Difu-Berichte 2/2008 - Personalbemessung und Qualitätsstandards - ein Schlüssel zur Qualitätssicherung im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD)
Personalbemessung und Qualitätsstandards
Ein Schlüssel zur Qualitätssicherung im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD)
„Konzepte der Personalbemessung + Qualitätsstandards des ASD“ lautete der Titel einer bundesweiten Fachtagung des Vereins für Kommunalwissenschaften e.V., zu der am 3. und 4. April 2008 zahlreiche Jugendamtsleiter und Leiter eines ASD zum Erfahrungsaustausch nach Berlin kamen.
Was war der Anlass für diese Tagung?
Seit den jüngst bekannt gewordenen Fällen von Kindesmisshandlung, -tötung oder –verwahrlosung steht die „Kinderschutz-Praxis“ der Jugendämter erneut in der öffentlichen Diskussion. Es wird die Frage gestellt, warum diese Fälle im Vorfeld nicht besser erkannt und vor allem verhindert worden sind. Zugleich steigen die Fallzahlen und Inobhutnahmen nach aktuellen Kinderschutzfällen, was eine stärkere Arbeitsbelastung des ASD im Jugendamt bei oftmals weniger Ressourcen bedeutet. Auf der einen Seite „kursiert“ in der Öffentlichkeit die Zahl von 150 Fällen pro Sozialarbeiter im ASD. Auf der anderen Seite wird gefragt, welche qualitativen Konzepte und Instrumentarien für die „vorhandenen Sozialarbeiter/innen“ im ASD verfügbar sind, ob es im Sinne einer (immer wieder neu angepassten) Fachlichkeit (unter veränderten Rahmenbedingungen) eine nachhaltige Qualifizierung der Mitarbeiter im ASD gibt und der ASD hier unter Entwicklungsdruck steht. Anliegen dieser Tagung war es deshalb, anhand verschiedener Beispiele aus der kommunalen Praxis zu diskutieren, wie einzelne Städte und Landkreise mit dieser Thematik umgehen und welche Lösungsansätze, Konzepte und Veränderungsperspektiven hierzu entwickelt worden sind. Dies betraf sowohl die Möglichkeiten von Personalbemessung im ASD anhand konkreter Berechnungsmodelle, mit deren Hilfe der Personalbedarf für ein Jugendamt ermittelt werden kann, als auch qualitative Aspekte.
Folgende Aspekte standen im Mittelpunkt der Diskussion:
- Wie viele Personalstellen braucht ein ASD zur Bewältigung seiner Aufgaben?
- Nach welchen Kriterien können und sollen Personalkapazitäten im ASD verteilt werden? Und gibt es hierfür überhaupt eine objektivierbare Basis?
- Wie kann der ASD effizienter organisiert werden? Braucht „man“ verbindliche Prozessabläufe (z.B. Eingangsmanagement, Fallmanagement), die jeder Sozialarbeiter im ASD über dem Schreibtisch hängen hat? Wie läuft die „Fallsteuerung“ überhaupt?
- Wie sieht es im ASD-Bereich mit der Professionalisierung der Mitarbeiter und dem „Handwerkszeug“ aus?
Personal als Qualitätsmerkmal (für Kinderschutz)
Die Tagung wurde von Ministerialrat Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Wiesner, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin eröffnet. Er verwies darauf, dass die Kinder- und Jugendhilfe schon immer eine sehr personalintensive Aufgabe gewesen sei und diese Diskussion nun schon über 35 Jahre andauere. Tatsächlich sei es aber so, dass die Städte und Landkreise selbstständig darüber bestimmen, wie viele Stellen „ihr“ ASD hat. Die dramatischen Kinderschutzfälle in jüngster Zeit hätten die politische Aufmerksamkeit auf die Arbeit des ASD gelenkt und es gäbe auch verstärkt Medienanfragen zur Personalausstattung des ASD; man wolle wissen, für wie viele Fälle ein Sozialarbeiter zuständig sein solle und in der Praxis dann ist. Hierfür gäbe es aber keine einheitlichen gesetzlichen Vorgaben. Deshalb sei nun ein strategisch günstiger Zeitpunkt, dieses Thema offensiv anzugehen. Auch Untersuchungsberichte hierzu verwiesen immer wieder auf einen neuralgischen Punkt: die mangelnde Personalausstattung vieler ASDs. Ganz wichtig sei aber, keinen bloßen Kennzahlen-Vergleich verschiedener Kommunen vorzunehmen, sondern auch die fachlichen Konzepte in den Blick zu nehmen.
Der Fall 700+1
Dr. Siegfried Haller, Leiter des Jugendamtes der Stadt Leipzig, moderierte die Veranstaltung und bestätigte aus seiner eigenen Praxis, dass das Thema Kinderschutz mitten im Zentrum der politischen Diskussion stehe und dies einen erheblichen Sensibilisierungsprozess in der Fachpraxis bewirkt habe. Er stellte die Frage, wie ein Amt klug damit umgehen könne, dass der Fall 700+1, in dem ein Kind zu Schaden komme, nicht die andere fachkompetente Arbeit ad absurdum führe. Anders formuliert: Welche Wirkungen kann man im eigenen Tun mit anderen Partnern und in der Öffentlichkeit erzielen? Wo liegen hier die Möglichkeiten und die Grenzen?
