Difu-Berichte 2/2002 - Stadtbaukultur - Modelle,Workshops,Wettbewerbe

Stadtbaukultur – Modelle, Workshops, Wettbewerbe

Verfahren der Verständigung über die Gestaltung der Stadt

Als Fortsetzung der bereits 1992 erschienenen Publikation "Geschichte der Architektur- und Städtebauwettbewerbe" dokumentiert die neue zweibändige Veröffentlichung Ergebnisse einer umfassend angelegten Untersuchung über Verfahren zur Stadtbaukultur, Verfahren, mit denen in Städten und Gemeinden Architektur- und Städtebauentscheidungen qualitativ begründet, legitimiert und publik gemacht werden. Neben einer Betrachtung der aktuellen Praxis werden auch die Verfahren in ihrer historischen Kontinuität und den Traditionen, in denen sie verankert sind, dargestellt.

"Stadtbaukultur" bemisst sich am Niveau der gesellschaftlichen Verständigung über Prozedere, Aufgaben und Qualität in den Bereichen Architektur und Städtebau, über Verantwortung, Kompetenz und Zuständigkeiten, über die Produktion und Nutzung von Bauten und Stadträumen. Das Spektrum der Verfahren zur Sicherung von architektonischer und städtebaulicher Qualität ist breit: Es reicht von Wettbewerben aller Art, konkurrierenden Gutachten und Entwurfswerkstätten über Bauberatung, Gestaltungsreglement, Architektur- und Stadt(teil)foren bis zu räumlichen Demonstrationen im Maßstab 1:1, in Szene gesetzten Baustellen, Architekturmuseen und -zentren.

2002 1992

Präsentation und Vermittlung von Architektur und Städtebau Seit jeher bemühen sich Architekten, Städtebauer und Planer um eine möglichst überzeugende Präsentation ihrer Entwürfe gegenüber Bauherren, Preisgerichten, Genehmigungsbehörden und Öffentlichkeit. Zeichnungen und Modelle übernehmen Vermittlungsfunktion, dienen gleichermaßen als Präsentationsmedium und Arbeitsmittel. Planriss und perspektivische Darstellung, selbst das Modell im verkleinerten Maßstab bleiben aber abstrakt und erfordern besondere Vorstellungskraft, um sich Gestalt und Raumwirkung in realisierter Fassung denken zu können. In strittigen Fällen entschloss man sich deshalb häufiger schon zu einer Demonstration von Architekturprojekten in natürlicher Größe.

Mit der Entdeckung der Perspektive gewann die zweidimensionale Zeichnung dreidimensionale Wirkung, die bis dahin dem Modell vorbehalten war. Bei den Konkurrenzen des 19. Jahrhunderts wurden Kult und Prachtentfaltung mit den perspektivischen Schaubildern betrieben. Dies führte zu Kontroversen über die angemessene Darstellungsform bei Wettbewerben. Die architektonische Avantgarde der zwanziger Jahre bevorzugte die Axonometrie, eine planparallele Projektionstechnik, die auch heute noch gerne angewandt wird. In den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg gaben sich Architektur und Städtebau in der Zeichnung eher spröde. Dagegen präsentierten prominente ausländische Architekten ihre Entwürfe bereits während der sechziger Jahre in perfekter Marketingmanier. Renderings, detail- und maßstabsgenaue kunstvolle Zeichnungen, galten als "heimliche Klassiker in einer neuen Gattung perspektivischer Schaubilder". In den achtziger Jahren wandelte sich das Medium Architekturzeichnung vom bloßen Hilfsmittel zum Exponat auf Ausstellungen und begehrten Sammlungsobjekt.

Stadtmodell als Medium zur Information der Öffentlichkeit, Berlin 1956 (Landesarchiv Berlin).

Schüler am Modell ihres Klassenhauses, Ev. Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck (Foto: W. Schneider).

