Difu-Berichte 2/2006 - Stadtentwicklung und Städtebau im Bestand: Städte unter Veränderungsdruck

Die gebaute StadtDie gebaute Stadt ist in und mit ihren bisherigen Strukturen unter starken Veränderungsdruck geraten. Stärker als in der Vergangenheit wird deutlich, dass eine ganze Reihe städtebaulicher Handlungsbereiche gleichzeitig in Bewegung geraten ist. Nach der dynamischen Phase der Realisierung großer städtebaulicher Projekte mit neuen Stadtteilen, Vorstädten und neuen Siedlungen auf Brachflächen und "auf der grünen Wiese" seit den 1980er- und 90er-Jahren rückt die städtebauliche Entwicklung im Bestand wieder ins Zentrum von Stadtentwicklung und Städtebau. Vor dem Hintergrund gleichzeitiger und sich in ihren Dimensionen gravierend verändernder ökonomischer und demographischer Rahmenbedingungen einer "Stadtentwicklung ohne Wachstum" ergibt sich eine neue Dynamik für das Themenfeld "Innenentwicklung". Unterschiedlichste Facetten einer veränderten Stadtpolitik werden erkennbar, die zu integrierten Strategieansätzen zusammengefügt und für die geeignete Managementstrukturen eines "Stadtmanagements" entwickelt werden müssen.

Im Brennpunkt: Die gebaute Stadt - Stadtentwicklung und Städtebau im Bestand. Verantwortlich: Robert Sander

Cartoon

Quelle: Emmerdinger TORheiten, Verena und Klaus Nunn, 2004

Als Aufgabenfelder für die Innenstadtentwicklung sind vorrangig in den Blick zu nehmen: Herausbildung eines identitätsbildenden Zentrums, Bewahrung historischer Bauwerke, Stärkung der Innenstädte als Wohnstandort durch Modernisierung, Wohnumfeldverbesserung und Wohnungsneubau, aber auch der Umgang mit Leerständen. Von Bedeutung sind darüber hinaus die Stärkung des innerstädtischen Einzelhandels, der Ausbau neuer Funktionen für die Innenstädte im Zusammenhang mit Bildung, Freizeit und Kultur, der Erhalt/Umbau der Infrastruktur sowie eine stadtverträgliche Verkehrsentwicklung. Als zentrale Aufgaben stellen sich schließlich der Erhalt der Stadtgesellschaft in all ihren Ausprägungen und die Verhinderung der sozialen Segregation in den Stadtteilen.

Als Reaktion auf die beschriebenen dynamischen Veränderungen sind viele Städte dabei, sich durch eine Qualifizierung des städtebaulichen Bestands im sich verschärfenden Wettbewerb der Städte zu profilieren. Die Erwartungen sind dabei gleichermaßen hoch, mit der Bewältigung dieser Aufgaben Bevölkerung zu halten, neue Einwohner zu gewinnen sowie Infrastrukturen besser auszulasten. Es stellen sich damit nicht nur Fragen nach Überprüfung von Flächennutzungs- und Bebauungsplänen, sondern ebenso nach geeigneten Zentrenkonzep- *ten, Stadtgestaltung, städtebaulichen und finanziellen Instrumenten sowie nach einer integrativen Stadt-Gesellschaftspolitik. Städtische Bau-, Raum- und Sozialstrukturen einschließlich der technischen und sozialen Infrastrukturen müssen an die veränderten Rahmenbedingungen einer "Stadtentwicklung ohne Wachstum" angepasst werden. Auch wenn sich regionale Unterschiede in der Problemschärfe ergeben, sind alle Städte gleichermaßen in Umstrukturierungsprozesse involviert. Immer stärker tritt dabei das Wettbewerbsprinzip in den Vordergrund, das möglicherweise auch zu einem weiteren Auseinanderdriften von prosperierenden und stagnierenden Städten führt.

In einem problemorientierten Überblick werden in der aktuellen DfK-Ausgabe einige Themen- und Handlungsfelder aufgegriffen und ihre Interdependenzen sowie daraus abzuleitende Handlungserfordernisse herausgearbeitet:

  • Leitbilder und Leitziele,
  • Veränderungen des städtischen Nutzungsgefüges,
  • Anpassung bestehender Instrumente der Bauleitplanung,
  • Stadtgestaltung und öffentlicher Raum,
  • Stadterneuerungspolitik,
  • Integrierte städtebauliche Konzepte.

