Difu-Berichte 4/2005 - Zukunft von Stadt und Region: Perspektiven der Regionalisierung
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Der Forschungsverbund "Stadt 2030" mit 21 Projekten in 33 Städten, wissenschaftlich begleitet vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), wurde im Jahr 2000 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ins Leben gerufen, um Stadtforschung und Stadtpolitik über unmittelbare Tagesprobleme hinaus zur Entwicklung langfristiger Perspektiven und Problemlösungen anzuregen. Gefördert wurden im Gesamtforschungsverbund "Stadt 2030" transdiziplinäre Projekte, die ihre Vision 2030 als realistische und gleichfalls offene, korrigierbare und in Grenzen zu beeinflussende Zukunftsvorstellung entwickeln sollten. In der Publikationsreihe "Zukunft von Stadt und Region" werden die Ergebnisse der Projekte und der Begleitforschung der Öffentlichkeit vorgestellt.
Schwerpunkt der neuen Publikation ist eine Auseinandersetzung mit Regionalisierungsprozessen als bedeutende Bestandteile einer zukunftsorientierten kommunalen Perspektive. Die Sicherung gleichermaßen effizienter wie politisch legitimierter, von der Stadtbevölkerung anerkannter und getragener Autonomie lokaler Selbstverwaltung wird in diesen Projekten des Forschungsverbundes angesichts zunehmender regionaler Verflechtungen der meisten Städte zu einer wichtigen Zukunftsfrage. Wie kann kommunaler Eigensinn mit regionalem Denken und Handeln verbunden werden? In den Beiträgen des Sammelbandes werden im Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und kommunaler Praxis die Wechselbeziehungen zwischen Region und Kommune diskutiert und Formen künftiger regionaler Stadtgestalt, Stadtorganisation und Stadtpolitik gesucht. Konkurrenz oder Arbeitsteilung und Kooperation zwischen Städten, "weiche" Vertragsregelungen oder "harte" regionale Institutionen sind zwei der Pole, zwischen denen die Regionalisierungprojekte aus "Stadt 2030" die Zukunftsperspektiven lokaler Selbstverwaltung in deutschen Städten entwickeln.
Konsistente Schlüsse oder gar konkrete Handlungskonzepte können vor dem Hintergrund der Unterschiede zwischen den beteiligten Städteprojekten, ihren Rahmenbedingungen und den jeweiligen Ansätzen nicht Ziel der Zusammenstellung ausgewählter Ergebnisse sein. Vielmehr bieten gerade die feststellbaren Differenzen und Nuancen Hinweise auf künftige Möglichkeiten, sie legen aber auch kontroverse Einschätzungen offen und weisen strittige Fragen nach. Die beteiligten Projekte wählten bei der Ausarbeitung ihrer Ergebnisse für diesen Band entweder eine eher praxisbezogene oder eine eher wissenschaftliche Perspektive, sodass auch in Sprache, Duktus und Schwerpunktsetzung der einzelnen Beiträge die Vielfalt des Forschungsverbundes sichtbar wird.
Das potenzielle Infragestellen der rechtlichen und politischen Grenzen der Städte im Forschungsverbund stellt ein schwieriges Terrain dar. Daher erwies sich "Regionalisierung" für die am Verbund "Stadt 2030" teilnehmenden Projekte als ein spannendes und nicht konfliktfreies Handlungsfeld, das vor allem vor dem Hintergrund kommunaler Selbstverwaltung Brisanz in sich barg und birgt. Die Teilnahme wurde als Chance genutzt, im Freiraum eines Forschungsprojekts neue Spiel- und Handlungsmöglichkeiten zu entfalten. Die geforderte produktive, wenn auch nicht einfache Verbindung von Theorie und Praxis durch die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Verwaltung und Politik führte dazu, neue Wege nicht nur "auszudenken", sondern diese auch auszuprobieren. Ob es den beteiligten Städten gemeinsam mit der kooperierenden Wissenschaft gelungen ist, "wirklich abseitig zu denken", wie Karl Ganser es ausdrückt, und ob "Steine des Anstoßes" formuliert werden konnten, ist deshalb eine der Fragen, unter denen die Ausführungen in diesem Band zu betrachten sind.
Projekte des Forschungsverbunds "Stadt 2030" mit |
Die Folgen der Suburbanisierung für die Zukunft sowohl der Kernstädte als auch des suburbanen Raumes stehen im Mittelpunkt der ersten Beiträge. Im zweiten Teil konzentrieren sich die Fragen auf regionale Selbstorganisation und regionale Kommunikation.
In seinem einleitenden Essay Die Region die Stadt der Zukunft - Perspektiven für die Regionalisierungrichtet Karl Ganser seinen Blick zunächst am Beispiel des Ruhrgebiets auf die Vergangenheit der Regionsbildungen mit ihren Erfolgen und Misserfolgen. Perspektiven für die Regionalisierung leitet er aufgrund dieser Erfahrungen vor allem aus einer aktivierenden Regionalpolitik ab, die vorhandene Formen zu ergänzen habe.
Hartmut Usbeck und andere blicken in dem Beitrag Schkeuditz 2030 - Zukunft des suburbanen Raumesauf die Zukunftsbedingungen und -möglichkeiten eines suburbanen Zentrums. Sie setzen sich kritisch auseinander mit der "Zwischenstadt" als nur schwer abzuwendender Perspektive für die Stadt Schkeuditz, eindrucksvoll beschrieben als Stadt hoher Zentralität ohne Zentrum. Beleuchtet werden die Spielräume möglicher Steuerung entlang mehrerer Szenarien, die unter den Rahmenbedingungen einer wachsenden und einer schrumpfenden Entwicklung entworfen werden.