Modelle dienen schon immer nicht nur als Repräsentationsmittel, sondern auch als Entwurfshilfe. Besondere Vermittlungsfunktionen übernahmen und übernehmen Modelle, bei denen vertikal oder horizontal Teile zu entfernen sind und konstruktive sowie gestalterische Details im Innern der Gebäude demonstriert werden können. Die Nationalsozialisten inszenierten ihre monströse Machtarchitektur vor allem unter Einsatz von großmaßstäblichen Modellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden der Aufbauwille und die Vorstellung von der modernen Stadt vor allem mit Hilfe städtebaulicher Massenmodelle demonstriert. Seit Ende der fünfziger Jahre lässt sich das Hauptmanko des kleinen Modells (Betrachtung aus der Vogelschau) mittels optischer Techniken (Endoskopie, Modellfilmsimulation) beheben. Dadurch werden Gebäude und städtebauliche Anlagen auch aus der Fußgängerperspektive erlebbar. Standen in den achtziger Jahren Einzelgebäude im Mittelpunkt, so nutzen heute einige Städte große Stadtmodelle nicht nur, um die Öffentlichkeit zu informieren, sondern es sollen auch Investoren dazu animiert werden, sich bei Projekten zu engagieren.

Heute werden Papier als Zeichenträger und das gedruckte Wort zunehmend durch Elektronik abgelöst. Zeichnen, Entwerfen, Modellbau usw. finden computergestützt statt. Über Foto-, Film- und Videotechniken können Zeit- und Bewegungsabläufe, Entwürfe in fotografierter oder gefilmter Umgebung und künstliche Welten erfahrbar gemacht und interaktiv beeinflusst werden. Und dennoch erweist sich die direkte Anschauung als unverzichtbar: In Streitfällen wird häufig das Experiment in natürlicher Größe als Imaginationshilfe gefordert und teilweise auch als einfache Visualisierung (Baugespann) oder aufwändige 1:1-Installation realisiert.

1:1-Modelle als Anschauungshilfe: "Schablone" für den Entwurf von Otto Wagner für das Franz-Josef-Stadtmuseum in Wien (1910),

Schaumodell für die Nürnberger Kongresshalle auf dem Reichsparteitaggelände von Ludwig und Franz Ruff (1938),

Attrappe des Berliner Stadtschlosses (1993). (Museen der Stadt Wien, Deutsche Bauzeitung, H.6/1938, Foto: Heidede Becker).

Architektur und Städtebau publik machen

Zwei Traditionslinien prägen die Publikationsstrategien zu Architektur und Städtebau. Beide gingen von der Fachwelt aus. Zum einen begann mit der berufsständischen Organisation der Architekten die Entwicklung der Fachzeitschriften, die einen besonderen Schub durch den Aufschwung des Wettbewerbswesens nach Beschluss der ersten Wettbewerbsordnung 1868 erfuhr. Heute erfolgt mit wachsender Geschwindigkeit der Ausbau entsprechender Informationsangebote im Internet.

Zum anderen schufen sich die Architekten mit den Festschriften für ihre Generalversammlungen seit 1874 wichtige Standarddokumentationen zum Bauwesen in den jeweiligen Gastgeberstädten – zumeist unter dem Titel "... (Tagungsort) und seine Bauten". Sie begründeten damit heute noch fortgesetzte Publikationsreihen (z.B. für Berlin, Hamburg, Köln) und darüber hinaus die Tradition der Architekturführer, die inzwischen in populärer Form zu voller Blüte gelangt sind.

Redaktion der "Deutschen Bauzeitung" (aus: Deutsche Bauzeitung, H. 101/1916).

Die achtziger Jahre wurden zur Gründerzeit von Architekturmuseen, -zentren, -galerien und -foren, von Institutionen, mit denen das Nachdenken und der Austausch über Architektur- und Städtebaufragen gefördert wird: durch Ausstellungen, wissenschaftliche Erschließung und Archivierung von Sammlungen, Werkstätten, öffentlichen Diskussionen, Publikationen sowie den Aufbau von Bibliotheken und Datenbanken. Darüber hinaus machen die Berufsverbände mit Sonderveranstaltungen in größerem Rahmen auf Architekturfragen aufmerksam ("Tage der Architektur", "Architektur-Quartett"). Ein weiteres wichtiges Handlungsfeld zur Popularisierung von Architektur und Städtebau sowie zur Nachwuchsförderung bilden die Preis- Wettbewerbe. Mit der Prämierung von vorbildlichen und zukunftsweisenden Lösungen sollen öffentliches Qualitätsbewusstsein geweckt und in diesem Sinn Baukultur gefördert werden.

