Difu-Berichte 4/2004 - Kiel 2O3O - "Stadt 2O3O"
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Das Projekt der Landeshauptstadt Kiel im Forschungsverbund “Stadt 2030” ist eines von 21, die aus 110 Beiträgen eines bundesweiten Wettbewerbs zur Förderung in den Forschungsverbund aufgenommen wurden. Für alle Wettbewerbsteilnehmer bestand die Forderung, exemplarisch Probleme zu identifizieren und bereits heute beispielhafte Lösungen für die Herausforderungen zu entwickeln, mit denen künftig zu rechnen ist. Diesem Anspruch kommt das Kieler Projekt in bemerkenswerter Weise mit der Vision einer postindustriellen Stadt nach, bei der für das Element Wasser, das den Fluss der Geschichte und die Entwicklung Kiels bestimmt hat, eine neue, zukunftsweisende Bedeutung vorgesehen ist. In diversen Stadtentwicklungsprojekten — von der geplanten Hamburger Hafen-City und den Londoner Docklands über Projekte in Rotterdam und Shanghai bis zur Küste Kuweits oder Saudi-Arabiens — finden sich Beispiele für diese neue Entwicklung. Vor allem die europäischen “Marina-Cities” folgen alle ähnlichen Bedingungen, wie sie auch für Kiel gelten und im Beitrag zum Forschungsverbund “Stadt 2030” entfaltet und entwickelt werden. Das Wasser der Kieler Förde, dieser Lebensader der Stadt, soll nicht etwa nur “in Wert gesetzt” werden, wie es Projektentwurf und Abschlussbericht des Kieler Projekts beschreiben. Wertlos, ohne Wert war es nie. Immer war die Förde die Basis der Stadtentwicklung Kiels, neben allen anderen Facetten dieser Stadt — z.B. als Landeshauptstadt oder Universitätsstadt. Und selbst diese Funktionen stehen bereits historisch mit dem Wasser in engster Beziehung. Die Förde vom “Werkzeug” industrieller Produktion einschließlich seiner Funktion als Marinehafen zum Erlebnis, zum permanenten, in allen Bereichen der Stadt und des städtischen Lebens spürbaren Ereignis zu entwickeln, ist das Ziel. Im Zuge der industriellen Entwicklung Kiels im 20. Jahrhundert wurde das Wasser der Förde an den Rand der Stadt verdrängt: durch die Besetzung vor allem fast des gesamten Ostufers, aber auch großer Teile des Westufers entweder mit industriellen Produktionsanlagen (Werften, Militäreinrichtungen, Verladekais des Güterverkehrs) oder mit architektonisch reizlosen städtischen Ergänzungseinrichtungen (Hochgarage, Schellverkehrsstraßen). Das Wasser ist nicht mehr präsent. “Das Privileg, den ganzen Tag auf die Förde sehen zu können, genießt nur mein Auto”, so bringt es ein Kieler Bürger auf den Punkt. Von dieser Randlage soll die Förde in die Mitte der Stadt “zurückgeholt” werden. Denn würde sich diese weltbekannte, in der Stadt aber kaum oder nur noch am Rande spür- und sichtbare Förde tatsächlich in der Mitte der Stadt befinden, so könnte man sie erleben und genießen als ein unverwechselbares, ihren Potenzialen angemessenes Element von Lebensqualität. Für eine solche Neudefinition der Förde und damit auch der ganzen Stadt Kiel gibt es zahlreiche Bezugspunkte und Hintergründe. Ähnlich wie mit den Parks des 18. und 19. Jahrhunderts Natur jenseits ihrer Nutzbarkeit für Nahrungsproduktion primär als ästhetisches Erlebnis und nur sekundär zur Verbesserung von Luft und Licht in die Städte zurückgeholt wurde, gilt es derzeit, das Wasser als ein solches Stück Natur von seinen reinen Gebrauchsqualitäten zu befreien und altes und neues Naturerleben inmitten der Städte zu ermöglichen. Das Spiel von Wind, Sonne und Wolken über dem Wasser, die ständige Bewegung und Veränderung des Wassers, seine Spiegelungen, das Schlagen der Wellen tragen ein Leben, eine Natur, eine andere Existenzweise in die Stadt, die sie von sich aus, als technisches Werk, als gebaute