Difu-Berichte 3/1997 - Perspektivenwerkstatt - Breite Sicht ist weite Sicht
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Breite Sicht ist weite Sicht
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Seit Jahren wird in Berlin über die Neugestaltung des Berliner Schloßplatzes diskutiert. Soll der Palast der Republik saniert oder das ehemalige Stadtschloß wieder aufgebaut werden? Kann man angesichts leerer Staatskassen die Realisation privaten Investoren überlassen?
Diese und ähnliche Fragen standen vom 29. August bis zum 2. September 1997 im Mittelpunkt einer öffentlichen "Perspektivenwerkstatt", die vom Londoner Architekturbüro John Thompson & Partners und der Berliner MATCH-Entwicklungsberatung unter Schirmherrschaft der Berliner Senatsbauverwaltung ausgerichtet wurde. Dieses in Amerika und England langjährig erprobte Beteiligungsverfahren ist für die deutsche Planungskultur in dieser Form noch neu. Es wurde in Deutschland bereits zweimal zuvor in der Großsiedlung Berlin-Hellersdorf und von der Stadt Ludwigsfelde durchgeführt. Im Rahmen der "Perspektivenwerkstatt" wurde es in Berlin-Mitte parallel zu der von Prinz Charless Londoner Architekturinstitut durchgeführten Sommerakademie mit dem Titel "Prince of Waless Urban Design Task Force" eingesetzt. Die "Perspektivenwerkstatt" findet überwiegend an verlängerten Wochenenden statt und bietet so die Möglichkeit eines kurzfristigen und kompakten Vorgehens. Auf diese Weise ist eine schnelle Entwicklung von Lösungsstrategien möglich. In einer "Perspektivenwerkstatt" werden - und dies ist das Neue daran - bekannte Elemente und Arbeitsweisen in einer bisher unbekannten Form systematisch so gebündelt, daß ein konsens- und ergebnisorientierter Arbeitsprozeß mit dem Gewinn neuer Handlungsperspektiven möglich ist. Dies gelingt durch
Seit rund zehn Jahren fördert Prinz Charles im Rahmen der englischen Community Planning Bewegung öffentliche, transparente und bürgernahe Planungsdiskurse. Vor diesem Hintergrund ist auch sein Grußwort für die im September neu erschienene Publikation "Perspektivenwerkstatt" zu sehen. Erstmalig für den deutschsprachigen Raum wird damit eine vollständige und systematische Beschreibung des "Community Planning Weekend" gegeben, mit deren Hilfe sich Auftraggeber, Anwender und Moderatoren mit dieser Methode und ihren Hintergründen vertraut machen können. Die "Perspektivenwerkstatt" ist eine interaktive Planungsmethode. Sie baut auf die tatkräftige Mitwirkung der Bürger, Entscheidungsträger, Wirtschafts- und Verwaltungsexperten, die sich an der Umgestaltung ihres eigenen Lebensumfelds oder der Lösung eines städtischen Problems beteiligen. Betroffene und Interessierte werden in den Planungsprozeß aktiv einbezogen. Der Weg vom Problem zur Lösung wird erlebbar und nachvollziehbar. Gerade in festgefahrenen Situationen, in denen schon vielfältige Lösungskonzepte diskutiert wurden, ohne daß sich bisher tatsächlich viel bewegte, kann mit der "Perspektivenwerkstatt" oftmals ein Durchbruch erzielt werden, denn die Leitung und Moderation des Verfahrens liegt in den Händen eines neutralen Teams. Es entsteht ein Gefühl der Gemeinsamkeit, wodurch verhärtete Fronten aufgelöst, eingefahrene Denkweisen überwunden und Grenzen überschritten werden können. Probleme werden gemeinsam angegangen und neu entwickelte Lösungen von einem breiten Konsens der Teilnehmer mitgetragen. Durch diese Methode wird das Zustandekommen völlig