Die Feuerwehr ist nicht schuld am Brand, die Polizei ist nicht am Verbrechen und das Jugendamt nicht daran schuld, dass Eltern ihre Kinder vernachlässigen, – aber es werde oft dafür verantwortlich gemacht. Deshalb komme Instrumenten zur Personalbemessung – auch mit Blick auf den großen öffentlichen Druck – sowohl für den internen Organisationsprozess als auch für Verhandlungen mit politischen Entscheidungsträgern, eine neue Bedeutung zu.
Einen wichtigen Raum nahmen während der Tagung die Praxisberichte aus verschiedenen Städten ein:
Bremen: Auf welche fachlichen Standards hat man sich verständigt?
Peter Marquard, Leiter des Amtes für Soziale Dienste Bremen, berichtete über den Diskussionsprozess zur Personalbemessung in seinem Amt in der Hansestadt Bremen.
Mannheim: Präventive Vermeidungsstrategien gegen Überlastung im ASD entwickeln
Günter Vogt, Leiter der Verwaltung im Jugendamt der Stadt Mannheim, stellte in diesem Kontext das aktuelle präventive Projekt seiner Kommune „Gefährdungsanalyse zur Einschätzung der Belastung der Mitarbeiter im ASD“ vor.
Dortmund: Projekt – Jugendhilfedienste 2010
Bodo Weirauch, Fachbereichsleiter Erzieherische Hilfen im Jugendamt Dortmund berichtete über deutliche Hinweise der regionalen Jugendhilfedienstleitungen auf seine nicht mehr zu verantwortende ungenügende Personalausstattung der Bezirkssozialarbeit sowie „flächendeckende“ Überlastungsanzeigen der Bezirkssozialarbeiter.
Hamburg: Wie Sie den ASD modernisieren können: Eingangs- und Fallmanagement als Organisationsprinzip
Dr. Herbert Wiedermann, Leiter des Landesjugendamtes Hamburg, führte aus, dass der ASD in der Öffentlichkeit kein Gesicht habe und immer nur diejenigen öffentlich sprechen, die eigentlich keine originäre Zuständigkeit hätten. Dies müsse sich ändern. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass vielerorts die Belastungssituation im ASD bereits so hoch sei, dass tatsächliche Entlastungen als solche gar nicht mehr wahrgenommen werden. Dies müsse sich unbedingt ändern, denn die Mitarbeiter dürfen die Hoffnung nicht verlieren, dass sich an ihrer Belastungssituation sowieso nichts ändere.
Der ASD und das Dilemma der All- und Letztzuständigkeit
Johannes Schnurr, Freier Mitarbeiter am Institut für Soziale Arbeit e.V. in Münster, referierte über Qualitätssicherung und Personalbedarfsplanung im ASD und stellte ein Modell zur Personalbedarfsbemessung vor. Er nannte neben den vom ASD generell zu leistenden Aufgaben die Qualitätsanforderungen, die im Zusammenhang mit § 8a SGB VIII stehen und wies gleichzeitig darauf hin, dass Qualitätsmaßstäbe für den ASD fehlen. Wichtiges Erfordernis für eine professionelle Aufgabenwahrnehmung sei ein gutes Aufgabenmanagement auf der Mitarbeiterebene. Dafür seien statistische und organisatorische Instrumente unverzichtbar.
„Die Arbeitsprozesse und nicht die Fallzahlen bestimmen den Bedarf!“
Marco Szlapka, Geschäftsführer und Projektleiter am Institut für Sozialplanung und Organisationsentwicklung (INSO) e.V. in Essen/ Bernried, stellte unter dem Titel: „Qualitative und quantitative Leistungsziele“ ein Modell zur Berechnung des Personalbedarfs in den Sozialen Diensten der Stadt Bremen vor.
Wir müssen uns immer wieder neu die Karten legen …
In der Abschlussdiskussion der Tagung wurde deutlich, dass viele Jugendamtsleiter Überlastungsanzeigen von Mitarbeitern ihres ASD haben und Lösungen finden müssen, damit umzugehen und dass sie die vorgestellten Modelle auf der Tagung als sehr hilfreich dafür empfunden haben. Gleichzeitig forderten sie eine stärkere fachpolitische Debatte zur Jugendhilfe. Der Zeitpunkt für Veränderungen sei günstig, Jugendhilfe sei noch nie „so attraktiv“ (medial präsent) gewesen wie heute. Dieser begonnene Diskurs solle unbedingt weitergeführt werden.
Ein umfangreicher Bericht über die Tagung kann im Internet nachgelesen werden:
www.vfk.de/agfj/veranstaltungen/tagungsbericht.phtml?termine_id=1567. Die Beiträge der Tagung werden dokumentiert und in der Schriftenreihe des VfK veröffentlicht:
www.vfk.de/agfj/veranstaltungen/bestellungen.phtml.
Weitere Informationen:
Dipl.-Soz. Kerstin Landua
Telefon: 030/39001-135
E-Mail:
landua@vfk.de