Die durch Suburbanisierung gewachsenen stadtregionalen Verflechtungen neu zu bewerten steht im Zentrum des Beitrags Stadtregion und Landschaftsraum - Perspektiven und strukturelle Umwertung der Region Karlsruheu.a. von Henri Bava. Das Autorenteam wählt als Ausgangspunkt die schwierige politische, rechtliche, ökonomische und städtebauliche Weiterentwicklung der Stadtregion Karlsruhe über den Rhein. Dieser wird nicht mehr als Grenze, sondern als zukünftiges verbindendes Element interpretiert. Dabei werden Handlungserfordernisse auf vier unterschiedlichen räumlichen Ebenen mit vier thematischen Konkretisierungen beschrieben. Zukunftsweisend sei eine strukturelle Umwertung der Region. Sie wird in dem Beitrag entlang der Begriffe von Stadtregion und Landschaftsraum entfaltet. Reflektiert werden tragfähige Kooperationsstrukturen, die in zwei komplementäre raumstrategische Szenarien münden: regionale Netzstadt und europäische Kompetenzregion.
Ingrid Krau befasst sich in ihrem Beitrag Stadtregion als kooperatives Netzwerk - Zur Zukunft von Mobilität und Kommunikation in der Stadtregion Münchenmit dem Leitbild einer zur Stadtregion erweiterten Stadt, die von weiterem Wachstum geprägt ist. Fokussiert wird dabei auf Aspekte von Mobilität und Kommunikation. Aufgrund zunehmender Suburbanisierung und, damit verbunden, wachsendem Mobilitätsbedarf plädiert sie dafür, eine - nicht nur städtische sondern auch suburbane - Mobilitätskultur zu entwickeln. Deren mögliche Rahmenbedingungen werden anhand dreier räumlicher Modelle regionaler Entwicklung konkretisiert, die für die Stadtregion unterschiedliche Optionen als erweiterte Stadt eröffnen können.
Ulrich Kegel und andere wenden sich in ihrem Beitrag Leitbildprozess STADT+UM+LAND 2030: Kooperationsstrategien der Region Braunschweig zur Gestaltung des demographischen Wandelsneuen Organisationsformen des politisch-administrativen Systems auf städtischer wie auf regionaler Ebene zu, die sie angesichts des demographischen Wandels als notwendig erachten. Vorgestellt werden Erfahrungen und Ergebnisse des mehrdimensionalen Beteiligungsansatzes, der als Baustein einer zukunftsweisenden Selbstorganisation erprobt und ausgewertet wurde. Mit Bezug auf neue Steuerungsformen in den Regionen und das Governance-Konzept wird in dem Beitrag dafür plädiert, die stadtregionale Selbstorganisation zu stärken sowie private und zivilgesellschaftliche Akteure besser einzubeziehen.
In ihrem Beitrag Gießen-Wetzlar 2030 - Von Konkurrenz durch Kooperation zu Konsens stellen Uwe Ferber und Peter Rogge die Ergebnisse der von ihnen entwickelten Kooperationsstrategie dar. Als Reaktion auf suburbanisierung, die Konkurrenz Kernstadt-Umland und die Organisation stadtregionaler Prozesse wird für das Konzept funktionaler Regionen votiert, in denen spezifische Akteure je nach Thema und Problem in unterschiedlichen Regionszuschnitten kooperieren. Dies stärke die Region und wirke sich zugleich positiv auf die beteiligten Städte aus. Um in dieser funktional vernetzten Region Zukunftsfähigkeit und gemeinsames Handeln zu erreichen, entwirft das Projekt eine neue Methodik. In ihr wird Zukunft als Prozess aufgefasst, wird eine zukunftsfähige Planungsstrategie erarbeitet.
Ulf Hahne und andere verstehen in dem Beitrag wischen den Rändern - Regionsbildung heterogener Regionen: Der Raum Schwalm-Eder-WestRegionalisierung als interkommunale Kooperation in dem neu geschaffenen interkommunalen Raum einer heterogenen Region. Untersucht wird, wie sich in einem solchen regionalen Raum die Auseinandersetzung mit künftigen Herausforderungen gestalten lässt. Im Mittelpunkt steht ein partizipativer Ansatz, in dessen Rahmen ein moderiertes Informationsverfahren zu Handlungsempfehlungen führen soll. Eine Diskussion der Ziele, Stärken, aber auch der Grenzen aktivierender Bürgerbeteiligung leitet über zu einer genaueren Differenzierung öffentlicher Dialogverfahren und einer Bewertung des gewählten Partizipationsansatzes. Dabei wird besonders auf heterogene Regionsbildungen eingegangen, die - analog zum Bild der "Zwischenstadt" - als "Zwischenregionen" bezeichnet werden. Diese Zwischenregionen besitzen - so die These des Autorenteams - besondere Kooperationspotenziale, wie sich am Beispiel Schwalm-Eder-West nachvollziehen lasse.
Abschließend fasst Stephanie Bock in Kommunale Zukunft in regionalen Räumen: Fragmentierung und Kohäsion unterschiedliche Zugänge und Konzepte der Projektbeiträge zusammen und leitet daraus offene Fragen mit Blick auf den Forschungsverbund ab.
Dr. rer. pol. Stephanie Bock
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