"Gründer der bedeutenden Architekturverlage", Wilhelm Ernst und Ernst Wasmuth (Verlagskataloge).

Sowohl die Planungs- als auch die Umsetzungsphasen von Architektur- und Städtebauprojekten werden außerdem als Anlass für multimediale Inszenierungen und teilweise spektakuläre Informationsveranstaltungen genutzt. Inszenierungen und Aktionen zu städtebaulichen Großprojekten sind offenbar dann besonders erfolgreich, wenn sie Information und Aufklärung, Spektakel und Authentisches miteinander verbinden. Dann werden sie zu Orten kollektiver Wahrnehmung und erzeugen lokales Selbstbewusstsein. Dies wurde besonders bei der Berliner Info-Box deutlich, die 1995 am Berliner Potsdamer Platz unter dem Motto "Heute die Stadt von morgen sehen" eröffnet und zum Publikumsrenner wurde. Zwar ist der als temporäre Architektur angelegte Bau inzwischen abgerissen, doch gibt es in mehreren Städten Nachfolgebauten mit vergleichbaren Funktionen.

Die "beliebte rote Kiste" Info-Box in Berlin 1996 (Nishen Kommunikation, Berlin).

Gestaltungsprozesse zwischen Reglement und Dialog Für den Bau schöner Städte zu sorgen – diesem Ziel fühlten sich Staat und Gemeinde schon immer verpflichtet. Im absolutistischen Zeitalter wurden Landesfürsten zur treibenden Kraft im systematischen Stadtausbau und knüpften das Recht zum Bauen häufig an spezielle Baureglements. In der Phase der Aufklärung aber nahm die Bürgerschaft Beschränkungen der Baufreiheit durch die Obrigkeit nicht mehr hin. Abgesehen von der baupolizeilichen Verpflichtung, zur Gefahrenabwehr und bei drohender "grober" Verunstaltung gegen ein Bauvorhaben einzuschreiten, bleibt von jeher umstritten, inwieweit eine Behörde berechtigt ist, sich um künstlerische Belange zu kümmern. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts schufen Bundesstaaten und Gemeinden rechtliche Voraussetzungen für eine aktive Baupflege und die künstlerische Förderung des Städtebaus. Insbesondere die wachsende Anhängerschaft von Heimatschutz und Wohnungsreform engagierte sich fortan für die Aufklärung von Laien und Bauschaffenden in (städte)baukünstlerischen Fragen und kämpfte in den expandierenden Städten gegen eine um sich greifende Bauwillkür. Bauberatung galt als "Akt der Wohlfahrtspflege".

Erfolg der Hamburger Baupflege beim Neubau der Kontorhäuser: Staffelgeschosse statt durch Büros aufgerissene Dachflächen, z.B. beim Chilehaus (1922-1924) von Fritz Höger (Staatsarchiv Hamburg).

Bauberatung durch den Bayerischen Verein für Heimatschutz (aus: Erdmannsdorfer, Bauberatung für Siedlung und Eigenheim).

Gestaltungsbeiräte oder -kommissionen als Gremien, die zwischen Beratung und Kontrolle agieren, stehen in der Tradition der Sachverständigenkommissionen, die Anfang des 20. Jahrhunderts der Baupolizei zur fachlichen Absicherung dienten, nachdem diese Aufgaben im Rahmen des Denkmal- und Ortsbildschutzes sowie der künstlerischen Lenkung bei Stadterweiterungsmaßnahmen übernommen hatte. In den sechziger und siebziger Jahren wurden zahlreiche Beiräte etabliert, teils begleitend zur intensiveren Anwendung von Gestaltungssatzungen, teils als Antwort auf die wachsende Forderung nach Partizipation. Eine Neubelebung erfuhr dieses Instrument Mitte der achtziger Jahre als Konsequenz auf Publizität und Erfolg des 1983 gegründeten und bis heute agierenden Salzburger Gestaltungsbeirats. Die Berufung von Beiräten macht allerdings nur dann Sinn, wenn Verwaltung und Politik wirklich professionell beraten werden wollen und sich an die Empfehlungen des Gremiums auch gebunden fühlen.

