Difu-Berichte 4/1996 - Kommunale Wirtschaftsförderung in den 90er Jahren
Ergebnisse einer neuen Difu-Umfrage
Erstmals wurden mit der Umfrage kommunale Wirtschaftsförderer in Städten der alten und neuen Länder gleichermaßen zu ihrer Arbeit schriftlich befragt.
Dabei ging es zum einen darum, trotz aller noch bestehenden Unterschiede, einen breit angelegten Überblick über Tätigkeiten und Aktivitätsmuster der Wirtschaftsförderung herzustellen. Zum anderen wurden insbesondere neue Handlungsfelder, aktuelle Projekte und Konzepte erfaßt. Diese reichen von den eher "klassischen" Instrumenten der Liegenschafts-, Infrastruktur-, Finanz- oder Steuerpolitik bis zu projektorientierten Maßnahmen und Konzepten, beispielsweise zur Innovations- und Technologiepolitik, zu lokalen Arbeitsmarktstrategien, zu lokalen und regionalen Netzwerken, zum Güterverkehr oder zur ökologisch orientierten Wirtschaftsförderung. Darüber hinaus sollten die für Wirtschaftsförderung zuständigen Stellen versuchen, die Bedeutung und Gestaltungsmöglichkeiten der Wirtschaftsförderung ihrer eigenen Aktivitäten zu bewerten, um so eine Art Erfolgseinschätzung der eigenen Tätigkeit zu geben. Weiterhin sollten sie aus den Erfahrungen ihrer täglichen Arbeit Ansatzpunkte für Verbesserungen, zum Beispiel im Verhältnis zu anderen Akteuren oder in den Rahmenbedingungen, aufzeigen.
Von den 191 im Frühjahr 1995 angeschriebenen Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern, 158 in den alten und 33 in den neuen Bundesländern, antworteten 170 Städte; dies entspricht einer Rücklaufquote von 89 Prozent.
Im folgenden werden ausgewählte Ergebnisse der Studie kurz beleuchtet:
- Kommunale Wirtschaftsförderung versteht sich als "Schnittstelle" zwischen wirtschaftlichen und kommunalen Interessen. Zwei Hauptaufgaben der Wirtschaftsförderung stehen hierbei laut Auskunft der meisten Befragten im Vordergrund:
- Clearingstelle für unternehmerische Anfragen und Problem
- generelle Beratungs- und Informationsstelle für Unternehmen
Weniger wichtig sind moderierende und koordinierende Aufgaben, wie beispielsweise die Schaffung regelmäßiger Kontakte zwischen Rat, Verwaltung und Wirtschaft. Nur wenige Wirtschaftsförderer, vor allem in den neuen Bundesländern, sehen sich in der Funktion des Initiators, der zum Beispiel Projekte oder Förderkonzepte auf den Weg bringt.
- Die intensivsten Kontakte nach "außen" pflegt die Wirtschaftsförderung zu Unternehmen und Wirtschaftsverbänden. In den neuen Ländern spielen, neben den Nachfolgeeinrichtungen der Treuhand, Kontakte zu Landesbehörden und zu Forschungs- und Technologieeinrichtungen eine wichtigere Rolle als in alten Ländern. In den alten Ländern haben regelmäßige Kontakte mit Sparkassen und Kreditinstituten einen höheren Stellenwert. Kontakte zu Nachbarkommunen sind insgesamt gering.
- Die Unternehmen vor Ort sind die wichtigste Zielgruppe der Wirtschaftsförderung. Die Pflege des örtlichen Unternehmensbestands ist für mehr als 95 Prozent der Wirtschaftsförderungen die wichtigste Aufgabe. Eher nachgeordnet sind Akquisition neuer Unternehmen und Existenzgründungsförderung.
- Die "übergeordneten" Aufgabenschwerpunkte der Wirtschaftsförderung haben sich in den letzten Jahren wenig verändert. Gewerbeflächenmobilisierung, die Bereitstellung und Entwicklung von Gewerbeflächen, sind für mehr als 80 Prozent der Wirtschaftsförderer ihr wichtigstes Tätigkeitsfeld, das zugleich auch den größten Teil der täglichen Arbeitskapazität - im Durchschnitt mehr als 40 Prozent - beansprucht.
- Beinahe ebenso wichtig sind die Beratung und Information von Unternehmen und, vor allem für Städte der neuen Bundesländer, die Entwicklung und der Ausbau der wirtschaftsnahen Infrastruktur.