Welt, als Artefakt niemals erreichen kann. Aber neben aller Wandlungsfähigkeit und Bewegtheit strahlt Wasser auch Gelassenheit, Dauerhaftigkeit, Urtümlichkeit und Ursprünglichkeit aus, die besonders der Stadt in ihrem ständigen Umbau, mit ihrer modernitätssüchtigen Hektik und Unzuverlässigkeit fehlen. Durch direkten Kontrast von gebauter Stadt und Natur des Wassers gewinnen beide in ihrer jeweiligen Eigenart. Jedes Kind kennt diesen Reiz, der sich schon beim Überqueren eines kleinen Stegs über einen Bachlauf mitteilt, den Erwachsene vergessen und sich höchstens in Ferienzeiten noch einmal glückhaft in Erinnerung rufen. Eine Stadt, die das Potenzial zu solcher Erlebnisqualität hat und nicht nutzt, vergäbe eine ungeheure Chance — fast so, als ginge man daran, den Central Park von New York, Londons Hydepark oder den Münchner Englischen Garten abzuholzen und zu bebauen. Und Millionen gibt eine Stadt wie Düsseldorf aus, um seine Innenstadt durch das Tieflegen einer Straße zum Rhein zu öffnen. Funktionen werden dadurch nicht optimiert, aber das Wasser des Flusses wird in die Stadt zurückgeholt, die Lage am Rhein wird wieder spürund sichtbar.
Im Extremfall bei totaler Technisierung der Umwelt bewegt sich der moderne Stadtbewohner vom klimatisierten Büro ohne Fenster zu Vergnügungs- und Einkaufswelten ohne den geringsten Naturbezug, lebt er quasi ohne Wetter, ohne Tages- und Jahreszeiten und muss Natur, gleichfalls wieder technisch “zugerichtet” auf eng definierte Funktionen und Zeiten, teuer und sparsam dosiert im Urlaub kaufen. Dort wiederum begegnet ihm Natur als Skipiste mit Verkehrsregeln, als Badestrand mit Wächter und Kurtaxe, als Wanderweg mit Gasthäusern und lauter Musik von einer Karawane anderer Touristen, die alle — in der Sondersituation Urlaub befangen — gleichartige Handlungen und Aktivitäten nach Programm absolvieren. Einfach nur an einem Ufer stehen und auf das Wasser schauen, wie es Herman Melville am Beginn seines großen Romans “Moby Dick” beschreibt, dieses so einfache und kostbare wie rare Vergnügen, scheinbar ohne Ziel und dennoch so heftig ersehnt und gewünscht, dies könnte eine Stadt wie Kiel — so die mehr heimliche als offen ausgesprochene Vision des Projekts “Kiel 2030” — zum Bestandteil städtischen Lebens machen, wenn das Konzept einer Förde “des Wassers in der Stadt” Wirklichkeit würde. Und dennoch birgt eine solche Vision in ihrer Realisierung nicht bloß Probleme und Schwierigkeiten, sondern die Gefahr handfester Konflikte. Wohl könnten industrielle Ufernutzungen tatsächlich verkleinert oder verlagert werden, obwohl schon dies allein Streit über Standort und Nutzung hervorrufen muss. Aber selbst dann, wenn diese Flächen oder Teile von ihnen für Naturerleben geöffnet werden könnten, wird es doch nicht gelingen, sie allen Kielern in gleicher Weise zu erschließen. Auch wenn an der Stelle von Industrieanlagen Wohn- und Bürobauten entstünden, wären es nur besonders Privilegierte, die dann den ständigen Blick auf das Wasser genießen würden. Sicher lassen sich auch Nutzungen und Einrichtungen für die Allgemeinheit denken, aber sie werden — schon aus Gründen der ökonomischen Verwertung — doch eher Ausnahme bleiben. Schon jetzt leidet der Kieler Wohnungsmarkt unter einer tiefen Spaltung zwischen gehobenen und einfachen Lagen und Qualitäten. Wenn sich die Chance bietet, werden Zahlungskräftige ihre Sehnsucht nach nahem Wasser stillen, während die Bezieher geringer Einkommen chancenlos bleiben. Auch wenn sich das Angebot an Spitzenlagen ausweitet — die Kluft zwischen diesen Spitzen- und den Durchschnitts- oder einfachen Lagen wird sich vertiefen, denn nur Einzelne können sich solche Träume erfüllen.
