Difu-Berichte 4/2006 - Neue Qualitäten im Städtebau durch Gender Mainstreaming

Ergebnisse des ExWoSt-Modellvorhabens "Gender Mainstreaming im Städtebau"

Gender Mainstreaming (GM) soll die Perspektive der Gleichstellung der Geschlechter in alle Politikbereiche und (politischen) Aktivitäten integrieren - damit müssen auch die unterschiedlichen Lebenssituationen sowie Bedürfnisse von Frauen und Männern im Städtebau berücksichtigt werden. Um diesen Weg für die Praxis leichter begehbar zu machen, wurde vom Deutschen Institut für Urbanistik gemeinsam mit den Planungsbüros "Büro für integrierte Planung" aus Berlin und "plan-werkStadt" aus Bremen von 2003 bis Mitte 2006 im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), vertreten durch das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) das Vorhaben des Experimentellen Wohnungs- und Städtebaus (ExWoSt) "Gender Mainstreaming im Städtebau" durchgeführt. Das abschließend veröffentlichte Werkstatt-Praxis-Heft und die Online-Publikation des Endberichts sind auf der Homepage des BBR zu finden:
www.bbr.bund.de. Zudem wird das Difu in Kürze eine Arbeitshilfe zur Umsetzung von Gender Mainstreaming (GM) in der Bauleitplanung veröffentlichen.

Die Ergebnisse des Modellvorhabens zeigen konkrete Wege zur Umsetzung des Abwägungstatbestandes "Chancengleichheit" auf. Dabei sehen die beteiligten Kommunen in GM einen deutlichen Qualitätsgewinn von Planungsprozessen und -inhalten und bescheinigen "gegenderten" Planverfahren höhere Effektivität. Gender Mainstreaming führt zu einer inhaltlichen und prozessualen Qualifizierung von Planungsprozessen. Durch konzeptionelle Klarheit, nachvollziehbare und überprüfbare Planungsentscheidungen, durch einen umfassenden Abgleich der Interessen und durch bessere Verfahren der Nutzerbeteiligung kann ein Qualitätsgewinn für den Städtebau und die gebaute Umwelt erzielt werden. Insbesondere die Erfassung der Bedürfnisse der Nutzer, also ein genaues Nachschauen und Nachfragen und eine transparentere Interessenabwägung, erhöhen die Passgenauigkeit und damit den effektiveren Mitteleinsatz in der räumlichen Planung. Folgende Erfolgskriterien wurden herausgearbeitet:

Fordern und fördern
Die Förderung von Gender Mainstreaming einerseits, aber auch die konkrete Forderung nach ihrer Umsetzung andererseits durch eine Verankerung in verbindlichen Regelwerken und Fördermittelinstrumenten stellt eine notwendige Rahmenbedingung für die erfolgreiche Umsetzung von Gender Mainstreaming dar.

Überzeugte und konsequent handelnde Führungskräfte (Top-down)
Engagierte Führungskräfte sind im Rahmen des Top-down-Ansatzes notwendig, um Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten eindeutig zu regeln, stringente Strukturen aufzubauen und umzusetzen, notwendige Ressourcen zuzusichern, die kontinuierliche Erfolgskontrolle durchzuführen und weitere Mitarbeiter in der Verwaltung, aus der Politik und Öffentlichkeit für das Thema zu motivieren.

Engagierte und kompetente Akteure in der Verwaltung und als externe Auftragnehmer (Bottom-up)
Die an den Prozessen Beteiligten tragen durch ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit und Steuerungskompetenz wesentlich dazu bei, Gender-Aspekte in die Prozesse zu integrieren. Durch den Bottom-up-Ansatz erhält der Top-down-Ansatz die erforderliche Ergänzung.

Definition politischer und projektbezogener Ziele
Ohne eine detaillierte Festlegung von Zielen, die mit der Umsetzung von Gender Mainstreaming erreicht werden sollen, können die mit der Gleichstellungsstrategie verbundenen politischen Ziele ins Leere laufen. Notwendig ist deshalb ein komplexer Prozess der Zielfindung und -formulierung.

Funktionierendes geschlechterdifferenziertes Datenmanagement
Ein konsequentes geschlechterdifferenziertes Datenmanagement ist erforderlich, um die im Vorfeld der Planung notwendige Bestandsanalyse durchführen zu können.

Systematisch organisierte Planungsprozesse
Eine Durchführung von geschlechterdifferenzierter Bestandsanalyse, Zielfestlegung, Maßnahmeplanung, Umsetzung und Erfolgskontrolle und eine damit verknüpfte systematische Verwaltungsorganisation sind notwendige Grundlagen der Umsetzung von Gender Mainstreaming.

Dokumentation des Gender-Prozesses
Eine ausführliche Aufbereitung des Umsetzungsprozesses ist erforderlich, um nachvollziehbare und beispielgebende Anregungen für die Prozessgestaltung und Durchführung weiterer Gender-Planungen zu vermitteln.

Vermittlung von Gender-Wissen und -Kompetenzen
Einer erfolgreichen Verknüpfung von Gender- und Fachwissen sowie der Vermittlung von fachlich konkretem Gender-Wissen ist eine wichtige Bedeutung zuzumessen. Diese Vermittlung im Themenfeld Städtebau kann nicht allein über allgemeine Gender-Trainings, sondern sollte über fachbezogene Fortbildungen erfolgen, die an den konkreten Arbeitsanforderungen anknüpfen. Neben der fachlichen Kompetenz externer Gender-Berater sind allgemein nutzbare Arbeitshilfen hilfreich, wie sie unter anderem im Rahmen des vorliegenden ExWoSt-Vorhabens erarbeitet wurden.

Gender Mainstreaming benötigt als ein umfassender kommunaler Lernprozess vor allem die Formulierung politischer Ziele und einen langen Atem. Es ist davon auszugehen, dass eine dauerhafte Umsetzung dieser Querschnittsstrategie, vergleichbar mit der Nachhaltigkeitsstrategie, nicht von heute auf morgen gelingen wird und ohne Anreize des Bundes in den Routinen der Verwaltungen unterzugehen droht. Werden aber die Hürden einer anfänglichen Auseinandersetzung mit der neuen Gleichstellungsstrategie gemeistert, kann Gender Mainstreaming zu einem qualitätsvollen kommunalen Städtebau führen.

Weitere Informationen: 

Dr. rer. pol. Stephanie Bock
Telefon: 030/39001-189
E-Mail:
bock@difu.de

Download:
www.bbr.bund.de