Difu-Berichte 3/1997 - TAT-Orte. Gemeinden im ökologischen Wettbewerb

    


Bekanntgabe der diesjährigen Preisträger

Fritz Brickwedde


Anläßlich der Preisverleihung
im Hotel Bellevue der Landes-
hauptstadt Dresden hielten Fritz
Brickwedde, Generalsekretär
der Deutschen Bundesstiftung
Umwelt, und Prof. Dr. Heinrich Mäding, Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik,
die Eröffnungsreden.

Prof. Dr. Heinrich Mäding

Das Engagement dreier kleiner Städte, einer Gemeinde sowie einer Initiative aus den neuen Bundesländern hat sich gelohnt: Sie wurden beim diesjährigen Wettbewerb "TAT-Orte. Gemeinden im ökologischen Wettbewerb" dafür prämiert, daß sie durch Eigeninitiative, Phantasie und Tatkraft beispielhafte Umweltideen in die Tat umsetzen, die gleichzeitig auch eine positive ökonomische und soziale Bedeutung haben.

Der Wettbewerb richtet sich an alle kleinen Gemeinden (bis 10000 Einwohner) der neuen Bundesländer - das heißt Verwaltungen, aber auch Initiativen aus diesen Gemeinden. Es sollen umweltfreundliche Vorhaben ausfindig gemacht werden, die gleichzeitig ökonomisch und sozial bedeutsam sind. Sie sollen zudem innovative Ideen mit persönlicher Verantwortung verbinden und außerdem auf Gemeinden mit ähnlichen Rahmenbedingungen übertragbar sein. Der Wettbewerb, der gemeinsam von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) und dem Deutschen Institut für Urbanistik (Berlin) durchgeführt wird, findet jährlich bis zum Jahr 2000 statt.

Die "TAT-Orte 1997" sind ermittelt. Sie wurden von einer unabhängigen Jury aus insgesamt 80 Bewerbungen ausgewählt. Die Zahl der Bewerbungen ist seit 1995, dem Beginn der jährlich stattfindenden Wettbewerbe, stetig gestiegen. Dies zeigt nicht nur, daß der Bekanntheitsgrad von "TAT-Orte" deutlich zugenommen hat, sondern auch, daß in den neuen Bundesländern beeindruckend viele und vielfältige Maßnahmen im Umweltschutz ergriffen werden. Dabei geraten auch die Ziele des Wettbewerbs nicht aus dem Blickfeld: Umweltfreundliche Projekte werden mit ökonomischen und sozialen Aspekten verknüpft.

Damit entsprechen sie - ganz im Sinne der allseits geforderten Nachhaltigkeit - gleichzeitig der Agenda 21, dem Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert, das auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 formuliert wurde. Die wechselseitige Abhängigkeit von ökologischer, sozialer und ökonomischer Entwicklung wurde dort ebenso betont wie die Interdependenz zwischen den Kontinenten und die Verantwortung für folgende Generationen. Weltweit soll ökologischen, sozialen und ökonomischen Zielen gleichwertig Geltung verschafft werden. Städte, Gemeinden und Kreise sind im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gefordert, eine Lokale Agenda 21 im Dialog mit der Bevölkerung, gesellschaftlichen Gruppen und der Privatwirtschaft zu erarbeiten und umzusetzen. Viele Kommunen haben sich dieser Herausforderung bereits gestellt und sind in den Entwicklungsprozeß einer Lokalen Agenda 21 eingetreten, der entsprechend ihrer spezifischen Situation vor Ort gestaltet wird. "Nachhaltige Entwicklung" und "Lokale Agenda 21" rücken damit immer mehr ins Zentrum der aktuellen kommunalen und öffentlichen Diskussion.

In den "TAT-Orten" und bei fast allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Wettbewerbs werden viele der mit nachhaltiger Entwicklung verbundenen Ziele bereits in die Tat umgesetzt: beispielsweise eine ökologisch orientierte Abwasserreinigung, die für die ländliche Bevölkerung kostengünstiger sein kann als in herkömmlicher Form; umweltschonende Energieversorgung, die gleichzeitig in der Region neue Arbeitsplätze schafft, oder die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in Umweltaktivitäten vor Ort und damit eine Erziehung zu umweltgerechtem Handeln.

