Difu-Berichte 4/1999 - Die Stadt als Non-Stop-Gesellschaft

 

 


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Prof. Dr. Dietrich Henckel
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Nicht nur die in den letzten Monaten geführte erhitzte Debatte um die Ladenöffnungszeiten belegt, dass traditionelle zeitliche Grenzen eine immer geringere Rolle spielen. Auch der Dauerbetrieb der Medien, die Ausdehnung der Verkehrszeiten in die Nacht, lange Nächte der Museen, die Ausweitung der Teledienstleistungen, der Zuwachs an persönlichen Dienstleistungen und vieles andere mehr künden von einer immer stärkeren Ausdehnung - vor allem - wirtschaftlicher Aktivitäten in die Nacht und ins Wochenende.

Die "Erosion des Normalarbeitsverhältnisses" und die "Entgrenzung von Arbeit" haben zahlreiche Ursachen. Miteinander verknüpfte Ursachenkomplexe sind die internationalen Vernetzungen von Märkten und Unternehmen, die ihrerseits von der technischen Entwicklung vorangetrieben werden. Damit gehen eine Ausdifferenzierung von Arbeitsteilung sowie die Flexibilisierung und Entgrenzung insbesondere von ökonomischen Aktivitäten einher.

Nicht nur in Deutschland sind diese Ausdehnungs- und Entgrenzungsprozesse zu beobachten. Es scheint, als würde sich die Informationsgesellschaft überall neue Rhythmen und Zeitstrukturen schaffen. Hierzu trägt sicherlich auch die globale Vernetzung in der Wirtschaft bei: Unternehmen und Märkte sind heute in hohem Maße internationalisiert. Die "Global Player" operieren in Forschung und Entwicklung, aber auch im Wertpapierhandel usw. heute über verschiedene Zeitzonen hinweg, die jeweilige Lokalzeit verliert so an Bedeutung.

Noch ist zwar nicht davon auszugehen, dass auf absehbare Zeit alle Bereiche in die Rundumdie-Uhr-Aktivität einbezogen sein werden, aber eine Ausdehnungstendenz ist weit verbreitet und die kontinuierlich aktiven Funktionen nehmen zu - über die schon immer dazu zählenden Bereiche wie Polizei, Feuerwehr, Krankenversorgung usw. hinaus. Waren in den klassischen Industriebranchen Stahl und Chemie Konti-Schicht-Betriebe technisch begründet, so haben die Ausdehnungstendenzen in anderen Produktionsbereichen und vor allem im Dienstleistungsbereich rein ökonomische Ursachen wie Konkurrenzdruck und Effizienzsteigerung, internationale Vernetzung und Verschiebungen der Nachfrage. E-Commerce (In- ternet), Direkt-Banking, Call-Center und Tankstellen als Non-Stop-Supermärkte sind nur einige aktuelle Beispiele der Entwicklung.

Die Ausdehnung wirtschaftlicher Aktivitäten hat Folgen für die Städte: Die Angebotszeiten (öffentlicher und privater) Dienstleistungen müssen sich den veränderten Nachfragebedingungen anpassen. Es stellen sich Fragen zur räumlichen Verteilung der Ausdehnung. Je nachdem, ob es sich bei der zeitlichen Ausdehnung um eine räumlich disperse oder konzentrierte Entwicklung handelt, ergeben sich unterschiedliche Folgen für die Verträglichkeit von Funktionen. Auch im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit von Standorten stellt sich die Frage, ob zeitliche Ausdehnung( smöglichkeit) zum Wettbewerbsfaktor wird.

Zu diesem Themenkomplex der Auswirkungen zeitlicher Ausdehnungstendenzen auf die Stadt führt das Difu auf der Basis einer Förderung der Hans-Böckler-Stiftung sowie der drei Städte Berlin, Frankfurt/ M. und Wien eine Untersuchung durch, die die Entwicklung zur rund um die Uhr aktiven Stadt nachzeichnet und analysiert. Hierzu werden unter anderem international eingebundene Unternehmen befragt, der Bereich des Handels (Stichwort: Ladenöffnungszeiten) untersucht sowie strukturrelevante Sekundärdaten zur zeitlichen Verteilung von Aktivitäten in der Stadt (Verkehrsrhythmen, Energieverbrauch usw.) ausgewertet. Ziel der Untersuchung ist eine Sensibilisierung der Akteure in Kommune, Gewerkschaften, Unternehmen und Politik für die Wirkungszusammenhänge einer Entwicklung zur Non-Stop-Gesellschaft und deren Chancen und Risiken. Dazu sollen die sozialen, räumlichen und ökologischen Folgen, aber auch die möglicherweise steigenden individuellen Möglichkeiten einer Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses und der kollektiven Rhythmen untersucht werden. Zudem sind Handlungschancen aufzuzeigen, die zu einer gesellschaftlich angemessenen, das heißt sozial gerechteren Gestaltung von Zeitstrukturen beitragen.