Difu-Berichte 4/2003 - Die Städte im Jahr 2O3O: Resümee des Forschungsverbundes Stadt 2O3O
Auf dem Weg zur Stadt 2030
Abschlusskongress des Forschungsverbundes "Stadt 2030"
Die Zukunft unserer Städte entsteht nicht auf einem Reißbrett. Es gibt auch kein Zukunftsziel, das für alle gleichermaßen Vorrang hätte. Und es gibt keine noch so gute Lösung, die eine Stadt von einer anderen unbesehen übernehmen könnte. Schließlich: In Zeiten eines beschleunigten Wandels der lebensbestimmenden gesellschaftlichen Prozesse müssen Konzepte und Wege mehr denn je korrigierbar sein. Und sie müssen helfen, das zukunftsträchtige Potenzial der eigenen Stadt zu erschließen. Solche und ähnliche Vorstellungen bestanden natürlich auch vor Beginn des Programms "Stadt 2030", sie sollten aber durch die Projekte für die eigene Stadt vom Abstrakten ins Konkrete übersetzt werden.
Der Kongress "Auf dem Weg zur Stadt 2030" am 24. und 25. September 2003 in Braunschweig bildete den offiziellen Abschluss und Höhepunkt des Forschungsverbundes "Stadt 2030". Präsentiert und diskutiert wurden die Ergebnisse der beteiligten Städteprojekte und ihre Konsequenzen für eine zukunftsfähige Kommunalpolitik und Stadtforschung. Über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten sich auf der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ausgerichteten Veranstaltung in Vorträgen, Podiumsgesprächen und Arbeitsgruppen über die Ergebnisse des Forschungsverbundes informieren. Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) hatte zusammen mit der TÜV-Akademie Rheinland GmbH die Vorbereitung und Durchführung des Kongresses übernommen.

Eröffnung des Kongresses in der Braunschweiger Stadthalle, Fotos: J. Weidner
Albrecht Göschel, Projektleiter der Begleitforschung "Stadt 2030" am Difu, gab in seinem Eröffnungsvortrag einen Überblick über den Verlauf des Vorhabens und berichtete über erste Ergebnisse. Im Frühjahr 2000 startete das BMBF im Rahmen des Programms "Bauen und Wohnen im 21. Jahrhundert" den Forschungsverbund "Stadt 2030". 21 Städteprojekte gingen als Preisträger aus dem vorgeschalteten gleichnamigen Ideenwettbewerb hervor. In Zusammenarbeit von Kommunen und wissenschaftlichen Einrichtungen sollten in einem Förderzeitraum von 18 Monaten integrierte Zukunftskonzeptionen und Leitbilder für eine nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung erarbeitet werden. Diese sollten visionären Charakter aufweisen und zugleich als Zielsysteme und Bewertungsrahmen für aktuelle politische Entscheidungen und Einzelplanungen dienen können. Mit der inhaltlichen Beratung und fachlichen Begleitung der Projekte im Forschungsverbund wurde das Difu beauftragt.
Der Anspruch, alle relevanten Probleme der deutschen Städte im Forschungsverbund zu präsentieren, hatte sowohl eine große Anzahl als auch eine thematische Breite und Vielfalt der Projekte zur Folge. Dennoch konnten vier Themenkomplexe gebildet werden, in denen die beteiligten Projekte ihre besonderen Herausforderungen der Zukunft sehen: Regionalisierung, Integration, Identität und lokale Demokratie. Diese Problemfelder kommunaler Zukunft lieferten die Struktur sowohl für den gesamten Forschungsverbund als auch den Braunschweiger Kongress. Für die Felder liegen nun die ersten Ergebnisse im Sinne von Zukunftsperspektiven vor. Für die einzelnen Themenfelder wurden allerdings eher gegensätzliche als gleichartige Lösungen aus den Projektstädten vorgeschlagen.

Auf dem Weg zur "Stadt 2030" - und zum Abschlusskongress des Forschungsverbundes: Teilnehmer des Städteprojektes Dietzenbach 2030. Die Stelen waren Teil einer Kunstaktion, mit der der Umgang mit den leeren Flächen in der Stadt thematisiert wurde.