Prämierte und die vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer beweisen, daß es nicht allein die spektakulären Großprojekte sind, mit denen entscheidende Beiträge zur Verbesserung von Umwelt- und Lebensqualität geleistet werden können. Auch die vielen kleinen Aktivitäten stellen wirkungsvolle Lösungsansätze dar und sind in der oft praktizierten Bündelung unverzichtbar, wenn es darum geht, daß möglichst viele Menschen Verantwortung für die Umwelt übernehmen und lokal handeln.

Die Preisträger 1997
Am 31. August 1997 wurden im Rahmen einer Festveranstaltung im Hotel Bellevue in der Landeshauptstadt Dresden die Auszeichnungen durch den Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, Fritz Brickwedde, und den Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik, Professor Dr. Heinrich Mäding, überreicht. Neben einer Urkunde erhielten die Preisträger für ihre nachhaltigen Leistungen auch nachhaltige Preise: eine reichbebilderte Buchdokumentation und einen Videofilm, die ausführlich die prämierten "TAT-Orte" dokumentieren. Sie werden den Preisträgern in höherer Auflage zur Verfügung gestellt.

Anläßlich der Preisverleihung wurden nicht nur die Videofilme über die Preisträger gezeigt, sondern auch eine Ausstellung über die Wettbewerbsgewinner eröffnet. Die Buchdokumentation wurde stark nachgefragt. Sie soll auch dazu dienen, andere Gemeinden und Initiativen zu motivieren und damit Mut zu eigenen Aktivitäten zu machen. Interessenten können die Buchdokumentation beim Deutschen Institut für Urbanistik anfordern.

Die Preisträger 1997


Die Scheune Bollewick
Die Scheune Bollewick - Arbeits- und Ausbildungsinitiative Röbel e.V.
Die Gemeinde Bollewick (440 Einwohner) liegt südlich der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern nahe der Kleinstadt Röbel. In Bollewick steht mit 125 Metern Länge und 34 Metern Breite die größte Scheune Norddeutschlands. Das 1881 aus Feldsteinen erbaute Gebäude diente seit 1969 der Massentierhaltung. Nach der Wende und dem Zusammenbruch der landwirtschaftlichen Produktion stellte sich für die Gemeinde die Frage nach der weiteren Nutzung der inzwischen zur Altlast gewordenen Scheune sowie der sie umgebenden Fläche.

Die Idee, die Scheune für Messen, Märkte, Ausstellungen und Konzerte zu nutzen und gleichzeitig Handwerksstätten unterzubringen, wurde entwickelt und in die Tat umgesetzt, da das Gebäude sehr gute Voraussetzungen für den Aufbau eines überregionalen Zentrums für Kommunikation und Handel unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte, insbesondere der Herstellung und dem Vertrieb von umweltfreundlichen Produkten, bot. Zur Unterstützung dieses Vorhabens wurde 1991 der Verein "Arbeits- und Ausbildungsinitiative Röbel e.V." gegründet, dessen Aufgabe es ist, Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten für die bisher in der Landwirtschaft tätige Dorfbevölkerung zu schaffen. Als nächstes ist der Ausbau des nördlichen Scheunenbereichs zu einem Hotel geplant. Die Aktivitäten in Bollewick zeigen ihre Wirkung in der gesamten Region und weit darüber hinaus: Mehr als 70Ê000 Besucher seit 1994 zeugen vom Erfolg dieses Konzepts.

"Das Besondere an unserem Projekt ist aus meiner Sicht die Vielfalt der Ideen und Initiativen, die sich unter dem Dach der Scheune begegnen. Dies schafft überdurchschnittliches öffentliches Interesse, das den einzelnen Akteuren in der Scheune zugute kommt und darüber hinaus die Attraktivität der Region verbessert.", so Bertold Meyer, Geschäftsführer des Vereins und Bürgermeister von Bollewick.


