Difu-Berichte 3/1999 - Kontrast und Parallele - Studie: Kulturelle und politische Identitätsbildung ostdeutscher Generationen
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Kontrast und Parallele
Neue Studie zur kulturellen und politischen
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Die Studie beschreibt die Identitätsbildung von vier ostdeutschen, in der DDR geborenen und aufgewachsenen Generationen. Auf der Basis biographischer Tiefeninterviews werden die Entwicklungen bis zur Vereinigung nachgezeichnet und entsprechenden Lebensläufen in Westdeutschland gegenübergestellt. Zur Diskussion stehen Möglichkeiten und Bedingungen einer inneren deutschen Einheit, die nicht gefunden werden kann, solange sich ost- und westdeutsche Mentalitäten gravierend - z. B. im Politik- und Demokratieverständnis - unterscheiden. Seit der deutschen Vereinigung stellt sich die Frage, ob zwischen ost- und westdeutschen Mentalitäten Unterschiede oder Ähnlichkeiten, Kontraste oder Parallelen dominieren, und ob die Unterschiede im Sinne einer kulturellen Vielfalt zu verstehen und daher möglicherweise positiv zu bewerten seien, oder ob Gegensätzlichkeiten in grundlegenden Einstellungen zu Politik, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bestehen, die einen Konsens oder zumindest die zivilisierte Regelung von Konflikten zwischen Ost und West erschweren. Umstritten ist in der umfangreichen Transitionsforschung, die sich mit dem Wertewandel, den politischen und normativen Einstellungen in Ostdeutschland befaßt, ob Eigenständigkeit, Verzögerung, Stillstand oder gar Rückschritt die Entwicklung von Einstellungen und Normen in der DDR gekennzeichnethaben. Jede dieser Einschätzungen scheint gleichermaßen zutreffend wie verfehlt und begrenzt zu sein. Die vier ostdeutschen Generationen - von den 30er- bis zu den 60er Jahren - zeigen deutliche Parallelen zu den entsprechenden westdeutschen, entwickeln aber dennoch unter den Bedingungen des Sozialismus Einstellungen, die im Gegensatz zum Westen stehen. Die 30er- Jahre- Generation der DDR teilt mit der der Bundesrepublik die Kriegserfahrungen, ist also auch eine "Flakhelfer" Generation, geht aber fast ungebrochen in die neuen Organisationsformen des sozialistischen Staates ein, so daß eine "Flakhelfer / FDJ- Generation" entsteht. Da bürgerliche Gruppen der sich bildenden DDR zum größten Teil in den Westen über siedeln, erscheint die ostdeutsche 30erJahre- Generation als ihr "proletarischer Teil". Trotz dieser scheinbaren Übereinstimmung mit dem Selbstverständnis der DDR als "Arbeiter- und Bauernstaat" bleibt aber ein Bruch zwischen dieser ersten DDR- Generation und den alten kommunistischen Eliten bestehen. Wie im Westen ist die 30er- Jahre-Generation des Ostens überwiegend eine unpolitische, die der Klassenkampfmentalität der Staatsgründer und alten Eliten nicht folgt. Nur äußerlich paßt sie sich an, orientiert sich aber besonders im Kulturverständnis an sozialdemokratischen Traditionen, die auf Erwerb und Aneignung der bürgerlichen Kulturgüter durch Bildung, nicht durch Kampf zielen. Es entsteht eine "adoptierte Generation", die dem eigenen Staat gegenüber fremd bleibt und nur durch dessen Sozialleistungen sowie durch bisher unvorstellbare Aufstiegsmöglichkeiten integriert wird. Im kulturellen Bereich sind es nicht eigene Leistungen einer Arbeiterkultur, weder der informellen Alltagskultur noch der ästhetischen Formen eines Proletkults, die die anerkannten Bezugspunkte dieser Generation werden, sondern die durch extrem niedrige Preise verfügbaren Leistungen einer bürgerlichen Kultur, die überwiegend der klassischen und romantischen Epoche entstammt. Diese "Arbeiterkultur" weist sich gegenüber der 30erJahre- Generation eher durch niedrige Preise als durch spezifische Inhalte als "ihre Kultur" aus. Der