Integration Konsens besteht im Forschungsverbund darüber, dass Integration angesichts wachsender Ungleichheit und Heterogenität der Stadtbevölkerung zur zentralen, mit vielen Unwägbarkeiten belasteten Herausforderung für die Stadt der Zukunft werden wird. Zwei Integrationskonzepte stehen sich gegenüber: die Sicherung sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit durch Leistungen nach dem Modell des Sozialstaates, ergänzt durch eine Bevölkerungsmischung, die benachteiligende Segregation vermeidet, und zunehmende Konzentration auf private Ressourcen, z. B. Netzwerke im Quartier, informelle oder formale bürgerschaftliche Selbsthilfe, auch bei materieller Ungleichheit und Segregation.
Regionalisierung Angesichts intensiver Verflechtungen der Städte sowohl mit ihrem Umland als auch mit anderen Städten genügen die gegenwärtigen kommunalen Grenzen offensichtlich nicht mehr den Anforderungen, die an effiziente und demokratisch legitimierte lokale Selbstverwaltung gestellt werden müssen. Zwei Lösungen stehen sich im Forschungsverbund "Stadt 2030" gegenüber: die Bildung neuer, regionaler Institutionen, die weitgehend an die Stelle der ehemaligen Kommunen treten, und die Bildung von Netzwerken und freiwilligen Kooperationen zwischen Städten in ihrer gegenwärtigen territorialen Abgrenzung. Beide Lösungen weisen gravierende Vor- und Nachteile für die Bewältigung von Zukunftsaufgaben auf, so dass wohl nach Kompromissen gesucht werden muss.
Identität Der ökonomische Wandel von der klassischen Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft bedeutet in vielen Städten einen fundamentalen Umbruch, der ein tradiertes Selbstverständnis ins Wanken bringt und den Charakter einer Stadt stark verändern kann. Vor allem für die schrumpfenden Städte stellt sich damit ein Identitätsproblem, für das wiederum zwei Lösungen entwickelt werden: die Orientierung an einer prägenden Geschichte, die bis in Zeiten der Industrialisierung zurückreicht, und dagegen die bedingungslose Orientierung an einem neuen Bild von Dienstleistungs-, Freizeit- und Kulturstadt. Besondere Schärfe erhält das Identitätsproblem durch die kommunale Konkurrenz, die jede Stadt zwingt, ein Image zu entwickeln, das auf einer akzeptierten und plausiblen Identität aufbauen muss.
Lokale Demokratie Die Verfasstheit der deutschen Kommunen als lokale Gebietskörperschaften einer autonomen Selbstverwaltung ist offensichtlich konstitutiv für Gegenwart und Zukunft der deutschen Stadt. Permanente Haushaltskrise und fortgesetzte Übertragung staatlicher Pflichtaufgaben an die Gemeinden gefährden jedoch zunehmend diese kommunale Selbstverwaltung und führen aus der Sicht der Projekte im Forschungsverbund "Stadt 2030" zu einem Substanzverlust repräsentativer Demokratie als Basis lokaler Willensbildung. Entweder, so die eine Position, müssen die Formen der Partizipation an formaler Politik entscheidend erweitert werden, besonders zugunsten benachteiligter Bevölkerungsgruppen, oder es wären ganz neue Formen demokratischer Teilnahme, z.B. in Form von selbstbestimmten Projekten zu entwickeln. Auch in diesem Feld wird die Zukunft vermutlich in einer Synthese aus den Alternativen bestehen.
