Difu-Berichte 4/2007 - Wie fördern Kommunen generationenübergreifendes Wohnen?
Herausforderungen durch demographischen Wandel
Die meisten Regionen Deutschlands müssen in den kommenden Jahrzehnten mit einer rückläufigen Bevölkerungsentwicklung rechnen. Auch für Berlin wird eine Stagnation oder ein Rückgang der Einwohnerzahl prognostiziert. In den nächsten Jahren wird die Zahl der Haushalte jedoch stabil sein oder sogar wachsen, was vor allem auf die Zunahme von Haushalten mit Personen über 50 Jahren zurückzuführen ist. Es gilt daher, jungen Familien und „Schwellenhaushalten“, die gern in der Stadt wohnen würden, zu ausreichend großen und bezahlbaren Wohnraum zu verhelfen, um dadurch zu einer Stabilisierung der Sozialstruktur beizutragen. Aufgabe von Wohnungswirtschaft und Stadtpolitik ist es daher, geeignete Angebote auch für diese Bevölkerungsgruppen zu sichern, indem die Anpassung des Wohnungsbestands an die veränderten Bedürfnisse der Bevölkerung vorangetrieben und das Schaffen zusätzlicher Angebote für selbständiges und selbstorganisiertes Wohnen unterstützt werden. Hierzu zählen insbesondere Initiativen zum generationenübergreifenden Wohnen, deren Ziel das Zusammenleben mehrerer unabhängiger und verschieden alter Personen unter einem Dach ist.
Merkmale generationenübergreifender Wohnformen
Wie sich anhand existierender Definitionen zeigt, ist der Begriff „generationenübergreifendes Wohnen“ nur schwer von Formulierungen wie „Mehrgenerationenwohnen“, „Wohnen im Generationenverbund“, „gemeinschaftliches Wohnen“ oder „Neue Wohnformen“ abgrenzbar und findet keine einheitliche Verwendung. Dennoch lassen sich zentrale Eigenschaften benennen, die damit verbunden werden:
- Gruppencharakter: Zusammenleben mehrerer, verschieden alter und in unterschiedlicher Intensität als Gruppe konstituierter Personen in einem Haus: von der losen Bewohnergemeinschaft über einen Bewohnerverein bis zur Eigentümergemeinschaft und Genossenschaft;
- Prinzip der „inneren Nähe bei äußerer Distanz“: Freiwilliges (im Gegensatz zu Verwandtschaftsverhältnissen) Zusammenleben unter Betonung der Autonomie der einzelnen Gruppenmitglieder, die sich meist in separaten Wohneinheiten ausdrückt; freiwillige Teilnahme an zusätzlichen gemeinschaftlichen Aktivitäten;
- Elemente der Selbstorganisation: z.B. durch Eigeninitiative bei der Gruppenfindung, Beteiligung an Planungsprozessen, Eigenleistungen bei der Umsetzung und Selbstverwaltung;
- Gemeinschaftlichkeit: gegenseitige Unterstützung und Beratung in gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Belangen.
Fallstudienuntersuchung
Im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung suchte das Deutsche Institut für Urbanistik im Rahmen einer Studie nach Lösungsmöglichkeiten und erarbeitete Maßnahmenvorschläge zur Unterstützung des generationenübergreifenden Wohnens in Berlin. Im Vordergrund standen dabei Modelle wie Baugemeinschaften, Wohnprojekte und Wohnungsgenossenschaften. Auch Erfahrungen und Lösungsmodelle anderer deutscher Kommunen wurden einbezogen.
Die Untersuchung konzentrierte sich auf Aktivitäten von Großstädten über 250 000 Einwohnern. Die Studie machte deutlich, dass eine Unterstützung von Wohnprojekten meist Bestandteil der Kommunalpolitik ist. Insgesamt haben neue Wohnformen eine deutlich wahrnehmbare Konjunktur erfahren. In vielen Städten existieren zudem Beratungsstellen für Baugemeinschaften, generationenübergreifende Wohnprojekte oder die Gründung von Genossenschaften.
Ziele der Kommunalpolitik
Für die Förderung alternativer Wohnformen zeichnen sich zwei Schwerpunkte ab: Einerseits reagieren die Kommunen auf die steigende Nachfrage nach selbstbestimmtem und -organisiertem Leben (im Alter). Vermutlich wird der Bedarf nach solchen Wohnformen, die auch gegenseitige Hilfestellung und Betreuung umfassen, im Alter noch zunehmen. Andererseits ist ein wachsendes Interesse an der Innenstadt als Wohnstandort zu beobachten. Familien sollen durch die Schaffung von kostengünstigen und auf individuelle Bedürfnisse ausgerichteten Wohnungsangeboten – überwiegend im Eigentum – vom Wegzug in den „Speckgürtel“ abgehalten werden. Diese Angebote richten sich zugleich an potenzielle Rückkehrer, die ihren bisherigen Wohnstandort an der Peripherie oder außerhalb der Großstädte gegen eine zentrale Wohnlage mit kurzen Wegen und einem dichten Netzwerk an Infrastrukturangeboten tauschen wollen. Die damit verbundene strategische Neuausrichtung der kommunalen Wohnungspolitik wird somit „auf das knapper werdende Ressourcengut“ der Einwohner zurückgeführt.
