Difu-Berichte 3/2008 - Standpunkt: Damit Frühe Hilfen nicht zu spät kommen ...
Themenfeld Kinder- und Jugendhilfe am Difu wird erweitert
Das Deutsche Institut für Urbanistik ist als größtes Stadtforschungsinstitut im deutschsprachigen Raum die Forschungs-, Fortbildungs- und Informationseinrichtung für alle Themen rund um die Stadt. Zu den Themenbereichen gehören unter anderem Siedlungsentwicklung, Flächennutzung und Städtebau, Wohnen, Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Finanzpolitik, Infrastruktur, Gesellschaft, Sozialpolitik und Gesundheitsförderung, Verkehr, Umwelt, Bildung, Kultur und Denkmalpflege. Im Themenfeld der Kinder- und Jugendhilfe bearbeitet das Difu zukünftig auch das Thema „Frühe Hilfen“.
Die Schwerpunktlegung der Arbeitsbereiche am Difu bestimmt sich u.a. durch das Ziel, Beiträge zur Sicherung der Handlungsfähigkeit der Kommunen zu leisten. Dies betrifft Themen und Probleme des kommunalen Verwaltungshandelns, die aktuell in der Öffentlichkeit hohe Aufmerksamkeit finden und solche, die einen zukunftsbezogenen Charakter haben. Auch zentrale Handlungsfelder des Bundes betreffen kommunale Aufgabenfelder. Im Sinne einer effizienten Gestaltung der Arbeiten und der Nutzung der kommunalen Erfahrungen unterstützt der Bund die Arbeit des Difu als Netzknoten der Stadtforschung sowohl institutionell als auch bei der Vergabe von Projekten, die für die kommunale Entwicklung eine besondere Relevanz haben. Sowohl die bedarfsorientierte Aktualisierung der Forschungsthemen als auch die Bedeutung der Zusammenarbeit mit dem Bund haben aktuell dazu geführt, Kinder- und Jugendhilfe als Themenfeld am Difu ein stärkeres Gewicht zu verleihen.
Die Kinder- und Jugendhilfe ist einer der größten Dienstleistungs- und Unterstützungssysteme des deutschen Sozialstaates. Angesichts des demografischen Wandels und der quantitativ abnehmenden Zielgruppe mit gleichzeitig zunehmendem Bedarf – beispielsweise im Bereich der Hilfen zur Erziehung – steht dieser Bereich vor der Herausforderung, bewährte Standards der sozialpädagogischen Leistungserbringung und einer angemessenen Personal- und Ressourcensteuerung aufrechtzuerhalten, umzuverteilen oder gegebenenfalls sogar auszubauen, zum Beispiel im Bereich der Kindertagesbetreuung.
Spürbar ist momentan insbesondere der öffentliche Druck auf die Jugendämter, ihr „staatliches Wächteramt“ (noch) konsequenter als bisher auszuüben und härter gegen vermeintlich erziehungsunfähige Eltern vorzugehen. Immer mehr stehen Jugendämter mit ihrer Arbeit im Scheinwerferlicht einer kritischer werdenden Debatte, die viele Mitarbeiter in der Jugendhilfe zunehmend verunsichert und belastet.
Angesichts dieser Entwicklungsdynamik hat sich aber auch der Bedarf an permanenter Fortbildung und Qualifizierung der leitenden Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe in vielen Bereichen erhöht, z.B. bei der Qualität in Kindertageseinrichtungen, Kinderschutz (Umgang mit § 8a SGB VIII), „Frühe Hilfen“, Übergang Schule-Beruf (auch im Zusammenhang mit dem SGBII), den Qualitätsstandards im ASD. Hier ist spürbar, dass nach Erfahrungsaustausch, Unterstützung und Orientierung gesucht wird, um die eigene Handlungssicherheit zu erhöhen.
Was ist im Themenfeld Kinder- und Jugendhilfe in den nächsten zwei Jahren vom Difu zu erwarten? Dieser Themenbereich wird künftig von der „Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe“ (AGFJ) bearbeitet. Zudem hat im Juni 2008 das neue Forschungsprojekt „Bundesweite Bestandsaufnahme zu Kooperationsformen im Bereich früher Hilfen“ seine Arbeit aufgenommen. Darüber hinaus läuft die vierte Ausschreibung des Bundeswettbewerbs „Vorbildliche Strategien kommunaler Suchtprävention“ im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in dessen Mittelpunkt Kinder und Jugendliche als Zielgruppe des Wettbewerbs stehen.
Die AGFJ führt seit 1995 – bisher unter dem Dach des Vereins für Kommunalwissenschaften e.V. (VfK) und nun im Difu – mit Förderung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend regelmäßig bundesweite Fachtagungen und Workshops zu neuen Anforderungen an die Jugendhilfe durch. Die Veranstaltungen sollen in erster Linie dem Austausch von Erfahrungen sowie der Bekanntmachung und Erörterung innovativer Modelle des Verwaltungshandelns bei schweren Problemen dienen.
Im November wird eine bundesweite Fachtagung zum Thema „Frühe Hilfen interdisziplinär gestalten. Zum Stand des Aufbaus Früher Hilfen in Deutschland“ in Kopperation mit dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen und der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. stattfinden. Diese Tagung knüpft inhaltlich an das Forschungsprojekt „Bundesweite Bestandsaufnahme zu Kooperationsformen im Bereich früher Hilfen“ an und wird im Auftrag des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt.
