Difu-Berichte 2/2007 - Kunststück Erziehung: Familienbildung als Angebot der Kinder- und Jugendhilfe
Kunststück Erziehung
Familienbildung als Angebot der Kinder- und Jugendhilfe (§ 16 SGB VIII) – Ein Tagungsbericht
Zeitgleich mit der ARD-Themenwoche „Kinder sind Zukunft“ fand am 19. und 20. April 2007 die Fachtagung „Kunststück Erziehung“ mit mehr als 110 Fachkräften aus der öffentlichen und freien Jugendhilfe in Berlin statt. Im Mittelpunkt der beiden Tage standen folgende Fragen:
- Was ist das überhaupt: „Familienbildung“?
- Welche Kompetenzen benötigen Eltern, um ihre Kinder gut für das Morgen zu rüsten?
- Wie werden Jugendliche auf eine zukünftige Elternschaft und Familie vorbereitet? Welche Rolle spielt dabei die Jugendhilfe, hat sie hierfür gezielte Angebote?
- Welche Kompetenzen benötigen die so genannten „Helfer“, um Eltern hilfreich zur Seite zu stehen?
- Wie sieht es mit der Zugänglichkeit, Akzeptanz und sozialräumlicher Nähe von Angeboten der Familienbildung aus?
- Welche Formen der Familienbildung sind für welche Zielgruppe geeignet?
- Welchen Bedarf haben Eltern, und ist dieser Bedarf überhaupt bekannt?
Ministerialrat Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Wiesner, Referatsleiter Kinder- und Jugendhilfe, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin, verwies in seiner Eröffnungsrede darauf, dass auch der Gesetzgeber des Kinder- und Jugendhilferechts erkannt habe, dass Familienbildung ein zentraler Baustein einer familienunterstützenden Jugendhilfe sei. Dennoch führe der § 16 SGB VIII bis heute ein Schattendasein. Von den Gesamtausgaben der Kinderund Jugendhilfe würden nur etwa 0,4 Prozent für diesen Leistungsbereich verwendet. Bevor also über Elternführerscheine und Elternpflichtkurse nachgedacht werde, sollte erst einmal das Angebot in diesem Bereich nachhaltig verbessert werden. Dazu gehöre vor allem eine attraktive Vermittlung, damit vorhandene Hemmschwellen überwunden werden könnten. Da sich die Haushaltssituation in den öffentlichen Kassen gebessert habe, bestehe diesbezüglich vielleicht ein gewisser Grund zu verhaltenem Optimismus.
Prof. Dr. Jürgen Körner, Psychoanalytiker, Professor für Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, referierte aus einem sehr interessanten Blickwinkel darüber, wie elterliche Erziehungskompetenzen durch Elternbildungsangebote unterstützt werden könnten. Er setzte sich in seinem Vortrag mit grundlegenden Fragen der Erziehung auseinander und begrüßte es sehr, dass die Bedeutung der Erziehung in den ersten Lebensjahren zunehmend in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt sei. Professor Körner betonte dabei, dass sich Unterstützungsangebote vor allem auf die Eltern konzentrieren sollten, da Kinder immer Lernende seien, wenn ihr Umfeld ihnen die Möglichkeiten dazu biete. Und dieses Umfeld zu schaffen, sei natürlich insbesondere die Aufgabe der Eltern, die es dabei zu unterstützen gelte.

V.l.n.r.: Johannes Hampel, Konferenz-Dolmetscher, Berlin; Ministerialrat Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Wiesner, Leiter des Referates Kinder und Jugendhilfe, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin; Prof. Dr. Jürgen Körner, Psychoanalytiker, Professor für Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin, Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft
Im weiteren Verlauf seines Vortrags befasste sich Professor Körner u. a. mit den Fragen: Wie kann Zwang in der Erziehung zu Freiheit und nicht zu Anpassung führen? Wie kann ein Kind „unabhängig“ werden? Wie kann man jemanden zur „Mitarbeit“ zwingen, der eigentlich nicht will?
Dazu stellte der Referent interessante Thesen in den Raum:
- Anstelle von Erziehung sei die Diskussion zwischen Kind und Eltern getreten.
