Difu-Berichte 3/2005 - Soziale Aspekte des Flächenrecyclings in den Städten
Neue Veröffentlichung im Rahmen der deutsch-amerikanischen Forschungskooperation
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Deutsch-amerikanische Forschungskooperation
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die United States Environmental Protection Agency (US EPA) starteten 1990 eine bilaterale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Altlastensanierung. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit steht eine Serie von sechs Workshops, von denen die zweite Veranstaltung in der Reihe der Difu-Materialien dokumentiert ist.
Die zurzeit laufende Phase III der deutschamerikanischen Forschungskooperation widmet sich dem Thema Nachhaltige Ressourcenschonung - Flächenmanagement und Flächenrecycling (Sustainable Ressource Conservation - Land Management/Site Recycling).
Ein wesentlicher Baustein des transatlantischen Lernprozesses ist der Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen amerikanischen und deutschen Wissenschaftlern, vor allem aber auch kommunalen Praktikern im Hinblick auf geeignete Strategien und Instrumente des Flächenrecyclings.
Dokumentation eines bilateralen Workshops in Leipzig
Am 17. und 18. Juni 2004 fand in Leipzig der vierte internationale Workshop statt. Hier ging es um das Thema Soziale Aspekte des Flächenrecyclings. Im Zentrum stand dabei die bilaterale Information über die in den USA und Deutschland angewandten Strategien und Instrumente, die für Flächenrecycling (Brownfield Redevelopment) einsetzbar sind.
Die Dokumentation, die umfangreiche übersetzte Texte und Diskussionsbeiträge sowie englischsprachige Vortragsfolien umfasst, enthält Beiträge US-amerikanischer und deutscher Experten über die Integration von sozialen Belangen und Flächenrecycling im Rahmen der Stadt- oder Stadtteilentwicklung.
Soziale Belange und Flächenrecycling
Bei der Revitalisierung von Brachflächen sind meist verschiedene soziale Aspekte berührt. Die Innenstädte sollen möglichst als integrierte Standorte für Wohnen, Arbeiten und Erholung entwickelt werden. Innerörtliche Brachflächen stellen hierfür ein großes Potenzial dar, da sie meist gut erschlossen und zentral gelegen sind. Brachflächen sind zugleich Kristallisationspunkte für soziale, ökologische und beschäftigungsorientierte Nutzungen in Stadtumbaugebieten.
Die soziale Verträglichkeit des Flächenrecyclings hängt davon ab, ob eine Verknüpfung öffentlicher und technischer Belange sowie eine umfassende städtebauliche Erneuerung des Bestands und der Stadtstrukturen beteiligungsorientiert gelingt. Aus finanzieller Sicht sollte das privatwirtschaftliche Interesse an Projekten der Brachenrevitalisierung und das öffentliche Interesse an langfristig wirkenden sozialen Effekten in den betreffenden Stadtteilen effektiv gebündelt werden.
![]() Jugendliche wirken bei der Revitalisierung ihrer Stadt mit - im Community Works Young Architects Program der Stadt Lawrence (Massachusetts), Foto: Maggie Super Church |
Brachflächenrevitalisierung in schrumpfenden Städten
Gerade bei Schrumpfungsbedingungen ist es sinnvoll, dass die Städte die Wiedernutzung von Brachflächen zur Verbesserung der bebauten und unbebauten Umwelt der Bewohner betroffener Stadtteile nutzen und gleichzeitig Impulse für Beschäftigung, Qualifizierung und die Stärkung lokaler Ökonomien geben.
Soziale Belange sind dabei sowohl in der Phase der Planung einer neuen baulichen oder nicht-baulichen Nutzung als auch während der sich anschließenden Nutzungsphase zu berücksichtigen.
Mischnutzungskonzepte und Zwischennutzungen sind probate Ansätze zur Erreichung dieser Ziele. In der Regel sind einzelne Brachflächenprojekte eingebettet in übergreifende Programme der Sanierung oder Aufwertung ganzer Stadtquartiere.
Anhand der im Workshop präsentierten Beispiele und aus verschiedensten Dokumentationen über Brachflächenrevitalisierungsprojekte in beiden Ländern lassen häufige sozial orientierte Nachnutzungmuster erkennen:
- Familiengerechtes Wohnen, Altenwohnen, Mehrgenerationenwohnen
- Nachbarschaftszentren, Kulturzentren
- Jugendzentren und Nachbarschaftstreffs
- Gewerberaum für Existenzgründer
- Mischnutzungen (Wohnen und Arbeiten)
- Grün- und Freiflächen, Spielplätze
- Zwischennutzungen (Freiraum, Kultur, Kunst, Sport, Freizeit)
- Gemeinschaftsgärten
- Radwege.
