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Difu-Berichte 2/2007 - Abschluss des Forschungsverbundes "Stadt 2030"

Abschluss des Forschungsverbundes „Stadt 2030“

Im Forschungsverbund „Stadt 2030“ sollten Stadtforschung und Stadtpolitik über unmittelbare Tagesprobleme hinaus zur Entwicklung langfristiger Perspektiven angeregt werden. Die Projektergebnisse wurden in der fünfteiligen Publikationsreihe „Zukunft von Stadt und Region – Beiträge zum Forschungsverbund Stadt 2030“ vom Difu herausgegeben und im VS Verlag für Sozialwissenschaften publiziert. Damit ist dieses anspruchsvolle Forschungsunternehmen mit seinen 21 Projekten, 33 Städten und über 50 wissenschaftlichen Einrichtungen abgeschlossen.

2005 wurden bereits die ersten Forschungsergebnisse in den Themenbänden „Integration und Ausgrenzung in der Stadtgesellschaft“ (Band I) und „Perspektiven der Regionalisierung“ (Band II) veröffentlicht. 2006 erschienen weitere Ergebnisse in den Bänden III und IV (Themen: „Dimensionen städtischer Identität“ und „Chancen lokaler Demokratie“), zum Jahresbeginn 2007 schließlich auch im fünften und letzten Band.

Während die ersten vier Bände Einzelaspekte behandeln, wie etwa Integration, Regionalisierung, lokale Identität und lokale Demokratie, gibt der fünfte Band die Gesamtinterpretation durch die Begleitforschung wider. Sie kann jedoch angesichts des Umfangs und der Vielschichtigkeit von „Stadt 2030“ nur eine Annäherung sein, so ist unvermeidlich, dass zahlreiche Details und Einzelfragen nicht vertieft werden konnten. Dennoch sind einige große Linien und Problemstellungen gegenwärtiger und künftiger Stadtentwicklung bei allen Projekten des Forschungsverbunds sichtbar.

Bevölkerungsrückgang, Ressourcenverknappung, Übergang zur Dienstleistungs- und Kreativökonomie, Internationalisierung der Ökonomie sind „Megatrends der Stadtentwicklung“. Sie gefährden die Integrationsleistung der Stadt und damit den „sozialstaatlichen Konsens“ auf kommunaler Ebene. Die Projekte von „Stadt 2030“ verstehen sich alle als Reaktionen auf diese Gefährdung.

Auf dreifache Weise kann nun reagiert werden: Entweder durch Reformversuche, die diesen „sozialstaatlichen Konsens“ zu wahren versuchen, dabei sollen Gleichheit als wichtigstes politisches Ziel und die Selbstständigkeit der politischen Institutionen erhalten bleiben. Auf der anderen Seite stehen revisionistische Konzepte, die den „sozialstaatlichen Konsens“ mehr oder wenig deutlich aufgeben. Als dritte Möglichkeit können „Alternativlösungen“ zum Zuge kommen, die neue Qualitäten der Stadt suchen, um sozial- oder wohlfahrtsstaatliche Normativität zu erreichen.

Reformorientiert arbeiten die meisten Projekte dieser Art. Sie stützten sich dabei auf eine oder mehrere Dimensionen, die die Stadt ausmachen, also entweder auf die Dimension „Stadt als Institution“, „Stadt als urbane Lebensweise“ oder „Stadt als Raumform“. Als Reformstrategien dominieren dabei Kooperationsformen im Sinne der „kooperativen Stadtentwicklung“ oder der „Demokratie als Kooperation“.

In der Dimension „Stadt als Institution“ stehen kommunale Kooperationen auf regionaler Ebene im Mittelpunkt (Projekte „Guben/Gubin“, „Görlitz/Zgorzelec“, „Karlsruhe“, „Schwalm-Eder West“ „Städteregion Ruhr“, „Wetzlar/Gießen“ u.a.). In diesen Kooperationen soll vor allem die Kommune als eigenständige Verwaltung auf regionaler Ebene gesichert werden, auch wenn die Vorstellungen über die Form dieser Kooperation teilweise weit auseinander gehen und sowohl reine Vertragskonstruktionen als auch die schrittweise Entwicklung regionaler Institutionen angedacht werden.

In der Dimension „urbane Lebensweise“ werden Reformansätze entwickelt, die darauf ausgerichtet sind, nachbarschaftliche Zusammenarbeit und Engagement zu stärken, sie fördern eine neue städtische Lebensweise, die sich von der traditionellen urbanen Lebensweise abgrenzt, die der Soziologe Georg Simmel als distanziert, individualisiert und intellektualisiert beschrieben hat.

Diese Strategien orientieren sich zunehmend an konkreten Zwecken oder Lebenslagen, etwa im Schulbereich (z.B. Projekt „Region Stuttgart“). Kooperationen innerhalb hergebrachter Raumeinheiten spielen hingegen eine weniger große Rolle als früher. Die Kooperationen können entweder auf die politische Willensbildung abzielen (Projekt „Esslingen“) oder als Nachbarschaftshilfe zu besseren Lebensbedingungen beitragen, vor allem dann, wenn kommunale Wohlfahrtsleistungen zur Disposition stehen (als Ansätze in den Projekten „Bremen“ und „Dietzenbach“).