Generationenübergreifende Wohnprojekte benötigen Unterstützung
Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass generationenübergreifende Wohnprojekte in vielfältiger Form Unterstützung benötigen: Prozesse der Gruppengründung, Einigung auf gemeinsame Ziele und sowie formale Konstituierung bedürfen meist externer Moderation. Die Planung und bauliche Umsetzung der Vorhaben sollte professionell gesteuert werden. In Bezug auf Grundstückssuche, Architektur, Projektsteuerung, Finanzierung, juristische Anforderungen und administrative Belange ist das Mitwirken von Experten erforderlich. Eine entscheidende Hürde, an der Projektinitiativen oft scheitern, ist die Grundstückssuche. Dies liegt weniger an der mangelnden Finanzkraft von Wohnprojekten als an spezifischen Nachteilen gegenüber anderen Kaufinteressenten bei Bieterverfahren. Hier sind besonders Fristensetzung und die auf das jeweilige Grundstück abgestimmte Kalkulation zu nennen. Einige Kommunen räumen Wohnprojekten besondere Konditionen ein, indem ein bestimmter Anteil zum Verkauf stehender Flächen für Wohnprojekte reserviert wird oder der Verkauf statt im Bieterverfahren zum am Verkehrswert orientierten Festpreis geschieht.
Beratung als kommunale Aufgabe?
Aber kann es Aufgabe der Kommunen sein, diese Beratungs- und Steuerungsleistungen anzubieten? Oft ist bereits ein breites Spektrum an wohnorientierten Beratungsangeboten mit sehr unterschiedlicher Zielsetzung und inhaltlicher Ausrichtung vorhanden: freiberufliche Anbieter, die von entsprechenden Dienstleistungen leben und eine mit öffentlichen Mitteln finanzierte Konkurrenz befürchten oder wohlfahrtsorientierte Initiativen, die ihr oftmals ehrenamtliches Engagement in diesem Bereich durch die kommunalen Aktivitäten entwertet sehen. Es ist daher erforderlich, diese bestehenden Informations- und Beratungsangebote in ein Konzept zur Unterstützung von generationenübergreifenden Wohnprojekten einzubeziehen und zunächst genau zu analysieren, an welchen Stellen Ergänzungsbedarf besteht.
Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit
In vielen Kommunen wird daher der Aufbau eines Kontaktnetzes von Verwaltung, Initiativen, Grundstückseigentümern sowie Anbietern von Dienstleistungen als wichtige Aufgabe angesehen. Diesem Zweck dienen beispielsweise der Aufbau von Ressourcenkatastern und Datenbanken, Runde Tische, Fachveranstaltungen und Projektbörsen sowie Internetportale und Diskussionsforen. Die Vernetzungsaktivitäten umfassen oft auch die Koordinierung verschiedener Verwaltungsebenen und öffentlicher Einrichtungen, insbesondere bei der strategischen Weiterentwicklung des Themas. Oft mangelt es bei Familien und älteren Menschen auch an Kenntnis über Vorteile und Chancen des generationenübergreifenden Wohnens. Der Informationsarbeit kommt daher generell ein hoher Stellenwert bei den kommunalen Aktivitäten zu. Neben den Projektbörsen und Internetangeboten sind auch die Zusammenarbeit mit örtlichen Medien sowie die Umsetzung von Ausstellungen, Flyern und Leitfäden wichtige Elemente der Informationsarbeit.
Organisation der kommunalen Unterstützungsangebote
Die Unterstützung generationenübergreifender Wohnprojekte ist in den Kommunen oft in das Wohnungsamt bzw. die allgemeine Wohnberatung integriert. In einigen Fällen gibt es eigens gegründete städtische Koordinierungs-, Informations- oder Beratungsstellen, insbesondere dann, wenn zusätzlich eine materielle Förderung des generationenübergreifenden Wohnens existiert. Vielfach erfolgt die Förderung im Auftrag der Stadt durch Planungsbüros, Beratungsunternehmen oder Vereine. Auch Kooperationsformen wie zum Beispiel im Rahmen der lokalen Agenda sind weit verbreitet.
Fazit
Kostenvorteile und der Wunsch nach Selbstbestimmung werden dazu führen, dass künftig verstärkt auch gemeinschaftliche Modelle des Bauens und Wohnens entstehen. Die zunehmende Anzahl solcher Wohnprojekte mit unterschiedlichen Organisationsformen ist auch auf die Tatsache zurückzuführen, dass bisherige familiäre Lebensformen in zunehmendem Maße abgelöst werden durch das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Alters in „Wahlverwandtschaften“, die sich vor allem an gemeinsamen Interessen und Lebensstilen orientieren. Solche Modelle des „generationenübergreifenden Wohnens“ zur Förderung von Selbsthilfe und Selbstorganisation durch Gruppen, stellen eine wichtige Ergänzung der bisher am Markt bestehenden Angebote dar und erweitern diesen um eine zusätzliche Facette, der wachsende Bedeutung zukommt.
Dipl.-Geogr. Gregor Jekel
Telefon: 030/39001-190
E-Mail:
jekel@difu.de
Vorstudie zur Einrichtung einer „Netzwerkagentur Generationenübergreifendes Wohnen“. Endbericht.
Download:
edoc.difu.de/edoc.php?id=COZ7M16W
