Difu-Berichte 4/2005 - Nachhaltige Wiedernutzung und Revitalisierung von Brachflächen
Neue Veröffentlichung im Rahmen der deutschamerikanischen Forschungskooperation
Deutsch-amerikanische Forschungskooperation
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die United States Environmental Protection Agency (US EPA) starteten 1990 eine bilaterale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Altlastensanierung. Die aktuelle Phase der deutsch-amerikanischen Forschungskooperation steht unter der Überschrift "Nachhaltige Ressourcenschonung - Flächenmanagement und Flächenrecycling - Sustainable Ressource Conservation - Land Management/Site Recycling". Im Rahmen dieser Zusammenarbeit steht eine Serie von sechs Workshops, von denen die fünfte Veranstaltung in der Reihe der Difu-Materialien dokumentiert wurde.
Ein wesentlicher Baustein des transatlantischen Lernprozesses ist der Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen amerikanischen und deutschen Wissenschaftlern, vor allem aber auch kommunalen Praktikern im Hinblick auf geeignete Strategien und Instrumente des Flächenrecyclings.
Dokumentation eines bilateralen Workshops in St. Louis
Der vom 15. bis 17. September 2004 in St. Louis, Missouri, durchgeführte fünfte Workshop behandelte das Thema "Nachhaltige Wiedernutzung und Revitalisierung von Brachflächen". Im Zentrum stand die bilaterale Information über die in den USA und in Deutschland angewandten Strategien, Instrumente und Bewertungsansätze, die für Brownfield Redevelopment/Flächenrecycling einsetzbar sind.
Die Dokumentation, die umfangreiche übersetzte Texte sowie englischsprachige Vortragsfolien umfasst, enthält Beiträge Usamerikanischer und deutscher Experten über die Integration und Umsetzung ökonomischer, sozialer und ökologischer Ziele bei der Entwicklung von Brachflächen.
Nachhaltige Wiedernutzung und Revitalisierung von Brachflächen
Die besondere Herausforderung, soziale, ökonomische und ökologische Belange in ausgewogener Weise bei Revitalisierungsvorhaben zu berücksichtigen, führt zu den folgenden herausragenden Fragestellungen, denen die verschiedenen Workshopbeiträge aus verschiedenen Blickwinkeln heraus nachgingen:
- Können Flächenrecyclingprojekte zur Erreichung oder Erhaltung nachhaltiger Lebensbedingungen maßgeblich beitragen?
- Können mit einer bestimmten Wiedernutzung von Brachflächen die ökologische Tragfähigkeit erhalten und gleichzeitig die Lebensqualität des Menschen verbessert werden?
- Welche Chancen bietet die Wiedernutzung von Industriebrachen für die nachhaltige Entwicklung in einem Stadtquartier, einer Stadt, einer Region oder in einem größeren räumlichen Bezug?
Flächenrecycling kann in diesem Zusammenhang langfristig wirksame stadtregionale, regionalwirtschaftliche und volkswirtschaftliche Kostenvorteile erbringen. Vor dem Hintergrund zu erwartender demografischer Veränderungen und drohender Funktionsverluste städtischer Standorte und Infrastrukturen ist dieser Aspekt vielerorts von besonderer Brisanz.
Nachhaltigkeit als Ziel und Maßstab von Flächenrevitalisierungsvorhaben
Folgende Schlüsselmerkmale charakterisieren nachhaltige Revitalisierungsvorhaben:
- Ökonomische Ausgewogenheit (positives Kosten-Nutzen-Verhältnis für alle beteiligten Akteure),
- Berücksichtigung sozialer, ökonomischer und ökologischer Folgekosten und Vorteile bei der Entwicklung von Brachflächen,
- Unterstützung von Zielen von übergeordnetem öffentlichen Interesse.
Der Abgleich privater Interessen von Entwicklern und Investoren mit öffentlichen Zielen und Interessen der Stadtentwicklung rückt zunehmend in den Mittelpunkt von Flächenrecyclingprojekten.
Die Bewertung der Nachhaltigkeit von Flächenrecyclingvorhaben erweist sich jedoch als schwierig, da sowohl Wechselbeziehungen zwischen wirtschaftlichen, umweltbezogenen und sozialen Auswirkungen zu berücksichtigen sind als auch verschiedene Mikro- und Makrostandortbedingungen, Risiken und politisch-administrative, marktliche, instrumentelle und zeitliche Anforderungen einzubeziehen sind.
Bestehende Möglichkeiten für eine nachhaltige Flächenrevitalisierung: Instrumente, Maßnahmen, Strategien
Das regionale Berufsbildungszentrum in der Stadt Wellston, St.Louis County - Metropolitan Education and Training ("MET") Center in den ehemaligen Wagner Electric-Werken Werbung für eine Teilfläche im Plymouth-Industriepark in der Stadt Wellston, St. Louis County Workshopteilnehmer während der Gruppenübung im Plymouth-Industriepark in der Stadt Wellston, St. Louis County |
Zu den generellen institutionellen und prozeduralen Rahmenbedingungen eines nachhaltigen Flächenrecyclings zählen u.a. die Diskussion und Entscheidung über Flächenrecyclingvorhaben im Gemeindeparlament sowie die aktive Unterstützung durch die Stadtspitze. Die Einrichtung einer städtischen Organisationseinheit zur Unterstützung von Revitalisierungsvorhaben kann zur Professionalisierung des Flächenrecyclings beitragen. Weiterhin sind alle für ein Vorhaben in Betracht kommenden Finanzierungsformen und Förderprogramme auf ihre Eignung zu überprüfen.