Trotz der unterschiedlichen Lösungsansätze, die sich im Forschungsverbund "Stadt 2030" herausgebildet haben und diesen Forschungsverbund zu einem "streitbaren" werden ließen, besteht weitgehend Konsens über einige Haupttrends für die deutschen Städte:
- wachsende Ungleichheit und Verschiedenheit (Heterogenisierung) in der Bevölkerung der deutschen Städte;
- wachsende Anteile der Bevölkerung in materieller Benachteiligung, tendenziell in Armut;
- Rückgang der Bevölkerungszahlen in den meisten ostdeutschen Städten, in naher Zukunft auch in westdeutschen und in fernerer Zukunft in fast allen Regionen Deutschlands (Stadtschrumpfung);
- deutlich zunehmende, aber im Bundesgebiet sehr ungleiche Verteilung von Zuwanderung;
- verstärkte Verflechtung der Städte mit dem Umland und untereinander, auch über größere Entfernungen;
- unehmende Konkurrenz von Städten und Regionen im deutschen und internationalen Rahmen um Wirtschaftswachstum und Einwohner.
Als besonderes Merkmal der Projekte im Forschungsverbund "Stadt 2030" hob Albrecht Göschel bei der Eröffnung des zweiten Kongresstages hervor, dass ausnahmslos alle Projekte dialogische Verfahren der Zukunftserschließung vorsehen. Auch dort, wo klassische, planerische Prognostik eingesetzt wird, seien es Bevölkerungs-, Wirtschafts-, Freizeit- und Verkehrsprognosen, seien es Delphistudien, werden diese immer ergänzt durch Dialoge mit der Bevölkerung, z.B. in Form von runden Tischen, Zukunftsforen, Quartiersforen, Anhörungen. Der Forschungsverbund "Stadt 2030" zeichnet sich also durch ein erkennbares Misstrauen gegenüber ausschließlich instrumenteller Planungsmethodik aus, wie sie in den 60er und 70er-Jahren dominierte. Er setzt an deren Stelle oder doch als substanzielle Ergänzung den offenen Dialog mit der Bevölkerung, sei es, um diese für Zukunftskonzepte zu gewinnen, sei es, um Zukunftsvorstellungen aus Voten der Bevölkerung zu entwickeln.
Für die Mehrheit der Projekte bestehen Zukunftsvisionen für die Städte nicht (nur) in Bauformen oder technischen Lösungen, nicht (nur) in messbaren Lebensqualitäten oder Ähnlichem. Eines wurde auf dem Kongress ganz deutlich: Visionen oder gar utopisch erscheinende Elemente haben nur dann eine Chance auf Realisierung, wenn die Bevölkerung dialog- und partizipationsfähig wird. Die Herausbildung dieser Fähigkeiten avanciert zu einem neuen Ziel von Politik, auch wenn dieses Denken in urbanen Leitbildern noch nicht verankert ist. Alle Projekte verfolgen mehr oder weniger deutlich eine Utopie von Urbanität, dies aber im politischen Sinne dieses Begriffes, nicht in seiner Reduktion auf eine gebaute Form oder nur technische Funktionsfähigkeit.
Es ist diese Gemeinsamkeit aller Projekte, diese Vision der demokratischen Bürgerstadt, die auf dem Kongress auch von Bundesforschungsministerin Edelgard Buhlmahn unterstützt und nachdrücklich gefordert wurde. In der Podiumsdiskussion mit Staatssekretär Tilo Braune (Bundesministerium für Verkehr, Bauen und Wohnen - BMVBW) setzte sie sich vehement für eine stärkere Beteiligung der Menschen an der Gestaltung des notwendigen Wandels der deutschen Städte ein. Der langfristige Bevölkerungsrückgang und der Umbau industrieller Strukturen verlangen den Einwohnern von Ballungszentren viel ab, sagte die Ministerin: "Städte können nur im Gleichklang mit den Bedürfnissen ihrer Bewohner neue Gesichter entwickeln."

Eine stärkere Beteiligung der Menschen beim notwendigen Wandel der deutschen Städte forderte Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn auf dem Kongress.