Übergang zu Marktpreisen nach der Vereinigung oder öffentlich weniger massiv geförderten Preisen - für Bücher, Theaterkarten etc. - entfremdet diese Generation den verfügbaren Kulturangeboten und verweist sie auf billige Erzeugnisse der Populärkultur. Mit den westlichen Teilen der 30er- Jahre- Generation verbindet die ostdeutsche ihre Vorstellung von Kultur als Fundus von Werten, die materiellen ähnlich sind, also wie diese durch Umverteilung verfügbar werden. Sie unterscheidet sich aber vom Westen durch die relativ große Fremdheit gegenüber dem eigenen Staat, denn die westdeutsche 30er- Jahre- Generation wird nicht nur voll in die neue Bundesrepublik integriert, sie wird zu einem stabilen Träger dieses neuen westdeutschen Staates, der ihr in seinen konservativ- unpolitischen Tendenzen entgegenkommt und entspricht. Die Kluft zwischen alten Eliten und 30er Jahre- Generation wird im Westen geschlossen, während sie im Osten bestehen bleibt. Die 40er- Jahre- Generation sowohl des Ostens als auch des Westens ist vom Ende der Nachkriegszeit und von einer damit einsetzenden Verwissenschaftlichung in Industrie und Verwaltung geprägt. Im Westen führt dieser Übergang jedoch zu einem massiven Konflikt zwischen der 40erJahre- Generation und den vorhergehenden - besonders der 30er. Diese begründet ihren Status im Gegensatz zu der auf materiellen Besitz ausgerichteten Generation der 30er Jahre ausschließlich auf analytischem Wissen, entsprechend gefördert durch die Bildungsreform. Derselbe Gegensatz besteht in der Tendenz auch in der DDR. Einerseits durch Repression, zum anderen durch Verweis auf die eigene revolutionäre, antifaschistische Tradition und den Anspruch, im Sozialismus nur auf Wissen, nicht auf Besitz gegründete Qualifikationen anzuerkennen, gelingt es den alten Eliten jedoch, in den 60er Jahren den offenen Konflikt mit dieser neuen Generation der in den 40er Jahren Geborenen zu vermeiden. Während die westlichen "68er" im Bild des analytischen, nur zur Kritik verpflichteten Wissenschaftlers ihre Idealfigur formulieren, bleibt die entsprechende ostdeutsche 40er- Jahre- Generation einem Begriff des nützlichen, technischen Wissens verbunden, der sich in Selbstbildern eines "idealistischen homo faber" äußert. Mit dem 68er- Konflikt vollzieht die westdeutsche 40er- Jahre- Generation entscheidende Schritte einer Individualisierung und subjektiven Modernisierung und ist für mehr als zwei Jahrzehnte in ihren zentralen Feldern, z. B. in den nicht anwendungsorientierten Sozialwissenschaften, als prägende Kultur außerordentlich erfolgreich. Den Ostdeutschen gelingt diese Emanzipation Ende der 60er Jahre nicht, da sie einerseits einer unvergleichlich höheren Repression unterliegen, und andererseits die alten Eliten der Weimarer Generation die relevanten Symbole, z. B. den Revolutionsbegriff, besetzt halten, so daß ein "68" in der DDR ausfällt. Die 40er- Jahre- Generation der DDR bleibt einem technischen Fortschrittsmodell ohne emanzipatorische Wirkung und damit auch der Kontinuität eines wesenhaft definierten, aus vorgegebenen Traditionen und Bindungen gebildeten Identitätsbilds verbunden. Durch technische Unzulänglichkeiten der DDR und durch die Bevormundung durch alte politische Eliten werden die typischen Exponenten dieser ostdeutschen Generation, die Ingenieure und technischen Manager, jedoch bereits in der DDR tief enttäuscht, und dies setzt sich nach der Einigung fort, da ihnen jetzt die fachlichen und sozialen Kompetenzen fehlen, um im Westen erfolgreich zu sein. Sie sind zu alt, um noch umzulernen, zu jung, um in den vorzeitigen Ruhestand zu treten, so daß diese Generation heute trotz hoher Anfangserwartungen tiefe Frustration über die Einigung bekundet: Weder vor noch nach 1989 fühlte sie sich wirklich anerkannt und gebraucht, obwohl sie sich gerade darum ständig bemüht hat. |