Einladung zum ersten Stadtforum.

Der historische Meinungsstreit zum Thema Baukunst und Verrechtlichung erhitzte die Fachgemüter nach 1945 unvermindert weiter. Die kommunale Baugestaltungspolitik wechselt nach wie vor zwischen Ansätzen der Gefahrenabwehr und der Wohlfahrtspflege. Die rechtssystematisch nicht abschließend definierte "positive Baupflege" findet im Wege des Erlasses von örtlichen Bauvorschriften (Ortsstatuten) statt. Die Gemeinden nutzen dieses Instrument unterschiedlich intensiv, um aktiv und durch Gemeinderatsbeschluss legitimiert in die Gestaltung des Ortsbildes einzugreifen. Konflikte und Streitigkeiten resultieren aus dem Grundproblem, dass es weder ein konsensfähiges ästhetisches Ideal noch einen unumstrittenen ästhetischen Kontrolleur gibt und zudem architektonische und städtebauliche Moden auch noch häufig wechseln.

Stadtforum Berlin 1992,

Stadtentwicklungsforum Hamburg 1993 (Fotos: Davidt Brandt, Egbert Kossak).

Mit den neunziger Jahren wächst die Bedeutung von offenen und dialogorientierten Planungsprozessen. Davon zeugen vielerorts eingerichtete neue (informelle) Gremien und Verfahren zur Organisation von Planungsöffentlichkeit: beispielsweise Runde Tische, Werkstätten, Bürgerund Stadtteilkonferenzen, Marktplätze und Stadt(teil)-foren. Motiviert durch Erfahrungen mit dem Berliner Stadtforum haben sich in mehreren Städten Stadt(teil)foren konstituiert. Sie fungieren als Plattformen für eine neue Kultur der Auseinandersetzung über Gestaltungsund Entwicklungsfragen, die hier zwischen Politik, Verwaltung, Fachwelt und Öffentlichkeit verhandelt werden. In Zusammensetzung, Themenwahl sowie der Gründlichkeit ihrer Vorbereitung und Auswertung sind Erfolg oder Misserfolg der Foren angelegt. Auch ist nicht zu übersehen, dass mit zunehmender Entfernung vom konkreten Bau- und Planungsgeschehen das öffentliche Interesse erlahmt.

Karikatur zu den Aufbauwettbewerben ("Neue Bauwelt", H. 33/1948).

Das Wettbewerbswesen im Nachkriegsdeutschland Verglichen mit dem historischen Wettbewerbswesen bis 1945 hat die Akzeptanz des Verfahrensreglements nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik erheblich an Stabilität gewonnen. Während in den acht Jahrzehnten seit Inkrafttreten der ersten Wettbewerbsordnung (1868) in Zeitabschnitten von vier bis maximal 14 Jahren das jeweils gültige Regelwerk überarbeitet und veränderten Bedingungen angepasst wurde, hatten die Grundsätze und Richtlinien für Wettbewerbe (GRW) 1952/54 als erste Nachkriegswettbewerbsordnung immerhin 25 Jahre Bestand, bis sie mit Erlass der GRW 1977 novelliert wurden. Die DDR berief sich erstmals 1957 auf eine eigene Wettbewerbsordnung mit Nachfolgeregelungen in den Jahren 1965, 1970 und 1983. Nach der Vereinigung wurden die Neuen Bundesländer in das westdeutsche Wettbewerbswesen auf Basis der GRW 1977 eingebunden.