neuer Lösungen ermöglicht. So kam es auch am Schloßplatz zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Unter der Leitung einer Gruppe neutraler Fachleute beschäftigten sich die 150 Berlinerinnen und Berliner intensiv mit dieser anspruchsvollen Plaungsaufgabe. Gemeinsam erörterten sie Probleme, Qualitäten und Perspektiven für das historische Stadtzentrum. Die besondere Moderationstechnik trug dazu bei, daß die Werkstatt trotz sehr konträrer Ausgangspositionen mit einer gemeinsamen Schlußfolgerung, die die neutralen Fachleute zu "Zehn Prinzipien für eine erfolgreiche Entwicklung des Schloßplatzes" verdichtet hatten, endete. Durch das Einnehmen eines neuen Standpunktes, der Menschen, Räume, Plätze, Nutzungen und Aufenthaltsqualitäten in den Mittelpunkt rückt, ließen sich emotionale oder ideologisch begründete Konflikte über Einzelgebäude und -fassaden allmählich überwinden. Damit wurde ein neuer, fruchtbarer Dialog über künftige Nutzungsangebote, Zielgruppen und die weitreichenden stadträumlichen Konsequenzen jeglicher Schloßplatzbebauung eröffnet. Mit Hilfe von Planentwürfen, Architekturzeichnungen und Cartoons wurden die gemeinsamen Ergebnisse exemplarisch in Städtebau und Architektur umgesetzt. Die zehn Prinzipien beschreiben in erster Linie einen realistischen Weg für eine schrittweise Umsetzung. Damit kann man den heutigen Qualitäten des Ortes gerecht werden und das Zentrum im Hinblick auf die Ausgestaltung einer neuen, gemeinsamen Hauptstadt sinnvoll ergänzen. In einem entscheidenden Aspekt bleibt dieses Konzept offen: Die Fragen nach einer angemessenen Architektur sowie nach dem (teilweisen) Bestand des Palastes der Republik und/oder des (teilweisen) Wiederaufbau des Stadtschlosses und/oder der (Teil-)Bebauung mit zeitgenössischer Architektur werden nicht vorab entschieden, sondern "diskutierbarer" gemacht. Die Präsentation der Ergebnisse dieses Workshops und einer "Vision für das Schloßplatz-Areal" stieß auf breite Zustimmung der teilnehmenden Öffentlichkeit. Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Perspektivenwerkstatt bildeten trotz ihrer unterschiedlichen Geschichts- und Architekturauffassungen ein neues Bündnis, um die Resultate der Werkstatt weiterzuführen. Insbesondere sollen Planungsprozesse gefördert werden, die eine verstärkte Mitsprache öffentlicher Einrichtungen, von Interessenverbänden und eine breite Bürgerbeteiligung ermöglichen. An dem Bündnis "Perspektive Schloßplatz" beteiligten sich unter vielen anderen auch das Bezirksamt Berlin-Mitte, die Humboldt-Universität zu Berlin und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Eine Folgeveranstaltung findet am 20. November 1997 in der Humboldt-Universität zu Berlin statt. Hier werden die Ergebnisse des Verfahrens sowie der Werkstattbericht vorgestellt. |
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Weitere Informationen: Andreas von Zadow Telefon: 030/326 50 12 |
Bundespräsident Roman Herzog würdigte in Anwesenheit von Bundesbauminister Klaus Töpfer und Bausenator Jürgen Klemann die Ergebnisse der Veranstaltung: "Gut, wenn qualifizierte Leute von außen kommen, um die hiesige Diskussion zu befruchten. Mir gefällt, daß nicht zuerst über Gebäude, sondern die Gestaltung städtischer Räume nachgedacht wird." Auch die Perspektivenwerkstatt zog somit keinen Schlußstrich unter eine Debatte, sondern ebnete vielmehr neue Wege für ein breit angelegtes Bündnis und dauerhaftere Lösungen. |
