Difu-Berichte 4/2006 - Potenziale einer alternden Gesellschaft: Projektergebnisse
Potenziale einer alternden Gesellschaft
Projekt "Regionale und kommunale Strategien zur Aktivierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Potenziale einer alternden Gesellschaft"
Deutschland altert und schrumpft. Ursachen sind niedrige Geburtenraten, Sterbefallüberschuss, weniger Zuwanderung und eine weiter steigende Lebenserwartung. Neben gravierenden Problemen eröffnen diese Veränderungen allerdings auch Potenziale und Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft.
Vor diesem Hintergrund schrieben das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) und das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) das Projekt "Regionale und kommunale Strategien zur Aktivierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Potenziale einer alternden Gesellschaft" aus. Ziel des Projektes war es zu ermitteln, welche Entwicklungschancen sich aus der wachsenden Zahl älterer Menschen für Kommunen und Regionen generieren lassen. Die ältere Generation verfügt nämlich über wirtschaftliche und gesellschaftliche Potenziale, die für die kommunale und regionale Wirtschaft und das Gemeinwesen fruchtbar sein können. Dabei geht es besonders um die 60- bis unter 80-Jährigen, die gebildet, mehrheitlich gesund und finanziell gut ausgestattet sind. Das Projekt setzte damit an der Forschungslücke an, die sich unter dem Stichwort "Potenziale des Alters" in der regional-/kommunalwissenschaftlichen Forschung offensichtlich auftut. Es sollten daher
- zunächst die Potenziale der demografischen Alterung identifiziert, beschrieben und bewertet werden, die für die regionale und/oder kommunale Entwicklung wichtig sein können,
- Beispiele aus Regionen und Kommunen zusammengetragen und bewertet werden, die ihre Aktivitäten bereits auf eines oder mehrere dieser Potenziale ausrichten und
- Handlungsansätze, Strategien entwickelt bzw. aus den Beispielen abgeleitet werden, die auch für andere Kommunen und Regionen Anregungen geben und es möglich machen, diese Potenziale für die eigene Entwicklung sinnvoll zu nutzen.
Ein wichtiger Projektbaustein waren daher "gute Beispiele", die nachahmenswert sind und, auch wenn es eine 1:1-Übertragbarkeit nicht geben kann, dazu anregen, dass sich die regionalen/kommunalen Akteure aktiv mit den Chancen aus der Alterung der Bevölkerung auseinandersetzen.
Als die wichtigsten Potenziale wurden ermittelt:
- Seniorenwirtschaft, z.B. Wohnen im Alter, Wellness, Gesundheit, Tourismus, Freizeitsport, Bildung, neue Medien und Telekommunikation,
- freiwilliges gesellschaftliches Engagement älterer Menschen,
- Potenziale des Alters in der Berufs- und Arbeitswelt (längere Berufstätigkeit),
- Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben, am kulturellen und technischen Fortschritt,
- Potenziale älterer Migrantinnen und Migranten.
In einer umfangreichen Sammlung wurden Beispiele zusammengestellt, die zeigen, wie Kommunen, Regionen, Unternehmen oder andere private, intermediäre Akteure auf die Herausforderungen der Alterung der Bevölkerung reagieren. Sie gibt einen Überblick über die aktuellen kommunalen und regionalen Aktivitäten sowie Länderinitiativen. Die Mehrzahl der Aktivitäten stellt gegenwärtig die Themen Ehrenamt, Wohnen und Leben im Alter, Gesundheit und Prävention sowie (erste Ansätze von) Seniorenwirtschaft in den Mittelpunkt.
Aus diesen Beispielen wurden vier Fallstudien ausgewählt: Amtzell, Bielefeld, Osnabrück und die Akademie 2. Lebenshälfte im Land Brandenburg.
In Amtzell, einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg, liegt der Schwerpunkt der Aktivitäten auf dem freiwilligen gesellschaftlichen Engagement. Ziel ist es, die Gemeinde als Lebensraum einer Gemeinschaft aller Bürger zu begreifen und ein "Wir-Gefühl" zu schaffen. Generationsübergreifendes Vorgehen ist ein fester Bestandteil aller Aktivitäten, die sich in ein strategisches Gesamtkonzept, das "Netzwerk der Generationen", einfügen.
In Bielefeld wurde vor allem die Seniorenwirtschaft untersucht. Die Wirtschaftsförderung der Stadt hat bereits Mitte der 1990er-Jahre die Seniorenwirtschaft als Kompetenzfeld der Wirtschaftsförderung definiert, mit den Bereichen Planen, Bauen, Wohnen, Gesundheit und Wellness, Tourismus und Freizeit. Darüber hinaus gibt es in Bielefeld seit 2004 eine Stabsstelle "Demografische Entwicklungsplanung" beim Oberbürgermeister (1. Demografiebeauftragte Deutschlands), die aktuell ein "Demografisches Handlungskonzept" entwickelt und gemeinsam mit der Politik auf den Weg gebracht hat.
