Difu-Berichte 4/2006 - Difu-intern
Rolf-Peter Löhr verlässt das Difu zum Ende des Jahres 2006 in den wohlverdienten Ruhestand. Vor 18 Jahren kam er aus dem Bundesbauministerium und übernahm die Geschäftsführung des Vereins für Kommunalwissenschaften und zugleich die Funktion des stellvertretenden Difu-Institutsleiters. Er hat wie kaum ein anderer das Institut während dieser turbulenten und von großen Umbrüchen gekennzeichneten Zeit geprägt. Wegweisend für sein Wirken waren stets die programmatischen Worte von Willy Brandt: "Mehr Demokratie wagen!" Von dieser Idee geleitet, setzte er wichtige Impulse für die inhaltliche Ausrichtung des Instituts und baute seit 1992 an der Seite von Heinrich Mäding das Difu zu einem flexiblen und leistungsfähigen Stadtforschungsinstitut von internationalem Rang aus.
Den großen Herausforderungen, denen sich das Difu nach der deutschen Wiedervereinigung gegenüber sah, stellte er sich mit Mut und Geschick. Mit den Projekten zum Aufbau Ost wurden wichtige Bausteine für die Entwicklung der kommunalen Selbstverwaltung in den neuen Bundesländern gesetzt. Das Institut wuchs unter seiner Verantwortung und mit ihm die Zahl der Aufgaben. Projekte wie "Hilfe zum Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung in den neuen Bundesländern" und "Städtebauliche Entscheidungshilfen" wurden unter seiner Regie kreiert. Hervorzuheben ist auch die Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe beim Verein für Kommunalwissenschaften, die seit 1995 das Vorläuferprojekt "Informations-, Beratungs-, Fortbildungsdienst Jugendhilfe in den neuen Bundesländern (IBFJ)" mit bundesweitem Zuschnitt fortsetzt. Als Geschäftsführer des VfK hat Löhr maßgeblich zur Modernisierung des Ernst-Reuter-Hauses beigetragen. Er setzte sich stets dafür ein, im Ernst-Reuter-Haus - dem Haus des Deutschen Städtetages - Institutionen mit kommunalem Bezug wie den vhw - Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung e. V. oder den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) anzusiedeln.
Der ausgewiesene Baurechtler, bekannt vor allem durch das Standardwerk Battis/Krautzberger/Löhr, BauGB Kommentar, hat sich in seiner Zeit beim Difu nie an den engen Rahmen rechtswissenschaftlicher Dogmatik gehalten. Er hat die Rechtswissenschaften immer als Mittel zur Beeinflussung der Lebenswirklichkeit und damit als Instrument der politischen Gestaltung verstanden. Gesetze sind in diesem Sinne immer auch Programm, denen auch eine edukatorische Funktion zukommt. Das Difu hat sich deshalb immer wieder für die Fortentwicklung des Städtebaurechts als Instrument einer modernen und sozial ausgewogenen Stadtentwicklung mit innovativen Vorschlägen eingesetzt. Zu erwähnen sind hier nicht nur die Planspiele und Praxistests zu allen größeren Städtebaurechtsnovellen, sondern auch die Expertenkreise im Vorfeld von Gesetzgebung, wie z.B. zur Vorbereitung der großen Baurechtsnovelle 1997/1998, die unter Leitung von Rolf-Peter Löhr wichtige Impulse für das Gesetzgebungsvorhaben erarbeitete. Bei der Novelle 2004 (EAG Bau) dürfte die Aufnahme der Vorschrift zu Maßnahmen der Sozialen Stadt in § 171e BauGB auch auf Löhrs nachdrückliches Petitum zurück zu führen sein.
Damit ist der thematische Bereich angesprochen, den Rolf-Peter Löhr seit etwa Mitte der 1990er Jahre mit nicht nachlassendem Engagement vorangetrieben hat: "Die Soziale Stadt". Die zunehmenden Probleme der Städte in bestimmten - sehr bald als benachteiligt bezeichneten - Stadtquartieren machten es erforderlich, mit einem neuen Politikansatz zu reagieren. Als bekennender und praktizierender Christ, immer auch dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit verbunden, war und ist es für Löhr ein zentrales Anliegen, diese Idee voran zu bringen. Bereits 1997 hat er bei einer Anhörung des Deutschen Bundestages zu Fragen der Städtebauförderung auf die Notwendigkeit der besonderen Beachtung benachteiligter Stadtteile hingewiesen, die mit den klassischen Instrumenten der Städtebauförderung nicht wirkungsvoll zu bekämpfen sind. Im Anschluss betraute die Bundesregierung das Difu zunächst mit Expertenworkshops und einem Forschungsauftrag zur experimentellen Erprobung von Ansätzen sozialer Stadtteilentwicklung. 1998 wurden diese Ansätze dann zu einem eigenständigen Programm ausgeweitet und das Difu mit der Programmbegleitung zur Unterstützung der Implementation dieses inhaltlich und methodisch anspruchsvollen und den Bereich des Gewohnten verlassenden Programms betraut.