Die Gemeinde Schoeneiche
Die Gemeinde Schöneiche
Die brandenburgische Gemeinde Schöneiche hat 9640 Einwohner, liegt im Landkreis Oder-Spree und grenzt an die Großstadt Berlin. Aufgrund seiner vielen Waldflächen trägt Schöneiche zu Recht den Namen "Waldstadt im Grünen", den der Ort bereits nach der Jahrhundertwende als Luftkurort und Erholungsdomizil erworben hat. Dem Erhalt der Waldflächen und der Luftqualität durch entsprechende Ortsplanung sowie der Entwicklung natürlicher agrarischer Nutzungsweisen, der Belebung kultureller Angebote und der Förderung eines umweltfreundlichen Tourismus wird besonderer Wert beigemessen. So hat eine Vielzahl von Einzelprojekten zu einer umweltgerechten Entwicklung von Schöneiche beigetragen. Ökologisch orientiertes Bauen spielt dabei eine bedeutende Rolle: Neben einem Niedrigenergiehaus mit Modellcharakter ist die Landhofsiedlung (Lehm-, Holzbauweise) ein vorbildliches Beispiel für soziales und zugleich umweltfreundliches Bauen und Wohnen. Die Aktivitäten für eine ökologisch orientierte Entwicklung in Schöneiche gehen gemeinsam von den Vereinen, der Gemeindevertretung und einzelnen Bürgern aus, auch die Kinder und Jugendlichen werden einbezogen. Dabei wird nicht nur die Identifikation mit den Naturpotentialen vor Ort erzielt, sondern auch das Bewußtsein für den Umweltschutz gefördert.

"Die große Herausforderung für uns - auch im Interesse unserer Kinder und Enkel - ist es, Natur und Landschaft, Umwelt und Ökologie, Wirtschaft und Baupolitik, Denkmalpflege und Tourismus, Lebensqualität und Fortschritt, Vergangenheit und Zukunft mit sozialer Gerechtigkeit und Menschenwürde in Einklang zu bringen.", betont Heinrich Jüttner, Bürgermeister von Schöneiche.


Die Stadt Gruenhain
Die Stadt Grünhain
Die im sächsischen Erzgebirge gelegene Berg- und Klosterstadt Grünhain mit ihren 2700 Einwohnern war seit über einem Jahrhundert Standort von Textil- und metallverarbeitenden Unternehmen. Die umweltschädigende Wirtschaftsweise der letzten Jahrzehnte, die Vernachlässigung der örtlichen Infrastruktur und der darauf folgende Zusammenbruch großer Industriebetriebe stellten den Ort vor ökologische, wirtschaftliche und soziale Probleme. Ansiedlung von Gewerbe und In- dustrie, Umweltsanierung, Wohnungsneubau und -modernisierung sowie Erneuerung der städtischen Infrastruktur sind heute die Voraussetzungen einer zukunftsfähigen Entwicklung Grünhains, die wirtschaftliche und soziale Aspekte mit kommunalen Umweltaktivitäten verknüpft. "Wir haben bisher in 99ÊProzent der privaten und öffentlichen Gebäude die Braunkohle ersetzt und die Industrieemissionen durch moderne Reinigungstechnik stark reduziert. Auch zur Reinigung der Abwässer wurde langfristige Vorsorge getroffen. Über diese Fortschritte freuen wir uns sehr!", so Heinrich Auerswald, Bürgermeister von Grünhain.

In Grünhain werden keine spektakulären Umweltprojekte verfolgt. Vielmehr sind die Anstrengungen von Kommune und Vereinen im Naturschutz und in der Landschaftspflege sowie bei der umweltfreundlichen Tourismusentwicklung der Ausdruck eines in Grünhain selbstverständlichen Umgangs der Menschen mit Natur und Umwelt.

Die Pflege und Erhaltung von örtlichen und regionalen Traditionen und Bräuchen durch zahlreiche Vereine sowie das soziale Engagement der Stadt und ihrer Einwohner zeugen vom ausgeprägten Gemeinschaftssinn der Bürger Grünhains.


Die Stadt Lenzen
Die Stadt Lenzen
Die brandenburgische Stadt Lenzen (2538 Einwohner) liegt am nordwestlichen Rand des Naturparks "Elbtalaue". Zu DDR-Zeiten prägte die innerdeutsche Grenze zu Niedersachsen die Region: Sie wurde als Sperrgebiet ausgewiesen und der Zugang zur Elbe war der Bevölkerung nur mit staatlicher Sondergenehmigung erlaubt. Damit war eine Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung und somit auch der Zerfall der Häuser und Bauwerke verbunden. Arbeitsmöglichkeiten boten ausschließlich die Landwirtschaft und die Industriestadt Wittenberge. Gleichzeitig entwickelte sich in der Schutzzone entlang der Grenzanlagen ein Naturraum mit einer wertvollen Flora und Fauna.