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| Melancholie im Schein des Lampions: Dieter Kraft im Köpenicker Kiez |
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Quelle: "Boheme und Diktatur in der DDR", Katalog zur Austellung des Historischen Museums, 4.9 - 16.12.1997. Photo: Jochen Wermann
Die 50er- Jahre- Generationen des Ostens und des Westens können als eine Art romantischer Gegenreaktionen auf die Wissenschaftsorientierung ihrer Vorgänger verstanden werden. Während aber im Westen die Vernunftkritik, die sich z. B. in Körperbetonung oder in der extrem hohen Bewertung individueller, authentischer Erfahrungen äußert, nach den Konflikten der 60er Jahre fast als Kontinuität wahrgenommen wird, stellt dieselbe Orientierung in der DDR eine Fundamentalkritik an Vernunft- und Rationalitätsverständnis des Staates dar, so daß es im Gegensatz zum Westen im Osten in den 70er Jahren zu massiven Konflikten kommt. Darin drückt sich aber offensichtlich keine Verspätung der DDR aus, sondern eine andere Konstellation von Bedingungen. Dieser Konflikt, der in den 70er Jahren die DDR prägt, fordert allerdings eine unvergleichlich härtere Repression heraus, die vor allem neue Formen der Bespitzelung und psychischen Zerstörung entwickelt, wodurch eine Ausweitung dieser parallelen Ansätze zu umfassenden sozialen Bewegungen verhindert wird. Statt dessen ziehen sich die Protagonisten der 50er- Jahre- Generation in DDR- typische Nischen zurück, in denen sie sich allerdings gleichermaßen radikalisieren wie auch konventionell und traditionell werden. Es entwickeln sich drei Formen: zum einen der kirchliche Widerstand der evangelischen Gemeinden, die sich als "urchristliche Liebesgemeinschaften" gegen die staatliche Repression schützen, zum zweiten eine literarische und künstlerische Bohème in den kulturellen Zentren, die von jeder Vorstellung, auf Politik zu wirken, Abstand nimmt, und drittens ein innerparteilicher Widerstand, der aus der SED (und der Stasi) heraus versucht, Modelle eines Urkommunismus in Form von Produzentengemeinschaften als Utopie und Perspektive gegen den technisch verkürzten Sozialismus der DDR zumindest gedanklich zu entwickeln. Alle drei Formen sind Gemeinschaftsprinzipien verpflichtet, die tiefe Bindungen zwischen allen Beteiligten verlangen und dadurch wiederum Wertewandel verhindern und zu einer Bewahrung essentialistischer Identitätskonstruktionen beitragen. |
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Wilfried Falkentahl: Das Brigadebad, 1977, Bundesministerium des Inneren |
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Quelle: "Auftrag: Kunst 1949-1990", Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, 25.1.-14.4.1995
Für die 60er- Jahre- Generation der DDR ist oft behauptet worden, sie sei ihren westlichen Altersgenossen am ähnlichsten, sie sei zudem dem Sozialismus am weitesten entfernt. Die Analyse zeigt jedoch, daß die Abkehr vom DDR- Sozialismus bereits in den 70er Jahren beginnt, und die Ähnlichkeiten zwischen ost- und westdeutschen Generationen waren auch vorher eindeutig gegeben. Eher angemessen erscheint es, die 60er- Jahre-Generation der DDR als "konventionelle Individualisten" zu bezeichnen, die zwar in ihren Lebensplanungen individuelle Belange verfolgen und sich von allen kollektiven und sozialistischen Normen distanziert haben; aber diese Individualisierung vollzieht sich an traditionellen Inhalten wie z. B. Familie, Beruf, Freundeskreis. Die Selbst- Ästhetisierung der zeitgleichen westlichen Generation fehlt ihr weitgehend und damit auch der Übergang zu einer Persönlichkeitsbildung, die sich aus Unterscheidungen zu anderen Individuen und Lebensformen ergibt. Auch diese Generation greift also, da ihr eine subjektive Modernisierung nach