Die "Kommunale Wirklichkeit zwischen Möglichkeiten und Grenzen" stand im Mittelpunkt des von Prof. Dr. Heinrich Mäding moderierten Gesprächs mit ausgewiesenen Praktikern der Stadtentwikklung. Einigkeit herrschte darüber, dass mit Blick auf die zukünftigen Herausforderungen, denen die Städte gegenüberstehen, neue Bündnisse mit Akteuren und Verknüpfungen aller Politikfelder notwendig seien. Dr. Sunke Herlyn, Abteilungsleiter beim Bremer Senator für Bau und Umwelt, verwies darauf, dass nicht materielle Ressourcen, sondern kooperative Arrangements zwischen den gesellschaftlichen Gruppen diese Integrationsleistungen ermöglichen. Leipzigs Stadtbaurat Dr. Engelbert Lüdtke Daldrup zeigte anhand der Rahmenbedingungen in Leipzig die Grenzen des kommunalen Handlungsspielraums auf, die es, so sein Plädoyer, erforderlich machen, über eine Verbesserung der Gemeindefinanzen hinaus aufden Umbau des Fördersystems hinzuwirken. Stephan Reiß-Schmidt, Abteilungsleiter im Referat Stadtplanung und Bauordnung in München, forderte, dass langfristig orientierte Stadtentwicklungsplanung ergänzt werden müsse um Freiräume für Experimente, wie sie der Forschungsverbund "Stadt 2030" ermöglichte: "....dann können und werden die Städte daraus für die Bewältigung ihrer Zukunftsprobleme viele Anregungen, konkrete Anstöße und methodische Hilfen bekommen."
Die "Perspektiven der Stadtentwicklung und -forschung", so der Titel der Abschlussdiskussion, sind nach einhelliger Meinung der beteiligten Vertreter kommunaler Spitzenverbände und Bundesministerien von einer Änderung der wissenschaftlichen Themenschwerpunkte und politischen Handlungsansätze abhängig. Unausweichlich sei die Abkehr von der Wachstumsperspektive, mit der auch das Aufgeben eingeübter Verfahrensweisen verbunden sei, so Martin zur Nedden, der den Deutschen Städtetag auf dem Podium vertrat. Dr. Ernst Kratzsch vom Deutschen Städte- und Gemeindebund sagte den Kommunen bei weiter abnehmenden politischen Handlungsspielräumen einen höheren Abstimmungsbedarf zwischen den Städten voraus - bei gleichzeitig weiter wachsender Konkurrenz. Ministerialrat Helge Engelhard vom BMBF rief die Forschung dazu auf, sich stärker auf den Wissenstransfer und die Schaffung von Orientierungswissen für die Politik zu konzentrieren. Noch weiter ging Ministerialdirektor Prof. Dr. Michael Krautzberger vom BMVBW. Er plädierte für eine stärkere Arbeitsteilung zwischen Politik und Forschung, in der letztere stärker als bisher die Vorbereitung von Entscheidungen übernehmen könnte.

Abschlussdiskussion zum Thema Perspektiven der Stadtforschung und -entwicklung unter Leitung von Difu-Institutsleiter Heinrich Mäding
Die einzelnen Projekte befassten sich nicht nur mit notwendigen Neuerungen in den Städten, aufgegriffen wurden auch Forschungsthemen, die in der Stadtforschung zukünftig hohe Priorität haben sollten und die in einer möglichen Neuauflage des Forschungsverbundes "Stadt 2030" zu berücksichtigen wären, die Ministerialrat Helge Engelhard vom BMBF im Anschluss an die Abschlussdiskussion in Aussicht stellte. Die Auswertung von "Stadt 2030", die zu den größten bisher in Deutschland durchgeführten Forschungsinitiativen zur Stadtentwicklung zählt, wird das Difu in den nächsten Monaten abschließen und voraussichtlich im Herbst 2004 in einer Buchreihe publizieren. Eine Kurzdokumentation des Abschlusskongresses ist für die nächste Ausgabe des Infobriefes "Stadt 2030" vorgesehen, die voraussichtlich im Dezember 2003 erscheinen wird. ( www.newsletter.stadt2030.de)
Dr. Albrecht Göschel
Projektleitung "Begleitforschung Stadt 2030"
Deutsches Institut für Urbanistik, Berlin
E-Mail: goeschel@difu.de
Maria Hamann
Sekretariat "Begleitforschung Stadt 2030"
Deutsches Institut für Urbanistik
E-Mail: hamann@difu.de
