Difu-Berichte 4/1997 - Kommunale Zeitpolitik


Weitere Informationen:
Dr.
Matthias Eberling
Telefon: 030/39001-104
Prof.Dr. Dietrich Henkel
Telefon: 030/39001-292

     



Gemeinsame Tagung des Deutschen Instituts für Urbanistik mit der Hans-Böckler-Stiftung

"Zeit" entwickelt sich zu einem zentralen Thema in Wissenschaft und Gesellschaft. Im Alltag kennt jeder Zeitnot und Zeitkonflikte. Zeitdruck und Zeitkonflikte verstärken sich, weil Beschleunigungc vor allem durch die technische Entwicklung und die wachsende ökonomische Konkurrenz - zu einem vorherrschenden Trend geworden ist. Ausgelöst wird dies durch

  • den technischen Wandel, insbesondere neue Transport- und Kommunika-tionstechniken, die in den Bereichen Entwicklung, Herstellung und Vertrieb ökonomische Abläufe beschleunigen,
  • die Globalisierung der Wirtschaft, die die ökonomische Vernetzung und die internationale Marktkonkurrenz erhöht, und ihrerseits durch die Liberalisierung der Weltmärkte, die europäische In-tegration und das Ende der Ost-West-Konfrontation entscheidende Impulse erhalten hat,
  • den Bedeutungszuwachs des Faktors Zeit in der Ökonomie, die Beschleunigung und paßgenaue Vernetzung inner- und zwischenbetrieblicher Abläufe zu einem Kernelement des internationalen Wettbewerbs werden läßt.

Gegenwärtig verändern sich die Zeitstrukturen der industrialisierten Gesellschaften nachhaltig. Der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft stellt sich aus "Zeitperspektive" als Zeitstrukturwandel dar. Die Arbeits-, Betriebs- und Öffnungszeiten wandeln sich, insbesondere die Zeitstrukturen (aber auch die Arbeits- und Vertragsverhältnisse) der Arbeitswelt werden zunehmend flexibilisiert und individualisiert. "Just in time" und "last minute" sind die Stichworte einer Entwicklung, die an den einzelnen Betrieb und an den einzelnen Mitarbeiter hohe Anforderungen hinsichtlich der Fähigkeit zur Zeitorganisation stellt. Diese Komplexitätssteigerung im Bereich der Koordination und Synchronisation von Arbeitsabläufen überträgt sich auch auf die Lebenswelt. Der alltägliche Ablauf, zum Beispiel in einer mehrköpfigen Familie, ist immer weniger planbar, er kann sich nur in abnehmendem Maße an vorgegebenen Zeitstrukturen ausrichten und muß stärker "konstruiert" oder "gemanagt" werden.

Mit der Frage, wie sich dieser Zeitstrukturwandel auf Städte, ihre Bewohner und die urbanen Rhythmen auswirkt, befaßten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer vom Deutschen Institut für Urbanistik und der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam veranstalteten Fachtagung am 30. und 31. Oktober 1997 im Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Etwa 80 Interessierte aus Wirtschaft und Wissenschaft, Kommunalverwaltungen und Räten sowie Gewerkschaften diskutierten unter anderem die Frage, ob, angesichts des gegenwärtig stattfindenden (Zeit-)Strukturwandels, den Kommunen mittels einer eigenständigen Zeitpolitik mehr Gestaltungsmöglichkeiten gegeben werden könne, ob Zeitpolitik als eigenständiges neues Politikfeld zu etablieren sei. Anlaß der Tagung war ein Projekt des Difu im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung und vier Städten (Bonn, Karlsruhe, Münster und Wolfsburg), dessen Ergebnisse im Rahmen der Fachtagung erstmals vorgestellt wurden.

Prof. Dietrich Henckel (Difu) wies in seinem Beitrag auf die Notwendigkeit der Entwicklung eines Politikfeldes "Kommunale Zeitpolitik" hin, das - jenseits marktförmiger Aushandlungs- und Verteilungsprozesse oder obrigkeitsstaatlicher Zeitgesetzgebung - auf kommunaler Ebene gemeinsam von allen Akteuren, von Verwaltung und Politik, von Wirtschaft und Kultur sowie von sozialen Gruppen und Initiativen getragen werden solle. Prof. Ulrich Mückenberger (Hochschule für Wirtschaft und Politik, Hamburg) präsentierte die praktischen Erfahrungen mit Zeitgestaltungsansätzen und Zeitpolitik auf kommunaler Ebene: In Italien ist das Themenfeld seit den 80er Jahren etabliert, in Deutschland "experimentieren" unter anderem bereits Hamburg, Bremen und Hanau mit "zeitlichen Gestaltungsansätzen". Prof. Karlheinz A. Geißler (Hochschule der Bundeswehr München) warnte in seinem abschließenden Beitrag vor der Ökonomisierung und Zerstückelung der Zeit - auch sogenannte unproduktive Zeitformen wie die Pause, das Warten oder der Umweg könnten (in einem allerdings unökonomischen Sinne) sehr produktiv genutzt werden.

Die Ergebnisse der Untersuchung in den vier Städten werden im Frühjahr 1998 veröffentlicht.