westlichem Muster nicht zugänglich ist, auf traditionelle Lebensformen, wie sie die des Bohèmien, des Gemeinde- bzw. Organisationsmitglieds oder des sozialengagierten Technikers waren, zurück, so daß sich für die DDR ein ganz eigener Modernisierungsweg ergibt, der weder als einfaches Nachhinken hinter dem Westen noch als eigener Wertewandel verstanden werden kann. Er muß als Individualisierung ohne Wertewandel gelten, ein Phänomen, daß in der westlichen Wertewandelsforschung eigentlich als nicht möglich angesehen wurde. Jede ostdeutsche Generation wird demnach durch staatliche Repression, Dominanz alter Eliten - der Weimarer Generation - sowie durch kulturelle Isolation gebrochen und in die Statik der DDR gezwungen. Die spiegelbildlichen Ansätze der Mentalitätsentwicklung konnten sich nicht zu breiten Bewegungen ausweiten, so daß aus parallelen Ansätzen und Motiven kontrastierende Generationsformen entstanden. Besonders an Einstellungen zu Kunst und Kultur wird diese Verbindung von Kontrast und Parallele in den Entwicklungen der beiden deutschen Gesellschaften bis 1989 erkennbar. |
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Brathänchen als gehobener Imbiß, 1964 |
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Weitere Informationen: Dr. Albrecht Göschel goeschel@difu.de |
Quelle:"Wunderwirtschaft - DDR- Konsumkultur in den 60er Jahren" Böhlau-Verlag
Die retardierenden Mechanismen der DDR, die eine objektive Modernisierung zwar förderten und durchsetzten, eine entsprechende subjektive Modernisierung aber unterbanden, führten zur Bewahrung wesenhaft definierter, essentialistischer Identitätsbildungen bis in die jüngsten ostdeutschen Generationen, während sich westdeutsche Generationen von dieser Form der Identitätsbildung im Zuge des Wertewandels und einer subjektiven Modernisierung zunehmend entfernten. Damit entstehen nicht nur tiefe kulturelle und politische Widersprüche zwischen den beiden Landesteilen, die im Sinne von Pluralität als Bereicherung gesehen werden könnten, sondern vor allem im Osten einerseits Gefühle kultureller und moralischer Überlegenheit gegenüber dem Westen; andererseits lenkt die essentialistische Mentalität des Ostens durch die Innerlichkeit, die sie nahelegt und zum hohen Wert erklärt, von einer offensiven Aus einandersetzung mit dem Westen ab und blockiert den Einfluß des Ostens auf das vereinte Deutschland in Politik und Kultur, so daß die zweifellos bestehende ökonomische Benachteiligung kulturell verstärkt wird. "Was glänzt (die fremde Kultur des Westens), ist für den Augenblick geboren, das Echte (die eigene Kultur des Ostens) bleibt der Nachwelt unverloren"; so scheinen die ostdeutschen Generationen ihre Beziehung zum Westen und zu sich selbst zu sehen und sich auf diese Weise von der Notwendigkeit des Konflikts und der politischen Äußerung zu entlasten. Da sich der Westen aber in der Folge politischer und kultureller Generationen gerade von diesem Bild der wesenhaften Identität weitgehend entfernt hat, kann er den Anspruch einer kulturellen und moralischen Überlegenheit des Ostens in keiner Weise nachvollziehen. Er weist diesen Anspruch zurück und bewirkt damit eine tiefe Kränkung der Ostdeutschen, die sich dadurch nur noch mehr in die alten Nischen zurückziehen oder sogar in zunehmendem Umfang antiwestliche Ressentiments entwickeln oder neu beleben. Nicht der Wandel, den das DDR- Regime fürchtete und repressiv verhinderte, sondern der Stillstand, den es erzwang, führte zum Verlust von Anerkennung und Zustimmung der Bevölkerung für den sozialistischen Staat vor 1989 und schließlich zu seinem Untergang. Er erschwert aber gleichermaßen die Identifikation der Ostdeutschen mit dem vereinten Deutschland, in dem sie nicht heimisch werden. |
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