Um die Bevölkerung nach dem Krieg für den Aufbau zu begeistern, bedienten sich viele Städte des Wettbewerbsverfahrens und damit eines Instruments, das sich seit mehr als einem Dreivierteljahrhundert bewährt hatte. Die städtebaulichen Wettbewerbe der vierziger Jahre, bei denen teilweise auch die Bevölkerung aufgefordert war, Vorschläge einzureichen oder die professionellen Entwürfe mitzubeurteilen, dienten als Plattform der Richtungskämpfe zwischen radikaler Neugestaltung und traditionsgebundenem Wiederaufbau. In Fachkreisen erlangten die städtebaulichen Wettbewerbe für Kiel (1947) und Hannover (1948) besondere Beachtung. Sie galten wegen ihrer Orientierung am modernen Städtebau als besonders fortschrittlich. Bei den Wettbewerben zum Kleinwohnungsbau waren erstmals 1947 auch Bauunternehmen zur Teilnahme aufgefordert. Ende 1949 ging man sowohl beim 1. Constructa- Wettbewerb als auch bei den Wettbewerben der ECA (Economic Cooperation Administration) in 15 Städten (1951) mit der Teilnahmekopplung von Architekten und Bauunternehmen noch einen Schritt weiter und führte eine Neuerung ins Verfahren ein, die bis heute Bestand hat: Architekten und Unternehmen bilden Arbeitsgemeinschaften und legen Gestaltungsvorschläge mit verbindlichen Durchführungsaussagen und Kostenangaben vor.

"... vom Zeilenbau beherrscht", Entwürfe zu den ECA-Wettbewerben für Bremen von Werner Hebebrand, Walter Schlempp und Günther Marschall

und für Lübeck von Hans Bernhard Reichow (aus: Wandersleb/Schoszberger, Neuer Wohnungsbau, Ravensburg 1952).

Die deutsche Teilung bestärkte Verselbstständigungstendenzen der Architektur und Städtebauentwicklung. Ost- und Westteil der Viersektorenstadt Berlin wetteiferten im Zeichen des Kalten Krieges beim (Wieder-)Aufbau der Stadt um das Neue Berlin und nutzten Architektur und Städtebau als Bedeutungsträger der politischen Programmatik, obwohl es in den grundlegenden Tendenzen durchaus vergleichbare Auffassungen gab. Beide Seiten kämpften für die Überwindung der Mietskasernenstruktur, strebten Rationalisierung in der Bauproduktion an und förderten einen Massenwohnungsbau, bei dem das Verhältnis von Gebäude zur Straße aufgelöst war. Als Reaktion auf die große Resonanz zum Ostberliner Wettbewerb für die Stalinallee (1951) und seine Bauergebnisse bemühte sich die Westseite um (internationale) Aufmerksamkeit für die Neugestaltung des Hansaviertels (1953). Beim Wettbewerb zum Fennpfuhl-Gebiet in Ost- Berlin (1956) agierte das vorerst letzte gesamtdeutsch besetzte Preisgericht.

Beide Seiten engagierten sich auch für den Aufbau der "Hauptstadt" Berlin. Beim westlichen Wettbewerb "Hauptstadt Berlin" (1957) wurde das in Ostberlin gelegene Zentrum ohne Legitimation mit zur Disposition gestellt, was ebenso wie die eher restriktive Beteiligungspolitik gegenüber den östlichen Fachverbänden west-östliche Konflikte zur Folge hatte. Während dieser Wettbewerb folgenlos und damit planerische Fingerübung blieb, stand der "Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der Hauptstadt der DDR, Berlin" (1958) hinsichtlich seiner Realisierungschancen politisch und ökonomisch auf sichereren Füßen. Hier dienten die Entwürfe als Grundlage für den Ausbau des Ostberliner Zentrums.

Wettbewerbe im Kalten Krieg in Berlin: oben: Vizepräsident der Deutschen Bauakademie Edmund Collein am Modell der Bebauung der Stalinallee (1952), unten: Bundespräsident Theodor Heuss am Modell für das Hansaviertel (1956), (Institut für Regionalplanung und Stadtforschung Erkner, Landesarchiv Berlin).