In Stadt und Landkreis Osnabrück wurden verschiedene Aktivitäten untersucht. Im Landkreis wird seit mehreren Jahren im Rahmen eines gesamtstrategischen Konzepts die Gestaltung des demografischen Wandels vorangetrieben. Wichtige Handlungsfelder sind die intensive Förderung des freiwilligen ehrenamtlichen Engagements, aber auch Aktivitäten im Bereich des lebenslangen Lernens, des altersgerechten Arbeitens und der Unterstützung einer längeren Berufstätigkeit. Die Samtgemeinde Artland im Landkreis Osnabrück hat das Thema des demografischen Wandels als Schwerpunkt ihres aktuellen Samtgemeindeentwicklungskonzepts definiert und strebt u.a. an, sich als Kompetenzzentrum für Reha- und Gerontotechnologie zu positionieren. Die Stadt Osnabrück verfügt über eine lange Erfahrung in der "klassischen" Seniorenarbeit. In den Aktivitäten der Lokalen Agenda 21 spielt auch das Thema "Ältere Menschen" in unterschiedlichen Bezügen eine wichtige Rolle.
Die Akademie 2. Lebenshälfte e.V. Brandenburg entstand 1994 aus dem Zusammenschluss von drei regionalen Arbeitsfördergesellschaften als Initiative "von unten". Ziel der Aktivitäten ist vor allem die Integration älterer Menschen in Arbeitsmarkt und Gesellschaft, also u.a. eine längere Berufstätigkeit, und die Bewältigung des demografischen Wandels "unter Beachtung und Nutzung der Kompetenz Älterer", die u.a. über ein stärkeres freiwilliges gesellschaftliches Engagement nutzbar gemacht werden soll.
Die aus diesen unterschiedlichen Beispielen abgeleiteten Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen beziehen sich auf
- die Rahmenbedingungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik: Hier geht es vor allem darum, stärker für das Thema "Altern" zu sensibilisieren, ein Umdenken einzuleiten, eine intensive Kommunikation, die Organisation des demografischen Wandels - als Querschnittsaufgabe - in Verwaltungen anzustoßen;
- Konzepte und Strategien: Die Handlungsempfehlungen erläutern die Notwendigkeit eines integrativen Vorgehens an Stelle eines Nebeneinanders von oft unabgestimmten Einzelansätzen. Kooperation stellt auch in diesem Handlungsfeld eine zentrale Strategie dar, Leuchtturmprojekte können Nutzen stiften, Monitoring und Controlling der Aktivitäten gehören als notwendige Instrumente der Zielüberprüfung und eines eventuellen Umsteuerns unabdingbar dazu;
- konkrete Handlungsfelder: Ausführlich wird an Beispielen und darüber hinaus dargestellt, wie Aktivitäten im Bereich Regional-/Seniorenwirtschaft gestaltet werden können, welche Rahmenbedingungen zu beachten sind, welche Akteure dazu gehören, welche Handlungsfelder sich zunächst anbieten. Ähnlich wird das Themenfeld des bürgerschaftlichen Engagements - als eines der wichtigsten zukünftigen Potenziale - aufbereitet, wird die Frage neuer Instrumente (z.B. Demografie-Check) und zielgruppenspezifischer Strategien diskutiert;
- Akteure: so z.B. auf die Rolle und Notwendigkeit von Leitfiguren, die Themen in die Diskussion bringen und aktiv stützen, auf die Unterstützung durch die politische Spitze, die Rolle weiterer Akteure, aber auch auf Handlungsansätze für Bund und Länder.
Die Diskussion über die Potenziale und Chancen, die sich aus einer alternden Bevölkerung ergeben, beginnt erst. Die Beispiele zeigen anschaulich, welche Ansatzpunkte es für Kommunen und Regionen gibt, aktiv zu werden. Dieses handlungsorientierte Wissen muss zukünftig viel breiter kommuniziert und kontinuierlich erweitert werden. Dabei geht es weniger um die Frage der direkten Übertragbarkeit einzelner Handlungsansätze, die grundsätzlich eher schwierig ist, als darum, Anregungen für die Herausforderungen im eigenen Umfeld zu erhalten und daraus Konsequenzen für die Konzeption und Weiterentwicklung einzelner Projekte und Maßnahmen zu ziehen. Erfahrungsaustausch und das Angebot "guter Beispiele" können dabei wertvolle Unterstützung leisten, auch Bund und Länder sind hier gefragt. Im Hinblick auf Bewusstseinsbildung und Kommunikation in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft bleibt noch viel zu tun.
Die Ergebnisse der Studie (BBR-Online-Publikation Nr. 9/2006) können von den Internetseiten des BBR heruntergeladen werden:
http://www.bbr.bund.de/.
Dr. rer. nat. Beate Hollbach-Grömig
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