Das Konzept der Stadt Kiel, sich als Wissenschafts- und Dienstleistungsstadt am Wasser zu profilieren, muss wohl darauf zielen, moderne Dienstleistungsberufe mit hohen Einkommenserwartungen in die Stadt zu ziehen und an sie zu binden, und dies gelingt nur, wenn — in der Konkurrenz mit Hamburg oder Kopenhagen und Stockholm — diesen Gruppen etwas Besonderes geboten wird: neben ausgezeichneten Lebens-, Wohn- und Arbeitsqualitäten genügt dann allein der Blick auf die Förde nicht, sondern das private Boot soll vor dem Büro oder dem Appartement liegen. Selbst ausgedehnte Uferzonen, wie sie die Förde aufweist, können nicht in größerem Umfang so bebaut und genutzt werden. Schon diese einfache Überlegung zeigt die problematischen Erweiterungen, die mit dem Konzept vom “Wasser in der Stadt” verbunden sind. Es geht nicht nur um einzelne Nutzungsentscheidungen, um punktuelle Umnutzungen, um singuläre Fälle hoch privilegierten Wohnens gegenüber Quartieren, in denen auch nach entsprechender Umnutzung von Fördeufern vom Wasser wenig zu spüren sein wird. Der Wandel, den das Kieler Projekt anstrebt, bedeutet mehr als nur den Umbau einiger Kaianlagen oder die Öffnung von Marineeinrichtungen, so schwer bereits dies fallen wird. Es geht um das Selbstverständnis der Stadt, um ihren Charakter, ihre Identität. Außerhalb der Kieler Woche, die — so könnte man überspitzt sagen — durch das Projekt “Kiel 2030” auf Dauer gestellt werden soll, ist diese Stadt Arbeiterstadt, fordistische Industriestadt einerseits, beschauliche, ruhige, wenig dynamische Beamtenstadt andererseits. Und beide Bevölkerungsgruppen, weder die Industriearbeiter, auch wenn sie immer weniger werden, noch die vielleicht noch zahlreicher werdenden Beamten und Angestellten öffentlicher Behörden und Dienststellen werden unmittelbar von den neuen Qualitäten profitieren. Vor allem aber leben sie in anderen Alltagskulturen, relativer materieller Knappheit die einen, demonstrativer Bescheidenheit und Zurückhaltung eines “Mehr-sein-als-scheinen” die anderen. Zwar könnte beider Lebensqualität von der wirtschaftlichen Dynamik, die die neuen Dienstleistungsberufe in Gang setzen, gefördert werden, der Kultur solcher neuen Gruppen, der des demonstrativen, distinktiven Konsums aber werden sie eher fremd und ablehnend gegenüber stehen. So überzeugend also das Konzept einer Stadt Kiel als moderner Dienstleistungsstadt mit der Förde als neuer Naturmitte zu sein verspricht, so ambivalent stellt sich diese Vision dar, bedenkt man ihre kulturellen und sozialen Konsequenzen, die sich in wachsenden Ungleichheiten und in einem Image ausdrücken werden, in dem sich die traditionellen Einwohnergruppen der Stadt kaum noch wiederfinden. Das Kieler Projektteam ist sich über diese Folgen eines Struktur- und Identitätswandels der Stadt Kiel gänzlich im Klaren, auch wenn es diesen Wandel dennoch aus ökonomischen Erwägungen für wünschenswert, ja für unvermeidlich hält. Um die unangenehmsten Nebeneffekte abzufedern, empfehlen die Planer und Wissenschaftler der Arbeitsgruppe “Kiel 2030” daher einen Kompromiss, der auf eine Verbindung der — modernisierten — altindustriellen Basis der Stadt mit neuen Dienstleistungsbereichen zielt, zum Beispiel in der Meeresforschung, in Tourismus, Freizeit und Gesundheitswesen. In der Realisierung der Zukunftskonzeption einer “Stadt um das Wasser” wird diese Kombination von tradierter Basis und innovativen neuen Feldern auch der einzig gangbare Weg sein. Mit Blick auf die Identität der Stadt, also die Wirkung des Wandels nach