Informationsangebote im Inter- und Extranet und Fortbildungsveranstaltungen. An dieser Schnittstelle hat sich das Difu seit über 35 Jahren als kommunalwissenschaftliche Forschungseinrichtung der Städte bewährt und stellt sich den heutigen und künftigen Herausforderungen. Dies ist auch deshalb nötig, weil – im Gegensatz noch zu den 70er und frühen 80er Jahren – viele Städte ihre eigene Stadtforschung bzw. Stadtentwicklung aus finanziellen Gründen zunehmend aufgegeben haben. Diesen Ausfall kompensiert teilweise das Difu mit dem Vorteil, dass die „Quer- und Draufsicht“ besondere Chacen zur Verallgemeinerung, zu breit abgesicherten Empfehlungen und Hinweisen sowie zu stadttypspezifischen Aussagen eröffnet. Die Breite der bearbeiteten Themenfelder zeigt, dass das Institut, anders als die Hochschulforschung und die Forschung anderer Institutionen, sich insbesondere durch einen hohen Grad an Inter- und Transdisziplinarität wie auch an Umsetzungserfahrungen, an Handlungs- und Umsetzungsbezug sowie an Vermittlungserfahrungen an die Praxispartner auszeichnet. Mit den Leistungsbereichen der „Fortbildung“ und des „Wissensmanagements“ ist das Difu ein wesentlicher Knoten der Wissensaufbereitung und der -vermittlung. Eine wichtige Rolle erfüllen auch die Bereiche der Vermittlung der For-schungsergebnisse und der Difu-Angebote in die (Fach-)Öffentlichkeit, sei es durch die Erstellung von Publikationen oder durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Fazit
Das Difu stellt sich bewusst und engagiert der Herausforderung, Trends und deren Wirkungen zu analysieren, Chancen und Risiken für die Städte aufzuzeigen und Handlungsvorschläge zu erarbeiten. Das Difu wird auch weiterhin in enger Kooperation mit den Gemeinden Bundesprogramme und -projekte begleiten und unterstützen. Im Rahmen seiner Aufgabe der Wissensgenerierung, der Wissensaufbereitung und –vermittlung ist das Difu Partner für Städte, kommunale Spitzenverbände, Bund, Länder, Stiftungen, weitere Aufgabenträger wie auch für die Wirtschaft und zivilgesellschaftliche Gruppen. Zusammenfassend kann festgestellt werden: Wenn es das Difu nicht gäbe, müsste es gerade heute – angesichts der vielfältigen Veränderungen der Rahmenbedingungen kommunalen Handelns – gegründet werden. Überlegungen in anderen europäischen Ländern, Einrichtungen ähnlich dem Difu aufzubauen, zeigen die Notwendigkeit einer unabhängigen Forschungs- und Fortbildungseinrichtung, die speziell auf den Wissensbedarf von Städten und Gemeinden ausgerichtet ist.
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Klaus J. Beckmann
E-Mail:
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