Difu-Berichte 2/2007 - Standpunkt: Städte der Zukunft brauchen Wissen
Die Veränderungen des Sozial- und Wirtschaftssystems unserer Gesellschaft sind besonders durch den Übergang in die Wissensgesellschaft geprägt. Dies betrifft vor allem die Städte, denn sie bilden mit rund 72 Prozent des Bevölkerungsanteils den Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Städte, Gemeinden und auch Stadtregionen müssen permanent hohe Anpassungsleistungen an die aktuellen Erfordernisse erbringen und dabei zugleich zukunftsfähig ausgerichtet sein. Ohne fundiertes Wissen über die unterschiedlichen Gegebenheiten der Städte ist es daher kaum möglich, zielgerichtete und erfolgreiche Anpassungsprozesse in Gang zu setzen. So ist abgesichertes Wissen beispielsweise über Einflussgrößen und Wirkungszusammenhänge, Handlungsmöglichkeiten und deren Wirkungen, Beteiligungen und Aktivierungsvorgänge sowie deren Voraussetzungen unverzichtbar.
„Wissen“ – Driving force der Stadtentwicklung
Durch die veränderten Rahmenbedingungen hat die Bedeutung von „Wissen“ stark zugenommen. Städte müssen heute eine Vielzahl von Einflussfaktoren in ihre Planung einbeziehen: die Globalisierung der Märkte, der Einflussbereiche, der Ideen und Kontaktkreise, die Liberalisierung, die demographischen Entwicklungen, die Erweiterung der EU. Daneben sind aber auch Anforderungen zu berücksichtigen wie die Sicherung des sozialen Ausgleichs, der sozialen und ethnischen Integration, die Förderung von Klimaschutz und der sparsame und effiziente Umgang mit den Ressourcen. Die veränderten Rahmenbedingungen wirken – im Verantwortungs- und Leistungsbereich der Städte – gleichermaßen auf das Verhältnis und die Wechselwirkungen von Privatisierung und Wettbewerb einerseits sowie Daseinsvorsorge durch Transferleistungen und Gegenseitigkeit andererseits.
„Wissen“ ist zwar nicht die unabdingbare Voraussetzung für einen demokratisch legitimierten – „öffentlichen“ – Gestaltungswillen, jedoch die Grundlage für Zielgenauigkeit, Wirksamkeit, Effizienz in sozialer, ökonomischer und ökologischer Hinsicht. „Wissen“ ist damit wesentlich für die Sicherung von Selbstverwaltung und Selbstständigkeit der Städte, die aktive Ausgestaltung von Leistungsbereichen und die erfolgreiche Ausfüllung des Subsidiaritätsprinzips. Dabei wird – nach mehrheitlicher Auffassung – die kommunale Ebene für die Demokratie, die Lebensqualität der Menschen und den Zusammenhalt der Gesellschaft zunehmend wichtiger. Von der „Renaissance des Kommunalen“ ist die Rede – nahezu parallel zum erhofften Trend der „Renaissance der Städte“. Dieser zeigt sich an den veränderten Standortpräferenzen der Bürger, die es – je nach Alter, Familienstruktur, ökonomischen Bedingungen und Lebensvorstellungen – wieder verstärkt in die Städte zieht. Und diese Hoffnung besteht auch hinsichtlich der Standortpräferenzen von Unternehmen und Einrichtungen.
Aus ökonomischer Sicht werden unter anderem „Wissens-Cluster“ als zentrale Bedingungen für die lokale und/oder regionale Wirtschaftsentwicklung genannt und zur Grundlage politischer Handlungsstrategien wie Förderung von Exzellenz-Hochschulen und deren Spin-Offs, wie Wirtschaftsförderung, Ansiedlungspolitik oder Netzwerkbildung gemacht.
„Wissen“ auf dem neusten Stand ist nicht nur für Wissenschaft, (Aus-)Bildung und Wirtschaft unabdingbar, sondern auch und gerade für die zukunftsfähige Planung in Politik und Gesellschaft. Denn modernes Stadtmanagement erfordert fundierte Kenntnisse in vielen Bereichen: Neue Formen der ÖV-Finanzierung, innovative Möglichkeiten der Verkehrsinfrastrukturfinanzierung, demographisch bedingter Anpassungsbedarf kommunaler Leistungsbereiche (z.B. Wohnungen, soziale Infrastruktur, Netze von Verkehrs- und Entsorgungs- sowie Verkehrsinfrastruktur) oder auch der Handlungsbedarf in Folge einer Unternehmenssteuerreform sind Beispiele hierfür.
Schließlich ist „Wissen“ – in einer auf Ausgleich, Solidarität und Integration ausgerichteten sozialen Entwicklungsvorstellung – auch Basis für Lebenschancen, für Optionen zur Wahl von Beruf und Lebensweisen, aber auch zur Befähigung zum zivilgesellschaftlichen und politischen Engagement. „Wissen“ bildet damit die Voraussetzung einer unverzichtbaren Förderung und Ausschöpfung von Humanressourcen, die für Wirtschaft („Arbeitskräfte“) und Zivilgesellschaft unerlässlich sind. Auf diese Potenziale greifen Handlungsprogramme von Bund, Ländern und Gemeinden zurück, wie bespielsweise das Programm „Soziale Stadt“ oder die Ausrichtung der „Nationalen Stadtentwicklungspolitik“.