Stets engagiert, nicht nur wenn es um die „Soziale Stadt” geht: Rolf-Peter Löhr
Grundlegend für dieses Engagement ist die Erkenntnis, dass eine an Quartieren, das heißt sozialräumlich ausgerichtete Sozialpolitik unter aktivierender Einbeziehung der Betroffenen, ökonomisch effizienter und sozialpolitisch effektiver ist, als herkömmliche, an bestimmten Zielgruppen ausgerichtete Maßnahmen. Soziale Stadt wirkt präventiv und es erfordert ein Zusammenwirken einer Vielzahl unterschiedlicher Politikfelder, Verwaltungseinheiten, Verbände und Institutionen. Hier war und ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Rolf-Peter Löhr hat sich hierbei große Verdienste erworben.
Nicht zuletzt seinem Engagement ist es zu verdanken, dass der innovative sozialräumliche Politikansatz auch in traditionell eher sektoral und nicht räumlich ausgerichteten Politikfeldern an Bedeutung gewinnt. Exemplarisch sei hier nur der Bereich der Gesundheitsförderung angesprochen. Denn eine effiziente und sozial gerechte Gesundheitspolitik muss präventiv ansetzen. In einem Tagungsbeitrag am 14. und 15. April 2005 verwies Löhr auf die erschreckenden Zahlen des Sozialstrukturatlas für Berlin aus dem Jahr 2003, aus denen deutlich wird, dass gerade in den benachteiligten Stadtteilen Berlins die Gesundheitslage erheblich schlechter ist als im Durchschnitt oder als in den so genannten besser gestellten Stadtteilen. So verwundert es nicht, dass unter Löhrs maßgeblichen Initiative beim Difu die Arbeitsgruppe gesundheitsfördernde Gemeinde- und Stadtentwicklung gegründet wurde.
Die "Ära Löhr" ist für das Difu zwar formal gesehen abgeschlossen, seine Ideen und Überzeugungen sowie sein vorbildhaftes Engagement werden gleichwohl Maßstab setzend bleiben. In diesem Sinne bewahrheitet sich sein programmatischer Leitsatz zur Gewissheit: Mehr Demokratie wagen und gewinnen.
Im Januar 2007 verlässt
Robert Sander nach rund 16 Jahren das Difu. Seine besondere Wegstrecke nach Berlin war den Wirrnissen der Kriegs- und Nachkriegszeit geschuldet: Geboren im Februar 1942 in Kolberg/Pommern kam er als Flüchtlingskind zunächst in die Lüneburger Heide. Er wuchs mit vier Geschwistern in Walsrode auf und lernte früh das überlebensbedeutsame "Kartoffeln stoppeln", Pilze sammeln und den Wert von CARE-Paketen kennen.
In Berlin an der Freien Universität studierte er Soziologie und Politik. Die Spreemetropole ließ Sander fortan nicht mehr los, hier war der Mittelpunkt seiner beruflichen Tätigkeit, auch wenn ihn ungezählte Projekte immer wieder "über Land trieben". Er war zunächst Mitarbeiter in einem Architekturbüro; es folgte die Tätigkeit im Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin. 1974 gründete Sander mit mehreren Partnern das Planungsbüro "Arbeitsgruppe für Regionalplanung Berlin ARP" und war bis Ende 1990 Mitgesellschafter dieser Einrichtung.
Im Januar 1991 begann er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Difu, zunächst arbeitete er im Programm "Hilfe beim Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung in den neuen Bundesländern" der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände, später wechselte er in den Arbeitsbereich Fortbildung, dessen langjähriger Koordinator er war. Zwar zeichnet Sander unter anderem aus, dass er vor keinem Thema Furcht hat - das darf ein gestandener Seminarist am Difu auch nicht. Dennoch richtete er seinen Blick stets besonders auf aktuelle Probleme und Fragestellungen der Forschungsschwerpunkte Stadt- und Regionalplanung, Stadtentwicklung, Städtebau und Stadterneuerung.
So sehr ihm gegönnt sei, dass er sich nun "den schönen Dingen des Lebens" verstärkt zuwenden kann - wozu er Neugier, Lesen und darüber sprechen, guten Rotwein, Segeln, am Wasser lang laufen, Portugal, Querdenken, Wolken beobachten, klassische Musik und Stadtspaziergänge zählt -, so sehr wird das Institut einen "gestandenen" Wissenschaftler vermissen, der nie nein gesagt hat, wenn es darum ging, "urbane Dinge" voranzubringen.