innen, wie auch auf das Image der Stadt, lassen sich aber erfahrungsgemäß derartige Synthesen schwer durchsetzen. In der Regel muss ein Element, auf das Identität gegründet sein soll, klar dominieren, gegensätzliche Facetten müssen eher ausgeblendet werden. Wirkungsmächtige Bilder, um die es sich bei Identitäten und Imagekonstruktionen immer handelt, können nicht differenziert sein, wie es Realitäten normalerweise sind. Realität muss vereinfacht, zugespitzt, ja überspitzt werden, auf das, was eine Stadt prägen soll. In der Identitätspolitik muss, soll sie erfolgreich sein, ein Entschluss zur — man könnte fast sagen — Eindimensionalität zum Ausdruck gebracht werden. Alles was dem widerspricht, darf nicht in Erscheinung treten. Traditionell bestimmende Kräfte, Milieus, Kulturen und Lebensstile der Stadt werden also tendenziell unsichtbar. Sie werden auch aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängt werden müssen. Und es ist fraglich, ob die Mehrheit in Kiel damit leben kann. In teils hämischen Kommentaren der Kieler Medienlandschaft wurde dieses Problem bereits nachdrücklich artikuliert, so etwa im Vorwurf an das Projekt, es wolle den Kieler Hafen durch Sanddüne und Freibad ersetzen. Natürlich ist dies eine zynische Überspitzung. Nichts läge den Akteuren von “Kiel 2030” ferner. Im Gegenteil: Sie mühen sich in aller Redlichkeit und Sorgfalt, dieser offensichtlich schrumpfenden Stadt eine neue, hoffnungsvolle Perspektive zu geben, ehe das Festhalten am Alten unweigerlich in eine Sackgasse führt. Und dennoch offenbaren solche Pressereaktionen den — nicht ganz unverständlichen — Widerstand gegen einen Identitätswandel, der nicht die ganze Bevölkerung auf dem Weg im wahrsten Sinne des Wortes “zu neuen Ufern” mitnimmt. Damit steht das Kieler Projekt vor der Quadratur des Kreises, jedoch damit nicht allein, denn alle Städte, die in den letzten Jahren einen solchen Identitätswandel anstrebten, mussten sehr ähnliche Erfahrungen machen. Man kann hier an Hamburg erinnern, das sich als “Hoch im Norden” gleichfalls ein durchaus nahe liegendes Image als prosperierende Dienstleistungs-, Medien- und Kulturstadt zu geben suchte und dabei nicht umhin konnte, ganze Stadtbereiche von dieser Entwicklung mehr oder weniger abzukoppeln. London dürfte als noch krasseres Beispiel für eine solche Entwicklung gelten. Wie realisiert man wünschenswerten Wandel so, dass er allen Einwohner nützt, so dass sich alle mit dem neuen Bild der Stadt anfreunden, auch wenn sie in den neuen Konturen nicht mehr wie einst erkennbar sind? Das Projekt “Kiel 2030” im Forschungsverbund “Stadt 2030” des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist abgeschlossen. Die Diskussion über einen Wandel der Stadt Kiel, zu dem das Projekt den Anstoß gab, hat in der Kieler Öffentlichkeit jetzt erst begonnen. Auch dies ist der unbezweifelbare Gewinn aus dem Projekt. Zu welchem Ergebnis aber die öffentlichen Debatten über das Schicksal der Stadt führen werden, wird erst die Zukunft zeigen. Dafür ist allen Beteiligten an “Kiel 2030” viel Erfolg zu wünschen. Es ist zu hoffen, dass die Stadt Kiel sich als Stadt hoher, geradezu einmaliger Lebensqualität mit der Förde als altem und wieder neu entdecktem Zentrum in der Konkurrenz zu Hamburg und den Metropolen des Ostseeraums behaupten kann, ohne ihren Charme liebenswerter Alltäglichkeit aufzugeben. |
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Weitere Informationen: Dr. rer. pol. Albrecht Göschel |
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