Auch Verbesserungen der Umweltbedingungen und die Sicherung ökologischer Gegebenheiten finden ihre zentrale Voraussetzung in „Wissen“ – über Zustände, Zustandsveränderungen und deren Ursachen, Wirkungszusammenhänge, Handlungsmöglichkeiten und deren Auswirkungen im Umweltbereich.
Kultur und politische sowie gesellschaftliche Systeme beruhen in ihrer Weiterentwicklung einerseits auf Sprache als Mittel der kognitiven Verarbeitung, der Vermittlung und des Austauschs, andererseits aber auf „Wissen“ als Voraussetzung für Erkenntnis, Verstehen, Abwägung und Entscheidung, aber auch für Kreativität.
Politik, Verwaltung und Wirtschaft benötigen daher „Wissen“ als fundierte Entscheidungsgrundlagen. Zur Wissensgenerierung dienen beispielsweise in politischen Verantwortungsbereichen Monitoring, Erarbeitung von Indikatoren und Benchmarks sowie Evaluationen von Maßnahmen und Handlungsprogrammen.
Bedeutung kommunalwissenschaftlicher Forschung
Aufgrund der komplexen Anforderungen benötigen Städte, Gemeinden, Stadtregionen und deren Spitzenverbände nicht nur Ergebnisse kommunalwissenschaftlicher Grundlagenforschung. Vor allem der praxisorientierten Forschung kommt eine besondere Bedeutung zu. Zudem muss das gewonnene Wissen verständlich aufbereitet und den Städten in anwendungsfreundlicher Form zur Verfügung gestellt werden. Die kommunalwissenschaftliche Forschung muss also Praxiswissen zur „integralen“ Gestaltung technischer, rechtlicher, finanzieller, prozessualer, organisatorischer und sonstiger Bedingungen bereitstellen.
Aufgaben einer praxisorientierten Kommunalwissenschaft sind daher neben Beschreibungen, Analysen und Bewertungen von Zuständen vor allem die Entwicklung von Handlungsvorschlägen, Testanwendungen für die Praxis sowie die Verdichtung zu praxisgeeigneten Hinweisen und Empfehlungen. Vermittlungsformen hierfür sind die persönliche Beratung, Publikationen, Informationsangebote im Inter- und Extranet und nicht zuletzt zielgruppenadäquate Fortbildungsangebote.
Zukunftsorientierte Ausrichtung des Difu An dieser Schnittstelle leistet das Difu seit mehr als 30 Jahren als kommunalwissenschaftliche Forschungseinrichtung der Städte wertvolle Arbeit und stellt sich aktuellen und künftigen Herausforderungen. Diese Unterstützung ist heute wichtiger denn je, da viele Städte die eigene Stadtforschung häufig aus finanziellen Gründen aufgeben mussten. Diesen Verlust kann das Difu teilweise kompensieren – mit dem zusätzlichen Vorteil, dass das Institut durch die Möglichkeit der „Quer- und Draufsicht“ auf eine Vielzahl von Städten zusätzlich Chancen zur Verallgemeinerung, zu breit abgesicherten Empfehlungen sowie zu stadttyp-spezifischen Aussagen ermöglicht.
Das Difu leistet daher im Interesse der Städte, Gemeinden und kommunalen Spitzenverbände praxisbezogene Forschung, Anwendungsberatung und Fortbildung; es erarbeitet Veröffentlichungen und betreibt Informationsnetzwerke. Durch die Kooperation mit anderen Akteuren des föderalen und gesellschaftlichen Systems wie Bund, Ländern, weiteren Aufgabenträgern, Wirtschaft und Nichtregierungs-Organisationen können zudem Synergieeffekte ausgeschöpft werden. Das Institut sorgt durch einen kontinuierlichen inhaltlichen und organisatorischen Anpassungsprozess dafür, dass die verfügbaren Ressourcen in prioritären Arbeitsfeldern eingesetzt werden. Zentrale Voraussetzung für die Erfüllung der Funktion einer Wissenschaftseinrichtung, die als praktischer Beraterstab, als Moderator, aber vor allem auch als Vermittler und Fortbildungseinrichtung zur Verfügung stehen soll, ist jedoch auch ihre personelle und finanzielle Grundsicherung. Andernfalls sind weder die unerlässliche interdisziplinäre Zusammensetzung und die notwendige Methodenkompetenz zu gewährleisten, noch kann die wichtige Vermittlungsfunktion in die Praxis durch Fortbildung sowie Informationsaufbereitung abgedeckt werden.
