Difu-Berichte 2/2004 - Jugendhilfe-Jahrestreffen in Wiesbaden: Bildung, Migration und Jugendhilfe
Das auf den süddeutschen Raum orientierte Werkstattgespräch (mit 20 Teilnehmern aus zwölf Städten) konzentrierte sich auf die Frage, wie junge Menschen auch jenseits der Schule Bildungschancen wahrnehmen können. Die Unterscheidung in formale und non-formale oder informelle Bildung verweist auf die unterschiedlichen Angebote wie: Schule, Kindertageseinrichtung, Jugendfreizeiteinrichtung, Familie, Medien, Arbeitsstätten - soziale Orte also, an denen Bildung heute mehr oder weniger intensiv und direkt stattfindet. Die in Jugendhilfeprogramme von Erziehung, Betreuung oder Förderung zunehmend integrierten Bildungselemente oder -Bausteine sind aber auch Anlass, Kinder- und Jugendeinrichtungen insgesamt auf ihre Konzeption hin zu überprüfen. Qualitätsstandards, Qualitätsmanagement und Evaluationen geben der laufenden Bildungsdebatte neue Impulse. Auch die Bundespolitik ergreift gerade neue Initiativen, die für alle Typen von Kindertageseinrichtungen eine deutliche Aufwertung bringen sollen.
Die Erweiterung des Nationalen Bildungsberichts auf die vor- und außerschulischen Bildungsbereiche - durchgeführt durch das Deutsche Jugendinstitut - hat vergleichbare Anstrengungen auf Landesebene (Bayern) und kommunaler Ebene (Wiesbaden) ausgelöst. In der Veranstaltung wurde der Ansatz des kommunalen "Sozialberichts zur Bildungsbeteiligung" dargestellt; der Beitrag aus Wiesbaden präsentierte dazu unter anderem die notwendigen Indikatoren, Datenquellen und eigene Erhebungen, zentrale Fragestellungen für die Wirksamkeit von Schulvorbereitenden und Schulbegleitenden Angeboten sowie Zielfelder einer kommunalen Bildungspolitik.
Das Thema Migration wurde fokussiert nicht nur auf die Teilnahme von Kindern an Angeboten in Kindertageseinrichtungen, sondern auch auf die Einbeziehung der Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund (Elternschulen, Mütterschulen). Wer eine Integration von Kindern und Jugendlichen in die Gesellschaft durch Bildungsteilnahme fördern will, muss die Mütter für Sprachförderungsangebote gewinnen - so lautete eines der zentralen Statements.
Berichte aus Karlsruhe zeigten, dass die Beteiligung von Eltern und insbesondere Müttern ausgesprochen schwierig ist, weil mit dem Fehlen von Sprachkenntnissen unüberwindliche Hürden bestehen. Selbst wenn muttersprachliche Gesprächsleiter und Werbemittel in der Sprache von Migranten eingesetzt werden, ist die Schwellenangst vor den Bildungs- und Erziehungseinrichtungen zu groß, Sprachförderung wird nur schwer angenommen.
Sprachförderung war deshalb auch das Thema im zweiten Teil der Veranstaltung; es ging darum, Ansätze und Qualitätsstandards für Erziehung und Bildung in Kindertageseinrichtungen zu definieren und die Wirksamkeit von Maßnahmen für eine Verbesserung der Bildungsbeteiligung etwa von Migrantenkindern zu messen.
Die instrumentellen Hilfen, die erforderlich sind, um zu einer Aussage über Bedarf und Inanspruchnahme von Angeboten zu kommen, wurden mehrfach beleuchtet: mit den Beiträgen über die Umfrage zur Qualität der Kooperation von Kindertageseinrichtung und Schule (Kaiserslautern), über die Erhebung im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen (Mannheim) und die Erstellung des Sozialberichts zur Bildungsbeteiligung (Wiesbaden).
Verstärkte kommunale Bildungsförderung kostet mehr hier zeigten sich auch die kleineren Mitgliedsstädte kreativ bei der Beschaffung von Mitteln (Sponsoren), und es bestätigte sich, dass die Pisa-Studie einen heilsamen Schock bewirkt hat, da nun Fachleute und Politiker auf allen Ebenen und aller Parteien anfangen, innovative Ideen zu entwickeln. Ziel der vorschulischen Erziehungseinrichtungen ist es derzeit, sich als kommunale Bildungsträger zu definieren, die ähnlich gefördert werden müssen wie die Schule. Dies bedeutet nicht Leistungsreduzierung und Kostenminimierung; mehr Leistungstiefe sowie Förderung und Anerkennung der Tätigkeiten im Erziehungsdienst müssen vielmehr das Ziel sein.
Dipl.-Ing. Heidrun Kunert-Schroth
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