Differenzierung konkurrierender Verfahren wie Entwurfswerkstätten, offene Gutachten, kooperative Wettbewerbe

IV. Bauforum "Hafencity" in den Deichtorhallen in Hamburg 1989 (Foto: Egbert Kossak).

Mit dem gesellschaftspolitischen Umbruch Ende der sechziger Jahre gerieten auch die Routinen einer weitgehend hinter verschlossenen Türen betriebenen Bauund Stadtplanung ins kritische Blickfeld. Von vielen Seiten wurden energisch Forderungen nach Rationalisierung und Demokratisierung von Planungs- und Entscheidungsprozessen erhoben; Verbesserungen im Wettbewerbswesen erhoffte man sich vom verstärkten Einsatz quantifizierender Bewertungsmethoden, basisdemokratischer Verfahrensansätze und gezielter Öffentlichkeitsarbeit. Nutzwertanalysen zur systematischen Entscheidungsvorbereitung gewannen im Rahmen von Architektur- und Städtebauwettbewerben an Bedeutung. Besondere fachliche Aufmerksamkeit galt zwei modellhaften Wettbewerben: dem "Dietzenbacher Modell" (1976), ein Verfahren, bei dem die engagierte kommunalpolitische Entscheidungsvorbereitung im Vordergrund stand, und den "Strategien für Kreuzberg" in Berlin (1977), eine Art programmatischer Wettbewerb mit intensiven Bemühungen um die Aktivierung der Bürgerschaft zur Beteiligung an den Planungs- und Entscheidungsprozessen.

Aus einem Informationsfaltblatt zum Dietzenbacher Wettbewerb (1976).

In den achtziger Jahren führten die komplexeren städtebaulichen Aufgaben, eine wachsende Aufgeschlossenheit gegenüber ästhetischen Qualitäten sowie das gewandelte Planungsverständnis zu offeneren und flexibleren Strategien, die eine weitere Differenzierung von konkurrierenden Verfahren nach sich zogen. Entwurfsseminare, Planungswerkstätten, Bauforen wurden und werden dazu eingesetzt, in kreativer Ideenkonkurrenz auch unkonventionelle Lösungen zur Diskussion zu stellen. Entwurfs- und Planungswerkstätten bieten einen eher informellen Rahmen, um in direkter Auseinandersetzung mit dem Ort Ideenreichtum zu generieren, einen breiten Fundus an auch experimentellen Entwurfsvarianten zu produzieren und zur Diskussion zu stellen. Nicht zu unterschätzen ist der Beitrag zur sachlichen Fundierung in Konfliktsituationen, wie das beispielsweise beim Hofgartenseminar in München (1986) und bei der Essener Perspektivenwerkstatt (1999) der Fall war.

Im Kosten- und flächensparenden Wohnungsbau erfuhr das Wettbewerbswesen anfang der achtziger Jahre eine weitere Belebung, vor allem mit kombinierten Wettbewerben für die Teilnahme von Arbeitsgemeinschaften aus Architekten/Planern und Bauunternehmen. Auch als Folge der Qualitätsdebatte zum Wohnungsbau banden manche Bundesländer die Vergabe von Fördermitteln an die Durchführung konkurrierender Planungsverfahren. Vor allem im Rahmen der Internationalen Bauausstellungen in Berlin und der Emscherzone wurden Wohnungsbauwettbewerbe und das "Entwerfen in Alternativen" besonders gefördert.

Medien-Bus zur Vermittlung von Wettbewerbsergebnissen zu den "Strategien für Kreuzberg" 1977 (aus: von Tiedemann u.a., Bürgerbeteiligung und Stadterneuerung, Bonn-Bad Godesberg 1980).

Diskursive und kooperative Verfahren haben mit zunehmender Komplexität der Aufgaben an Bedeutung gewonnen – sowohl bei öffentlichen als auch privaten Bauherrn. Nicht nur die inzwischen hohen Teilnehmerzahlen, sondern auch schlechte Erfahrungen mit zu früh veranstalteten Wettbewerben und grundsätzliche Bedenken hinsichtlich deren Leistungsfähigkeit haben bewirkt, dass offen ausgeschriebene Wettbewerbe nicht mehr die Regel sind, eine Entwicklung, die wegen der damit verbundenen Benachteiligung "junger" Büros, wegen Nichtbeachtung der Wettbewerbs- und der Honorarordnung auf Widerspruch bei den Berufsverbänden stößt. Die Auswahl der aufgabenadäquaten Verfahrensform erweist sich heute als Schlüsselfrage. Deutlich zeigt sich, dass Seminar- und Werkstattverfahren ebenso wie Wettbewerbe ihre Wirksamkeit am besten dann entfalten können, wenn sie in übergreifende Konzepte – wie unter anderem bei der Wiedergründung der Kasseler Unterneustadt (1990 und Folgejahre) oder beim Verfahren für die Messestadt München-Riem (1991 und Folgejahre) – eingebunden sind.