Aus diesem breiten Spektrum werden einzelne Facetten herausgegriffen und in Einzelbeiträgen vertiefend diskutiert:

  • Stadtumbau - Blick zurück nach vorn. Bedeutung von Leitbildern bei Neuerungen in der Stadtplanung (Johann Jessen);
  • Stadt, Bau, Planung und Kultur - Handlungsbedarf im Politikfeld Baukultur (Heidede Becker);
  • Innenstadt als städtebaulicher Kristallisationspunkt für Kontinuität und Wandel (Ulrich Hatzfeld);
  • Stadtentwicklungsmanagement als Instrument der Qualitätssicherung (Stephan Reiß-Schmidt).

Innenentwicklung und Bestandsqualifizierung als zukunftsichernde Strategie für die Städte erfordern Aktivitäten auf vielen Feldern der Stadtentwicklung und der Stadtpolitik. Als Perspektive und Chance wird dies in den meisten Städten erkannt und über vielfältige Projekte und Maßnahmen verfolgt. Dass rückläufige Einwohnerzahlen auch die Chancen für mehr städtische Qualität erhöhen können, wird jedoch noch nicht überall gesehen. Das Denken in Wachstumskategorien ist vor allem im politischen Bereich noch sehr stark ausgeprägt. Häufig fehlt es überdies an integrierten Strategien, die innovative Einzelansätze zu einem wirkungsvollen Gesamtimpuls bündeln.

Die erkennbaren komplexen Entwicklungstrends stellen Planungs- und Steuerungsprozesse vor neue Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund werden die zentralen Optionen künftiger Stadtentwicklung deutlich, die es weiterzuentwickeln und zu stärken gilt:

  • Erarbeitung Integrativer städtebaulicher Konzepte, aus denen räumliche und inhaltliche Schwerpunktsetzungen erkennbar sind, die die Grundlage für eine umsetzungsorientierte Innenstadtstrategie bilden können, für Politik, Verwaltung und Bürgerschaft nachvollziehbar sind und bei diesen eine hohe Akzeptanz erreichen;
  • Intensivierung von Beteiligungsverfahren und bürgerschaftlichem Engagement, das Identifikation und damit Qualität schafft. Dies erfordert auch veränderte Qualifikationen für politische Entscheidungsprozesse und einen Mentalitätswandel in Politik und Verwaltung in Richtung veränderter Politikansätze;
  • Einführung eines "Managements von Interdependenzen", mit dem die unterschiedlichen "offenen Enden" zusammengeführt, Synergien geschaffen und neue Aufgaben angegangen werden können. Dies wird zu einem zentralen Qualitätsnachweis städtischen Handelns und damit zu einem Standortvorteil.

Trotz des inzwischen inflationären Gebrauchs des Begriffs "Management" kann in einem pragmatisch ausgerichteten "Stadtmanagement", in dem und durch das die unterschiedlichen Strategieansätze und Interdependenzen der Bestandsentwicklung zusammengeführt werden, eine Schlüsselfunktion für zukunftsfähige Stadtentwicklung und für qualitätsvollen Städtebau gesehen werden. Lokale Politikansätze von Urban Governance mit der Fähigkeit zur Selbstorganisation und flexibleren Formen einer kooperativen Politik, bei der unterschiedliche öffentliche und private Akteure zusammengeführt werden, können in diesem Kontext verstärkend und motivierend wirken.

Ausgangspunkt für diesen Überblick über Tendenzen des Städtebaus und der Stadtentwicklung sowie daraus ableitbare Anforderungen an die Steuerung des Wandels war auch die sich abzeichnende Verschärfung des Wettbewerbs der Städte untereinander. Gegenwärtig ist noch kaum erkennbar, wie sich dieser Wettbewerb tatsächlich vollziehen wird, zu welchen Bedingungen er gesteuert werden kann und ob sich bestimmte "Regeln" des Umgangs miteinander herausbilden. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf. Ganz sicher wird es "Gewinner" und "Verlierer" geben, werden sich bestehende Unterschiede weiter ausprägen. Damit eröffnete sich ein weiteres Diskussionsfeld, das sich intensiver auch mit der Forderung nach Schaffung und Erhaltung "gleichwertiger Lebensverhältnisse" befassen müsste.

Weitere Informationen: 

Dipl.-Soz. Robert Sander
Telefon 030/39001-267
E-Mail: sander@difu.de