- Das Kind habe ein Recht auf den „Machtanspruch“ der Eltern (damit es in seiner „Rolle“ als Kind bleiben könne).
- Die Hoffnung auf die Selbstregulierung als Erziehungsprinzip sei gescheitert.
- Wertvorstellungen könne man nicht „predigen“, sondern nur vorleben. Moralisches Urteil werde nicht durch Begründung, sondern durch die Identifikation mit Vorbildern gelernt.
- Das Kind entwickle sich (in einem sicheren Umfeld) vor allem am „Nein“, an der Versagung, wenn es an Grenzen oder Hindernisse stoße. Ebenso müsse die Chance zum Scheitern gegeben werden, da das Kind so lerne, für sich Verantwortung zu übernehmen.
Körner betonte, dass er sich der Zwiespältigkeit gegenüber „Autorität und Macht“ – diese auszuüben, zu akzeptieren und zu lernen, damit umzugehen – bewusst sei. Insbesondere Letzteres gelte nicht „nur“ für Eltern, sondern natürlich auch für die Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe. Er sei sich sicher, dass viele konzeptionell gute Präventions- oder Interventionsprogramme nur deshalb nicht funktionierten, weil die „Macher“ selbst nicht an deren Erfolg glauben würden und dadurch nicht authentisch (genug) seien. In diesem Sinne sei sein Beitrag als Ermutigung an die Fachkräfte in der Kinderund Jugendhilfe zu verstehen, die Aufgaben und Ziele ihrer Arbeit mit unbefangener Autorität und Macht wahrzunehmen.
Dieses Fachreferat flankierte dann die weitere Diskussion in verschiedenen Foren an beiden Arbeitstagen, in deren Mittelpunkt die Vorstellung und Diskussion von unterschiedlichen Praxismodellen und -projekten zu folgenden Themen stand:
- Elternschule/Elternkurs/Elternseminar in Hamm, Remscheid und Stuttgart,
- Familienbildung in strukturschwachen, ländlichen Regionen,
- Interkulturelle Elternarbeit in Berlin, Essen und München,
- Netzwerke zur Familienbildung in Halle und Bremen,
- Familienzentren/Early-Excellence-Center,
- Ressourcenorientierte Selbsthilfe/Trennungs- und Scheidungskinder.
Angelika Diller, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut München e.V., wies in ihrem übergreifenden Vortrag über die Entwicklung von Familienzentren in Deutschland darauf hin, dass Diskussionen über Familien unterstützende Leistungen von Fachkräften oft aus dem Blick der „Leistungsempfänger“ thematisiert würden. Nicht vergessen werden dürfe aber in diesem Kontext, dass Eltern in allererster Linie „Leistungserbringer“ sind. Es sei für viele Kommunen nicht immer einfach, eine familienfreundliche Infrastruktur vor Ort zu schaffen. Viele Regionen ständen hier vor großen Herausforderungen, das habe auch der Recherchebericht des DJI ergeben. Manchmal seien auch einfach nicht genügend Kooperationspartner oder nicht genügend (Zeit)Ressourcen für eine notwendige Vernetzung vorhanden. Und das – polemisch gesprochen – in einer Zeit, in der sich die ganze Welt vernetzen und miteinander kooperieren solle. Problematisch werde es besonders dann, wenn Vernetzung zum Ziel würde, „Kooperation“ könne dann eine Chiffre für sehr unterschiedliche Aktivitäten sein. Ziel müsse immer die Angebotsverbesserung für Familien sein.
Zum Ausklang der Tagung wurde ein Worldcafe eröffnet, um noch einmal gezielt Zeit für informellen Austausch und Vernetzung zu schaffen. Und dort sagte ein Teilnehmer, er nehme aus der Tagung die Ermutigung mit, dass politische Entscheidungen, mehr für eine Stadt mit Familien zu tun, möglich seien, so wie in Hamm, Halle und Stuttgart. Das wäre der beste Nachklang dieser Tagung.
Weitere Informationen:
Kerstin Landua
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