Streitpunkte zum Wettbewerbsprozedere und Verfahren am "Nerv der Planungskultur" Eine Betrachtung des formalisierten Wettbewerbswesens seit seinem Beginn zeigt eine erstaunliche Kontinuität der Konfliktpunkte: Mängel der Wettbewerbsvorbereitung und des Programms, Entscheidungsschwächen von Preisgerichten und unzulängliche Urteilsbegründungen, unbefriedigende Auswahlverfahren bei beschränkter Teilnehmerschaft, Unterlaufen von Regeln und Umsetzungsdefizite. Nicht nur Verunsicherungen durch die Öffnung des europäischen Marktes und die zögerliche Umsetzung der Dienstleistungsrichtlinie, die vielfach umstrittene Wettbewerbsverfahren zur Folge hatten, sondern auch Verfahrensmängel bei spektakulären Wettbewerben in Berlin haben das Wettbewerbswesen der neunziger Jahre in Misskredit gebracht. Wettbewerbskultur und Verfahrensmoral mussten wiederholt angemahnt werden. Als Kernproblem werden neuerdings Zugangskonditionen und Auswahlverfahren bei Wettbewerben mit beschränkter Teilnehmerschaft diskutiert. Die Auswahlverfahren sind weit weniger transparent angelegt als die Wettbewerbsverfahren selbst. Bemängelt wird vor allem, dass die Auswahl nicht an die Beurteilung zum Beispiel von skizzenhaften Lösungsvorschlägen zur Wettbewerbsaufgabe gebunden ist, sondern allein auf das Renommee und die Referenzen der Büros gesetzt wird.

Broschüren zu Community-Planning-Verfahren in Berlin und Essen.

Dennoch bleiben die hinlänglich bekannten Aktivposten von Wettbewerben, auch wenn sie nicht immer ausreichend genutzt werden. Zu den Pluspunkten zählen im Vorfeld der Zwang zu präziser Aufgabenformulierung und zur Klärung von Rahmenbedingungen, frühzeitige Verabredungen über anzulegende Bewertungskriterien, systematische Vorprüfung der eingereichten Entwürfe (oder bei mehrstufigen Verfahren der Entwurfsideen), anschauliche Vergleichsmöglichkeiten zwischen Lösungsvarianten und damit Unterstützung der Urteilsfindung. Außerdem gewinnen Projekte und Gestaltungsfragen durch Wettbewerbe häufig an Publizität. Im positiven Fall ergibt sich daraus ein Doppeleffekt: einerseits Werbung für Architektur und Städtebau, andererseits Imagegewinn und Reputation für die Entwurfsverfasser.

Wettbewerbe eignen sich aber nicht zur Klärung von Grundsatzfragen. Die Verfahren sind überfordert, wenn ihnen die gestalterische Bewältigung ungelöster gesellschaftlicher Probleme aufgebürdet wird. Derartige Konflikte verdichten sich vor allem in zwei Handlungsfeldern, die den "Nerv der Planungskultur" treffen: zum einen der baulich-räumlichen Repräsentation von Nationalität, Demokratie und Stadtöffentlichkeit, zum anderen den Umgang mit dem kulturellen Erbe und mit "Geschichte vor Ort". Hier boten und bieten vor allem drei Aufgabenbereiche Anlässe für den Disput: die Rekonstruktion (teil-)zerstörter Bauwerke und Ensembles, die planerische Behandlung von geschichtsbelasteten Orten sowie die Suche nach Ausdrucksformen für Gedenken, Mahnen und Erinnern. Die Verfahren – seien es Wettbewerbe, offene Gutachten oder Werkstätten – müssen scheitern, wenn die gesellschaftliche Grundhaltung zum Thema noch offen ist. Ohne Zweifel tragen sie auch im Scheitern zur Klärung der Aufgabe, zur Positionsbestimmung bei Auslobern und Öffentlichkeit sowie zur Lösungsfindung bei – doch geschieht dies zu Lasten und auf Kosten der Wettbewerbsteilnehmer.