Difu-Forschungsthemen sind keine „Elfenbeinturm-Themen“: Soziale Stadt, Stadtumbau Ost, Quartiermanagement, Novellierung des Baugesetzbuches, Gesundheit und Stadtentwicklung, Unternehmens- und Grundsteuerreform, Erneuerungsbedarf kommunaler Infrastrukturen, Public Private Partnership, IuK und Stadtentwicklung, Nahverkehrsplanung, Ausgestaltung von Umweltzonen, Effekte der Globalisierung auf Städte und deren Handlungsfähigkeiten, Förderung des Radverkehrs, demographische Veränderungen und ihre Konsequenzen, soziale Sicherheit in Städten, Jugendhilfe. Difu-Arbeit zeichnet sich durch einen hohen Grad an Inter- und Transdisziplinarität, Handlungs- und Umsetzungsbezug, Umsetzungserfahrungen sowie Erfahrungen in der Vermittlung an die Praxis aus. Hier unterscheidet sich das Institut deutlich von der Hochschulforschung, der Forschung in Großforschungseinrichtungen oder anderen raumwissenschaftlichen Einrichtungen.
Unter dem Leitbegriff „Zukunft der Städte und Stadtregionen“ arbeitet das Institut künftig mit folgenden Themenakzentuierungen:
- Globaler und europäischer Handlungsrahmen der Städte
- Position der Städte in Europa und im deutschen Verfassungssystem
- Handlungsfähigkeit der Städte
- Renaissance der Städte im politischen System
- Renaissance der Städte als Wohn- und Wirtschaftsstandorte
Die zu bearbeitenden Themen werden künftig in vier zentrale Themenfelder gruppiert, wobei Teilthemen aufgrund ihrer vielfältigen Verflechtungen auch übergreifend mit Schwerpunktzuordungen bearbeitet werden (Beispiele hierfür sind Public Private Partnership, Lärmschutz, Klima, funktionsfähige Zentren, alte Menschen):
- Wirtschaft, Finanzen/Steuern, Infrastruktur
- soziale Stadtentwicklung, Demographie, Integration
- Stadtstrukturen, baulich-räumliche Stadtentwicklung, Mobilität
- Umweltqualitäten, integrierter Umweltschutz
Das Difu stellt sich weiterhin der Herausforderung, „große“ und „kleine“ Trends und deren Wirkungen auf die Städte, deren Chancen und Risiken sowie deren Gestaltungsspielräume aufzuzeigen. Dies gilt für Themen wie Globalisierung, Einflüsse der EU, Demographie, Zukunft der Arbeit, Leistungsfähigkeit der Zivilgesellschaft, Ausgestaltung der Daseinsvorsorge, Klimawandel und dessen Auswirkungen auf Stadtentwicklung, Gesundheit, Infrastrukturen oder Kooperationen in Stadtregionen. Das Institut wird auch künftig – in enger Kooperation mit den Gemeinden – Bundesprogramme und -projekte begleiten und unterstützen, wie dies im Rahmen von Assistenzforschung oder Planspielen umgesetzt wurde und gerade umgesetzt wird – Beispiele hierfür sind „Stadt 2030“, „REFINA“, „Soziale Stadt“, „Novelle des Baugesetzbuches“, „EU-Rahmenpapier zur Leipzig-Charta“.
Im Rahmen der Aufgaben des Wissensmanagements durch Wissensgenerierung, -aufbereitung und -vermittlung will das Difu auch in Zukunft das Vertrauen der Partner aus Städten, kommunalen Spitzenverbänden, Bund, Ländern, Stiftungen, sonstigen Aufgabenträgern wie auch der Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Gruppen durch Kompetenz, Leistungsfähigkeit, Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, Kooperation und Vermittlerfunktion erhalten und ausbauen. Dazu sind wissenschaftliche und anwendungspraktische Grundausrichtung, fachliche und methodische Kompetenz, Fähigkeiten zu Transfers in die Praxis, Kommunikations- und Vermittlungsfähigkeit auch künftig unabdingbare Voraussetzungen, die über ein internes Qualitäts-Controlling gesichert werden.
Angesichts der veränderten Rahmenbedingungen sowie der gestiegenen Anforderungen an kommunales Handeln kann wohl kaum ein Zitat treffender sein, als folgendes aus der Difu-Leserumfrage zum Berichte-Heft: „Gäbe es das Difu nicht, müsste man es erfinden!“
Tipps zum Weiterlesen
- Ivo Gönner und Alfred Katz, Die Renaissance der kommunalen Selbstverwaltung in: der städtetag, 2/2007, S. 20-25.
- Hasso Brühl u.a., Wohnen in der Innenstadt – eine Renaissance?, Difu-Beiträge zur Stadtforschung, Bd. 41, 2005.
- Bettina Anne Sollberger, Wissenskultur, Erfolgsfaktor für ein ganzheitliches Wissensmanagement, Haupt-Verlag, Bern, 2007.
Prof. Dr.-Ing. Klaus J. Beckmann
Telefon: 030/39001-214
E-Mail: kj.beckmann@difu.de