Wichtige ökonomische Aspekte sind die nachfrage- und zielgruppenorientierte Flächenentwicklung, der Einsatz von Verkaufserlösen aus Flächenverkäufen für die Förderung von Revitalisierungsprojekten, die Abschöpfung von Bodenwertsteigerungen von entwickelten Brachflächen und die Reduktion von Betriebskosten durch den Einsatz adäquater Ver- und Entsorgungslösungen. Die Wirtschaftlichkeit von Flächenrecyclingprojekten ist durch Rentabilitätsberechnungen, Liquiditätsberechnungen, Portfoliomanagement und Markenbildung zu sichern. In den USA und in Deutschland bestehen vielfältige Förderinitiativen und -instrumente auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Darüber hinaus werden verschiedene Formen von Public Private Partnerships eingesetzt. Spezielle in den USA bestehende Anreize stellen u.a. Steuernachlässe, -stundungen, steuerbegünstigte Schuldverschreibungen und Anleihen (bonds) sowie die Praxis des tax increment and finance (TIF) dar. Bei letzterem verwenden die Kommunen das im Zuge des Flächenrecyclings anzunehmende erhöhte Steueraufkommen zur Finanzierung öffentlicher Investitionen in das Projekt). Weiterhin werden zinsgünstige Kredite im Rahmen von revolving loan funds (RLF) gewährt.
Wichtige ökologische Aspekte betreffen das Altlastenmanagement wie zum Beispiel die Einrichtung eines On-Site-Abfallmanagements und eines flächenbezogenen Abfallmanagementplans sowie die Riskobewertung und -minimierung. In Bezug auf bestehende oder neue Gebäude und Infrastruktur sind Energiemanagementpläne für Gebäude, der Einsatz erneuerbarer Energien, Regenwassernutzung, der selektive Rückbau bestehender Gebäudestrukturen, der Wiedereinbau von Materialien, die Entsiegelung nicht mehr benötigter Flächen, kreislauforientierte ökologische Techniken, der Einsatz ökologischer Baustoffe und die Realisierung verkehrsreduzierter Entwicklungskonzepte zu nennen. Zur Risikokommunikation zählen unter anderem die Kommunikation mit Entscheidern, Politikern und Öffentlichkeit sowie die Überwachung und Kommunikation während des Revitalisierungsprozesses.
Wesentliche soziale Aspekte sind die aktive Einbindung gesellschaftlicher Gruppen, Vereine und Freiwilligeninitiativen, der Verkauf revitalisierter Flächen an Einheimische, die Durchführung öffentlicher Informationsveranstaltungen, die Gewinnung örtlicher Unternehmen zur Wahrnehmung sozialer Belange bei der Flächenentwicklung, der Erhalt oder die Wiederherstellung gewachsener städtischer Strukturen, die Unterstützung von Kriminalitäts- und Drogenvorsorge sowie die Stabilisierung von Nachbarschaften.
Praxiserfahrungen aus Flächenrecycling-Projekten
Die in den Beiträgen dargestellten Erfahrungen aus US-amerikanischen sowie deutschen Beispielen aus Mühlheim (Hessen), Bretten (Baden-Württemberg), Vorhees und Highland Park (New Jersey) sowie dem Ruhrgebiet (Nordrhein-Westfalen) verdeutlichen die Möglichkeiten des nachhaltigen Flächenrecyclings.
Die Ergebnisse des Workshops werden in die von der bilateralen Arbeitsgruppe im Rahmen der deutsch-amerikanischen Forschungskooperation neu zu entwickelnden Instrumente einfließen:
- eine Flächenrecycling-Arbeitshilfe sowie ein Start-Up-Plan "Brachfläche" für die Bundesrepublik Deutschland und
- SMARTe für die US-amerikanische Praxis der Brachflächenrevitalisierung (SMART = Sustainable Management Approaches and Redevelopment Tools).
Der Start-Up-Plan "Brachfläche" ist ein auf die konkrete Brachfläche zugeschnittener ganzheitlicher Projekt- und Businessplan. Er konzentriert sich auf Daten der Information, Kommunikation, Projektplanung und Mittelakquise, die für die jeweilige Zielgruppe von vorrangiger Bedeutung sind. Das US-amerikanische SMARTe ist ein internetbasiertes Entscheidungsinstrument, das den an der Flächenrevitalisierung beteiligten Akteuren hilft, Szenarien einer zukünftigen Wiedernutzung zu entwickeln und zu prüfen.
Dipl.-Ing. agr. Thomas Preuß
Telefon: 030/39001-265
E-Mail: preuss@difu.de