Konflikt über die angemessene Repräsentation der Bremer Bürgerschaft, Anzeige der Lüder-von-Bentheim-Gesellschaft gegen den Entwurf von Wassili Luckard 1961 (Staatsarchiv Bremen).

Aktuelle architektur- und städtebaupolitische Herausforderungen

Die öffentliche Diskussion über Architektur und Städtebau, über Planen und Bauen erhielt – nicht zuletzt durch die im Oktober 2000 auf Bundesebene angestoßene "Initiative Baukultur" – wieder Auftrieb. Der Ende 2001 vorgelegte "Statusbericht Baukultur in Deutschland" wird 2002 im Deutschen Bundestag diskutiert werden, der Weltkongress "Ressource Architektur" findet erstmals in Deutschland statt (im Juli 2002 in Berlin). Doch im Vergleich zu anderen europäischen Staaten gibt es hierzulande hinsichtlich architektur- und städtebaupolitischer Strategien deutlichen Nachholbedarf. Dies betrifft nicht nur eine klare gesellschaftliche Positionierung zur Bedeutung von Architektur und Städtebau, sondern auch ein Angebot von zentralen Institutionen und Orten, mit denen ein breites Interesse für Architektur- und Städtebaufragen geweckt und der öffentliche Dialog aktiviert werden können.

Nicht realisierte Wettbewerbsergebnisse zur Präsentation Deutschlands auf Weltausstellungen: EXPO-Pavillon für Sevilla von Fritz Auer und Carlo Weber, Expo-Pavillon für Hannover von Florian Nagler (Bestand Büro Auer + Weber, Büro Nagler)

Drei zentrale Handlungsfelder lassen sich aus der Untersuchung ableiten:

  • Seit längerem schon findet im Bau- und Planungsbereich ein vehementer Rollen- und Funktionswandel der Akteure (Architekten, Planer, Bauherren – Frauen wie Männer – gleichermaßen) statt, der europaweit in unterschiedlichen Geschwindigkeiten vollzogen wird. Die Debatte zum veränderten Rollenverständnis in den Professionen Architektur und Planung verweist auf zusätzliche Anforderungen, die ebenso die Kompetenzen wie das generelle Wissen betreffen, darüber hinaus auf neue Akteurskonstellationen zur Bewältigung der stadtbaukulturellen Herausforderungen.
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  • Die meisten traditionellen gestaltungsorientierten Verfahren erweisen sich auch heute noch als wirksam und nützlich – vorausgesetzt sie werden aufgabenadäquat eingesetzt. Für ihre Handhabung haben sich bewährte Routinen herausgebildet. Darüber hinaus aber erfordert die Lösung der neuen komplexeren städtebaulichen Aufgaben Verfahrensinnovationen und offensives Verfahrensmanagement: Die integrative Funktion der Verfahren muss gestärkt werden (interdisziplinäre Beteiligung, Einbindung aller wichtigen Akteure, Berücksichtigung des gesamten Prozesses einschließlich Planungs- und Umsetzungsphase, Beachtung gesamtstädtischer und regionaler Zusammenhänge).

Probleme mit der Umsetzung von Wettbewerbsergebnissen: stillgelegte Baustelle für das Ausstellungsgebäude "Topographie des Terrors" im Januar 2002 und Gelände für das Holocaust-Denkmal mit Probestelen im Dezember 2001 (Fotos: Wolf-Christian Strauss).

  • Kultivierung und Intensivierung der öffentlichen Auseinandersetzung über Qualitätsstandards für die Gestaltung und Entwicklung der Stadt schaffen erst die Basis für eine gesellschaftliche Verständigung über Stadtbaukultur. Dies setzt bürgergesellschaftliches Engagement und kollektiven Gestaltungswillen voraus. Nötig ist aber auch, eine tragfähige Infrastruktur zur Vermittlung, Präsentation und Veröffentlichung von Entwürfen und Visionen für Stadt und Region aufzubauen, die unter anderem eine Organisation des Wissentransfers und Erfahrungsaustausches (national und international) ermöglicht.

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