Nach der Wende war die Stadt von hoher Arbeitslosigkeit bedroht. Gemeinsam ergriffen die Stadt- und die Amtsverwaltung, landwirtschaftliche Betriebe und die Beschäftigungsgesellschaft, Umweltververbände und Gewerbebetriebe die Initiative, arbeits- und sozialpolitische Maßnahmen auf der Basis des ökologischen Wirtschaftens umzusetzen. Die Wiederbelebung der Region durch die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten im Bereich der Landwirtschaft, der Landschaftspflege, der Tourismusentwicklung, der Stadt- und Dorferneuerung und durch Gewerbeansiedlung unter gleichzeitiger Berücksichtigung des Naturschutzes sind Ziele, die in Lenzen angestrebt und in großen Teilen bereits erfolgreich umgesetzt wurden. "Diese Aktivitäten wollen wir für alle sichtbar und erlebbar machen, um die Menschen hier zu motivieren. Es kommt darauf an, daß Entwicklung nicht nur nötig, sondern im gemeinsamen Handeln auch möglich ist.", betont Dagmar Ziegler, Bürgermeisterin von Lenzen.


Die Stadt Oederan
Die Stadt Oederan
Die Stadt Oederan mit ihren fast 8000 Einwohnern liegt im sächsischen Landkreis Freiberg, etwa 20 Kilometer von Chemnitz entfernt im unteren Bergland des Osterzgebirges.

Der industriell geprägte Ort litt vor der Wende unter gravierenden Umweltproblemen. Braunkohlengefeuerte Heizungen in Industrie und Haushalten verursachten enorme Luftbelastungen; Abwassereinleitungen aus Textilbetrieben machten den Hetzbach zum stinkenden Abwasserkanal. Die Altstadt mit ihren zahlreichen historischen Gebäuden war dem Verfall preisgegeben. Die strukurellen Umwälzungen in der Industrie stellten die Stadt und ihre Bürgerinnnen und Bürger in den zurückliegenden Jahren vor neue Herausforderungen.

Mit Augenmaß und Sachverstand werden nun die Weichen für eine zukunftsfähige Entwicklung Oederans gestellt: die städtebauliche Erneuerung der Innenstadt, eine geregelte Abwasserentsorgung, der Ersatz von Braunkohle als Energieträger, ein Solaranlagen-Modellprojekt im Wohngebiet an der Freiberger Straße, die Ausstattung des Freibades mit Solarabsorbern zur Wassererwärmung und der Aufbau eines Biotopverbundsystems zeugen vom Wandel, der sich im Ort vollzogen hat.

Da eine attraktive Stadt von den Menschen lebt, die hier wohnen und arbeiten, wird in Oederan Wert auf die Erhaltung und Neuansiedlung von Industrie- und Gewerbebetrieben sowie auf die Förderung des Einzelhandels in der Innenstadt gelegt.

Auch touristisch und kulturell hat die Stadt des "Klein-Erzgebirges" einiges zu bieten, denkt man an das umfangreiche Wanderwegenetz, an das Heimatmuseum, an die Volkskunstschule im Spital und an die zahlreichen Konzerte und Feste. "Wir haben in Oederan und seinen Ortsteilen inzwischen mehr erreicht, als wir 1990 glaubten, erreichen zu können. Wir werden mit Mut und Optimismus unsere Stadt weiter aufbauen, wissend, daß Menschen sich nur in einer intakten Umwelt auf Dauer wohl fühlen können", erklärt Gernot Krasselt, Bürgermeister von Oederan.

Weitere Informationen:

Dipl.-Ing. Cornelia Rösler
Telefon: 030/39001-244

Weitere "TAT-Orte" gesucht
"TAT-Orte. Gemeinden im ökologischen Wettbewerb" wird weitergehen: Die Wettbewerbe laufen bis zum Jahr 2000, wobei jedes Jahr bis zu fünf Preisträger ermittelt werden. Bewerbungen sind über das ganze Jahr möglich und werden in die jeweils laufende Wettbewerbsrunde aufgenommen. Teilnahmeberechtigt sind kleinere Gemeinden (bis 10000 Einwohner) der neuen Bundesländer sowie Initiativen in diesen Gemeinden, die in beispielhaften Vorhaben ökologische, wirtschaftliche und soziale Ziele verbinden.
     Seit April 1997 sind die "TAT-Orte" auch im Internet durch ein spezielles Informationsangebot vertreten. Termine und Informationen werden ständig aktualisiert, auch Bewerbungen können via Internet eingereicht werden.

Bewerbungsunterlagen erhalten Sie beim

Deutschen Institut für Urbanistik
Arbeitsbereich Umwelt
Straße des 17. Juni 112,
10623 Berlin

oder über das Internet:

http://www.difu.de/tatorte
E-Mail:
tatorte@difu.de