Was ist eigentlich Frühe Hilfe? Wie früh ist früh? Wer muss „früh“ dabei sein, damit Frühe Hilfen nicht zu spät kommen? Immer wieder haben in den letzten Jahren Meldungen über Fälle schwerer Vernachlässigung oder Misshandlung von Kindern die Öffentlichkeit schockiert. Mit dem Aktionsprogramm der Bundesregierung „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“ wurde daher eine Verzahnung von Gesundheitswesen und Jugendhilfe angestrebt, um den Schutzauftrag der staatlichen Gemeinschaft zu stärken. Frühe Hilfen setzen an, bevor sich ungünstige Entwicklungsverläufe in Familien stabilisieren und konzentrieren sich dabei gezielt auf die ersten Lebensjahre der Kinder, da Vernachlässigung und Misshandlung in dieser frühen Entwicklungsphase besonders schwerwiegende Folgen für die Betroffenen nach sich ziehen.
Zentrale Voraussetzung für die Wirksamkeit Früher Hilfen ist das frühzeitige Wahrnehmen und Einschätzen von Gefährdungen. Deshalb ist es wichtig, möglichst frühzeitig einen Zugang zu den Familien zu finden. Vor allem über das Gesundheitssystem besteht die Möglichkeit, einen breiten und systematischen Zugang zu werdenden Eltern oder zu Eltern mit Kleinkindern zu bekommen. Kontakte dieser Art können über Geburtskliniken, Geburtsmeldungen bei Einwohnermeldeämtern oder im Rahmen von „Hausbesuchsdiensten“ aufgebaut werden. Allerdings stellen die Zugangsmöglichkeiten zu Familien nur ein Glied im Rahmen einer wirksamen Handlungskette Früher Hilfen dar. Sie bleiben weitgehend wirkungslos, wenn es nicht gelingt, Familien mit Problemlagen schnell und gezielt an geeignete Hilfe weiter zu vermitteln. Hinweise und Untersuchungen aus verschiedenen Bundesländern verdeutlichen, dass im Bereich Früher Hilfen mittlerweile eine Vielzahl präventiver Angebote und Projekte für Kinder und Familien vorhanden sind bzw. auf- und ausgebaut werden.
Die Zielstellung, Frühe Hilfen und soziale Frühwarnsysteme durch die Verzahnung von Jugendhilfe und Gesundheitssystem zu stärken beginnt nicht bei Null! Sie kann sich auf bereits bestehende Kooperationsstrukturen stützen. Allerdings ist festzustellen, dass die bislang vorhandenen Angebote nur teilweise die Anforderungen an ein funktionierendes kommunales Netzwerk im Bereich Frühe Hilfen erfüllen. So zeichnet sich die Zusammenarbeit bei vielen dieser Kooperationsformen durch eine eher geringe Verbindlichkeit aus, da sie nur selten auf klaren Vereinbarungen bzw. Kontrakten beruht. Nur eine strukturierte und damit verlässliche Kooperation zwischen Einrichtungen und Trägern der Kinder- und Jugendhilfe, des Gesundheitssystems und anderen familienbezogenen Hilfeeinrichtungen erbringt jedoch einen deutlichen Qualitätszuwachs im Bereich Früher Hilfen und sozialer Frühwarnsysteme. Auch ist es mancherorts noch so, dass die Vernetzung beider Systeme teilweise auf Bedenken stößt, soweit sie mit der überwiegenden Zielstellung einer Stärkung des staatlichen Kontrollsystems und ohne die Bereitstellung begleitender Hilfen für die Familien einhergeht. Entsprechend formiert sich von mehreren Seiten Widerstand gegen eine gesetzliche Verpflichtung zur Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen als Teil eines vernetzten Systems Früher Hilfen.
Für einen Erfolg Früher Hilfen sind gute Netzwerkstrukturen entscheidend. Besonders wichtig für die weitere Qualitätsentwicklung Früher Hilfen ist daher eine aufeinander abgestimmte Kooperation von Einzelmaßnahmen im Rahmen regionaler Hilfenetze. In diesem Zusammenhang kommt den kommunalen Steuerungsbehörden wie Jugend- und Gesundheitsämtern eine besondere Bedeutung zu. Bislang liegen jedoch nur wenige Informationen über die bereits vorhandenen Kooperationsformen und Vernetzungsstrategien von Gesundheitswesen und Jugendhilfe vor.
Das neue Difu-Forschungsprojekt wird vorhandene Kooperationsformen und Vernetzungsstrategien kommunaler Steuerungsbehörden (Ziele, Ausrichtung, Umfang, Struktur und Qualität der Kooperationen) anhand einer Befragung aller Jugend- und Gesundheitsämter untersuchen. Außerdem soll die aktuelle Angebotsstruktur der vor Ort vorhandenen Maßnahmen bzw. Projekte im Bereich der Frühen Hilfen ermittelt werden. Auf der Fachtagung der AGFJ, die im November stattfinden wird, werden hierzu Beispiele aus der kommunalen Praxis vorgestellt und diskutiert werden.
Dipl.-Soz. Kerstin Landua
Telefon: 030/39001-135
E-Mail: landua@difu.de
Dipl.-Soz. Detlef Landua
Telefon: 030/39001-196
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