- "Projektorientierte" Wirtschaftsförderung ist wichtiger geworden. Vielfach realisiert sind bereits Projekte oder Konzepte zu Technologie- und Innovationszentren, zur Gewerbeflächenmobilisierung und zur allgemeinen Wirtschaftsentwicklung. Unter den geplan- ten Vorhaben stehen die Themen Stadtmarketing, Güterverkehrskonzepte und Konversion an vorderer Stelle. Nachgeordnet sind noch Aktivitäten zur Schaffung lokaler und regionaler Netzwerke, zur Informations- und Kommunikationsinfrastruktur und zu einer stärker ökologisch orientierten Wirtschaftsförderung.

Diagramm: Realisierung wirtschaftsorientierter Projekte und Konzepte
In fast allen Städten arbeitet die Wirtschaftsförderung in den Projekten mit anderen Akteuren, meist anderen Ämtern, zusammen. Federführend ist die Wirtschaftsförderung vor allem bei Themen ihres "originären" Aufgabenbereichs. Dazu gehören beispielweise die Entwicklung der allgemeinen wirtschaftspolitischen Leitlinien oder die Konzeption von Projekten zur Gewerbeflächenmobilisierung.
- Die Einschätzungen der Wirtschaftsförderung hinsichtlich ihrer Bedeutung und ihrer Mitgestaltungsmöglichkeiten in der Verwaltung zeigen ein relativ positives Bild des Austausches und der Kommunikation. Gut funktioniert in vielen Städten der Austausch mit Stadtplanung/-entwicklung und Bauleitplanung, nicht zufriedenstellend ist dagegen vielfach die Kommunikation zwischen Wirtschaftsförderung und Umweltamt.
- Im Hinblick auf den Zugang zu anderen Ämtern und die Kommunikation lassen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen "Wirtschaftsförderung als Amt" und privatrechtlich organisierter Wirtschaftsförderung feststellen. Beide bewerten ihre Bedeutung und Mitgestaltungsmöglichkeiten sehr ähnlich.
- Als wichtigste Ansatzpunkte für Verbesserungen werden der Stellenwert der Wirtschaftsförderung innerhalb der Verwaltung, die Qualifikation der Mitarbeiter sowie die finanzielle Ausstattung genannt. Vor allem die Wirtschaftsförderer in den neuen Ländern fordern zudem eine bessere Zusammenarbeit zwischen Rat und Verwaltung und klarere politische Vorgaben. Für immerhin ein Drittel der Wirtschaftsförderer sind die Defizite in der interkommunalen Zusammenarbeit ein wichtiger Ansatzpunkt für Verbesserungen.

Diagramm: Ansatzpunkte für Verbesserungen in der Arbeit der Wirtschaftsförderung
Für die Zukunft ist zu erwarten, daß das Themen- und Aufgabenspektrum der kommunalen Wirtschaftsförderung noch vielfältiger und komplexer wird. Es kann jedoch nicht darum gehen, kontinuierlich das Aufgabenspektrum zu erweitern und weitere neue Aufgaben wahrzunehmen. Vielmehr ist eine stärkere Prioritätensetzung erforderlich, die den personellen und finanziellen Aufwand wirtschaftsfördernder Aktivitäten in deutlicher Beziehung zum erwarteten Nutzen setzt. Dies kann im Ergebnis bedeuten, bestehende Aufgaben zugunsten neuer Aktivitäten, denen mittel- bis langfristig ein größerer Stellenwert eingeräumt wird, zu reduzieren. Das heißt für Wirtschaftsförderung auch, stärker als bisher ihre Funktionen als Moderator, Koordinator und Initiator wahrzunehmen und Projekte und Prozesse, wenn sie erst einmal angestoßen sind, zu delegieren und nicht mehr in der Verantwortung der Wirtschaftsförderung wahrzunehmen. Projektmanagement wird an Bedeutung gewinnen. Auch die Wirtschaftsförderung wird sich diese Aufgabe verstärkt zu eigen machen.
Die ausführliche Darstellung aller Ergebnisse dieser Studie wurden in der Reihe Difu-Beiträge unter dem Titel "Kommunale Wirtschaftsförderung in den 90er Jahren" veröffentlicht.
Weitere Informationen: Dipl.-Geogr. Beate Hollbach-Grömig Telefon: 030/39001-294