Am ehesten von traditionellen Planungskonzepten getragen sind Reformversuche, die sich auf die „Stadt als Raumform“ beziehen. Als Zukunftsmodelle tauchen Re-Urbanisierungsmodelle und Zwischenstadtkonzepte auf. Re-Urbanisierungsmodelle kamen jedoch nur in einem Fall zum Einsatz (Projekt „Region Braunschweig“), weiter verbreitet waren Zwischenstadtkonzepte (z.B. Projekt „Wetzlar/Gießen“).

Von diesen kooperationszentrierten Reformmodellen deutlich zu unterscheiden sind „Revisionskonzepte“ der Zukunftsentwicklung. Diese Konzepte verstehen die Stadt vor allem als konkurrenzorientiertes Unternehmen. Am deutlichsten werden diese Bedingungen dann, wenn zur Sicherung von Unterscheidungsvorteilen kulturelle Identitätskonstruktionen eingesetzt werden, um sich im Ressourcenwettbewerb uneinholbar zu positionieren. Die Ressourcen, um die konkurriert wird – gut ausgebildete, jüngere, deutsche Einwohner –, werden jedoch aus überregionaler Perspektive gesehen nicht vermehrt, wie es für Marktmodelle angenommen wird, sondern nur anders verteilt (am klarsten etwa im Projekt „Erlangen“, ansatzweise auch im Projekt „Kiel“). Da sich solche kommunale Zukunftsstrategien von Politiknormen, wie der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen im Staatsterritorium distanzieren, erscheint ihre Bewertung als „Revision des wohlfahrtsstaatlichen Konsenses“ gerechtfertigt. Im Forschungsverbund „Stadt 2030“ verfolgt eine nennenswerte Minderheit von Projekten derartige Konzepte.

Nur in Einzelfällen sind in „Stadt 2030“ Lösungen zu erkennen, die über die Alternative „Reform oder Revision“ hinausgehen. In ihren Realisierungen tendieren sie darüber hinaus zur Gruppe der Reformkonzepte, am deutlichsten im Projekt „Bremen“, das Zeitgerechtigkeit als neues Bürgerrecht anstrebt. Das Bremer Projekt kommt aber über eine eher karitative Zeitkoordination im Sinne lokaler Kooperation kaum hinaus. Ähnliches zeigt sich im Projekt „Dietzenbach“, das neue Basispolitik auf kommunaler Ebene verfolgt, tendenziell aber am Widerstand von Kommunalpolitikern gegen eine weitgehende Machtverlagerung „nach unten“ scheitert.

In „Stadt 2030“ kommt der Kooperation als Zukunftsstrategie zentrale Bedeutung zu. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum auf traditionelle Großutopien, wie etwa die „Gartenstadt“, die „funktionalistische“ oder „Industriestadt“ verzichtet wurde. Auch technische Visionen wie die „autogerechte“ oder „umweltgerechte Stadt“, oder Raumutopien wie die „verdichtete Stadt“ wurden nicht berücksichtigt. Jede dieser traditionellen Utopien verlangt eine uneingeschränkte Planungsmacht und vor allem tendieren sie dazu, auch Werte und das Verhalten von Menschen als Planungsgegenstand zu begreifen: „Gartenstadt“ und „funktionalistische Stadt“ entwarfen nicht nur Gebäude und Stadträume, sondern immer auch „den neuen Menschen“, wie klassische Stadtutopien auch. Von dieser Hybris ist gegenwärtiges Zukunftsdenken – so darf man nach „Stadt 2030“ konstatieren – weitgehend frei. Kooperative Stadtentwicklung als Zukunftsstrategie rechnet mit begrenzter Macht, mit Heterogenität, Pluralität und einer Vielfalt der Akteure und muss daher auf Großlösungen „aus einem Guss“ verzichten. Entsprechend den Bedingungen des kulturellen Wandels verliert auch im Forschungsverbund „Stadt 2030“ instrumentelle Rationalität ihre Dominanz. Die instrumentelle Rationalität verliert ihre Lösungskompetenz, die sie in der „klassischen Moderne“ erringen und behaupten konnte, gegenüber einer Wertrationalität, die sich in Kooperations- und Diskursverfahren, in einem „kommunikativen Handeln“, nicht in visionären technischen oder Raumentwürfen entfaltet. Das ist letzten Endes die überzeugende und plausible Botschaft aus „Stadt 2030“.

Die Bände sind im VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, erschienen.
Bestellung: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Telefon: 0611/7878-0, Telefax: 0611/7878-400

www.vs-verlag.de/


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kategorie=Sonderveröffentlichungen

Tipps zum Weiterlesen:
  • Julian Nida-Rümelin, Demokratie als Kooperation, Frankfurt/M. 1999.
  • Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, in: Ders., Gesamtausgabe Bd. 7, Frankfurt/M.1995, S. 116-131.
  • Ralf Dahrendorf, Über den Bürgerstatus, in: Bert van den Brink u. Willem van Reijen (Hrsg.), Bürgergesellschaft, Recht und Demokratie, Frankfurt/M. 1995, S. 29-43.
  • Ronald Inglehart, Modernisierung und Postmodernisierung. Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften, Frankfurt/M., New York 1998.

Kontakt zum Autor dieses Beitrages:
Dr. Albrecht Göschel

albrecht.goeschel@web.de

Weitere Informationen:

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