Zwischennutzungen auf Flächen, für die noch kein Investor gefunden werden konnte, dienen der Aufwertung städtebaulich bedeutsamer Flächen und verhindern eine negative Ausstrahlung auf das Umfeld. Häufig werden hier freiraumorientierte Zwischennutzungen etabliert, aber auch Parkplätze oder Veranstaltungsorte.
Rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen einer sozial ausgewogenen Brachflächenrevitalisierung
Auf deutscher Seite ermöglicht das Städtebaurecht mit der Ausweisung von Sanierungs-, Entwicklung- oder Stadtumbaugebieten die Erreichung baulicher und sozialer Ziele. Programme wie u.a. Soziale Stadt und URBAN oder der Europäische Sozialfonds setzen darüber hinaus weitere Impulse für Qualifizierung, Stärkung lokaler Ökonomien und Empowerment. Oft flankieren arbeitsmarktpolitische Maßnahmen die Bewältigung des Strukturwandels in den betroffenen Städten oder Stadtteilen.
Auch in den USA tragen Bundesrecht wie der National Environmental Policy Act (NEPA) oder einzelstaatliches Recht wie der California Environmental Quality Act (CEQA) zur Berücksichtigung sozialer Belange bei. Auf Superfund-Flächen und im Falle der Konversion militärischer Liegenschaften ist eine Bürgerbeteiligung vorgeschrieben. Die Ausweisung von urban renewal areas führt ebenfalls zur Berücksichtigung sozialer Belange. Steuerliche Anreize wecken das Interesse von privaten Investoren zur Umsetzung sozial intendierter Vorhaben (z.B. Bau von Wohnungen für gering verdienende Haushalte) auf Brachflächen.
Flächenrecycling und Bürgerbeteiligung
In den USA und in Deutschland besteht eine große Vielfalt bei den Formen der Bürgerbeteiligung. Zu nennen sind unter anderem:
- gesetzlich vorgeschriebene Beteiligung
- öffentliche Veranstaltungen, Foren
- Lokaltermine und Besichtigungstouren
- Quartiermanagement, Bürgerbüros
- Projekte (unter anderem Bildung Qualifizierung, Umfeldgestaltung)
- Arbeitsgruppen und Ausschüsse (projektbezogen, themenbezogen, quartierbezogen)
- Arbeitsgemeinschaften zwischen Kommune, Investoren, Bürgern, Verbänden
- Ausstellungen
- Internetauftritt
- Aktionen und Events (unter anderem Kultur, Kunst).
Dabei dienen die unterschiedlichen Formen der Bürgerbeteiligung der Festlegung gemeinsamer Ziele zwischen verschiedenen öffentlichen und privaten Akteuren, der Sicherung von Abwägungsspielräumen innerhalb der Projektrealisierung, der Berücksichtigung von Anwohnerinteressen, der Information über Projektrealisierung und eventuelle Risiken sowie der Schaffung von Transparenz und Akzeptanz über bzw. für Revitalisierungsvorhaben. In beiden Ländern helfen Formen der aufsuchenden und stadtteilbezogenen Arbeit, Bewohnerengagement und Selbsthilfepotenziale zu aktivieren.
Praxiserfahrungen aus Flächenrecycling-Projekten
Die in den Beiträgen dargestellten Erfahrungen aus US-amerikanischen sowie deutschen Fallstudien (Case Studies) und Beispielen verdeutlichen die Möglichkeiten der Verknüpfung sozialer Belange der Stadt- oder Stadtteilentwicklung und des Flächenrecyclings. Hierbei schildern Praktiker Lösungsansätze aus verschiedenen US-amerikanischen und deutschen Städten wie Stuttgart (Baden- Württemberg), Leipzig (Sachsen), Dresden (Sachsen), Berlin, Trenton (New Jersey), San Diego (Kalifornien) und Lawrence (Massachusetts).
Die Dokumentation des vierten deutschamerikanischen Workshops zeigt, dass Flächenrecycling heute keine isolierte Fachaufgabe mehr ist. Vielmehr ist es ein wesentlicher Baustein einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Daher müssen erfolgreiche Nachnutzungskonzepte für Brachflächen die unterschiedlichen Anforderungen von Räumen, Nutzern, Nutzungen und Funktionen erfüllen. Fördernde Faktoren für eine Berücksichtigung sozialer Belange sind ein ganzheitlicher Programmansatz auf bundesstaatlicher oder Landesebene, eine Unterstützung des Programms in Verwaltungsspitze, flache Organisations- und Verantwortungshierarchien sowie eine rege Beteiligung von Akteuren an unterschiedlichen Kooperationen.
Dipl.-Ing. agr. Thomas Preuß
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