Difu-Berichte 2/2002 - Alles zu jeder Zeit? - Die Städte auf dem Weg in die kontinuierliche Aktivität
Die Stadt, die niemals schläft ist ein Mythos des 20. Jahrhunderts, der mittlerweile sogar von der Werbwirtschaft genutzt wird. Normalerweise fallen einem dabei Städte wie New York, Tokio, Paris oder das Berlin der 20er Jahre ein.
Bereits seit einigen Jahren sind die Rastlosigkeit heutiger Gesellschaften sowie die Eroberung und Ökonomisierung bisher kaum genutzter Zeitareale zu einem viel beachteten Thema geworden. So wie die Erdoberfläche Stück für Stück entdeckt, erobert, vermessen, verteilt und verkauft wurde, so wird auch die Zeit nach und nach erobert und mit Aktivitäten gefüllt. Hierbei stehen die Nacht und das Wochenende, bisher erklärte Ruhephasen, im Vordergrund. Vor allem in den großen Städten manifestiert sich dieser Entwicklungsprozess. Die Stadt erscheint immer mehr als Nonstop-Gesellschaft, als kontinuierlich aktiver Wirtschafts- und Lebensraum.
Auslösende Faktoren für die zeitliche Ausdehnung von Aktivitäten sind die Anpassung von Arbeits- und Betriebszeiten an Auftragsschwankungen, die Ausdehnungstendenzen im Bereich der Betriebsund Öffnungszeiten sowie die zunehmende internationale Vernetzung von Märkten und Betrieben. In der Folge individualisieren sich die Zeitmuster und differenzieren sich innerhalb der Gesellschaft weiter aus, was wiederum den Druck auf eine weitere zeitliche Entgrenzung in Handel, Dienstleistungsbereich und weiteren Bereichen erhöht. Mit jeder weiteren Drehung dieser Verursachungsspirale verändern sich kollektive Rhythmen wie der Wechsel von Arbeitstag und Feierabend, von Arbeitswoche und Wochenende.
Die Phänomene dieser Ausdehnung lassen sich praktisch überall beobachten: Zum einen sind es Betriebe, in denen abends, nachts und am Wochenende – ob im klassischen Schichtbetrieb des produzierenden Gewerbes oder in neuerer Zeit immer häufiger auch in Dienstleistungsbereichen, etwa der Softwareentwicklung – gearbeitet wird und die darum Bereitschafts- und Reparaturdienste, Verpflegung und Entsorgungsleistungen benötigen. Zum anderen sind es die Bürger, deren Nachfrage nach Kultur und Unterhaltung, nach Lieferpizza und Bankauskünften immer tiefer in die Nacht und das Wochenende hineinreicht. Beide Bereiche erzeugen zusammen – bezogen auf den Tag und die Woche – eine Tendenz zu "24/7- Aktivitäten", zum Nonstop-Betrieb. Außerdem wirken Polizei, Krankenhaus und Feuerwehr als öffentliche "Stand-by-Dienste". Zwar wird auf diese Weise die Optionalität der Konsumenten in zeitlicher Hinsicht erhöht, die Arbeitszeitlagen der Produzenten, das heißt der Beschäftigten, verschlechtern sich jedoch. Nacht- und Wochenendarbeit werden von einem Spezifikum der Industrieproduktion und Teilen des öffentlichen Dienstes im Rahmen der Versorgungsinfrastruktur zu einem immer alltäglicher werdenden Dienstleistungsphänomen. Und jeder zu "atypischen" Arbeitszeiten arbeitende Beschäftigte trägt nun mit seinem zeitlich verschobenen Nachfragepotenzial zur weiteren Ausdehnung von Angebotszeiten bei. Die Grenze zwischen Verursachern und Betroffenen der Ausdehnung liegt dann in ein und demselben Individuum.
Für die Kommunen bedeuten die Entstrukturierung sozialer Rhythmen und die Entwicklung zur kontinuierlich aktiven Gesellschaft, dass sich die Anforderungen der Bürgerinnen und Bürger und der Betriebe verändern werden: Veränderte Nahverkehrstakte haben beispielsweise veränderte Arbeitszeiten in den Verkehrsbetrieben zur Folge, die Wohnqualität wird durch eine Deregulierung der Lieferverkehrszeiten gemindert, die Stadt kann sich in verschiedene Zeitzonen aufspalten, der Natur und den Menschen fehlen Erholungszeiträume wie Nacht und Wochenende. Ökonomische Aktivität in der Nacht lässt sich womöglich nicht mehr nur auf Gewerbegebiete beschränken (wie noch zu Zeiten der Konti-Schichtbetriebe im Stahl- und Chemiebereich), denn der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft bedeutet, dass sich die großstädtischen Innenbezirke als Konsum- und Kulturzentrum für einheimische und auswärtige Stadtnutzer halten und behaupten können – inklusive zeitlich entgrenzter Nutzungen aufgrund von Rentabilitätserwägungen.
Diesen Entwicklungstendenzen ist das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) in einer städtevergleichenden Untersuchung, wobei Fallstudien in den Städten Berlin, Frankfurt/Main und Wien durchgeführt Difu-Berichte 2/2002 12 Alles zu jeder Zeit? Die Städte auf dem Weg in die kontinuierliche Aktivität wurden, nachgegangen. Diese Städte wurden auf ihrem Weg in die rund um die Uhr aktive Gesellschaft analysiert. Neben intensiven Literaturstudien, sekundärstatistischen Analysen und Auswertungen von Daten rhythmusrelevanter Bereiche wie Polizei, öffentlicher Personennahverkehr und Energieversorgung lag der Schwerpunkt des Untersuchungsansatzes auf qualitativer Empirie. So wurden rund 100 Expertengespräche in der Kommunalpolitik und -verwaltung, bei Verbänden, der Wissenschaft und in Unternehmen ausgewählter Branchen geführt.
Die empirischen Befunde zeigen, dass im Zuge der Deindustrialisierung während der letzten Jahrzehnte viele technische Gründe für Schicht- und Nachtarbeit (etwa in der Montanindustrie) entfallen sind. Mit der Tertiärisierung hätte also ein Rückgang dieser zeitlich atypischen Arbeitsverhältnisse eintreten müssen. Das Gegenteil war jedoch der Fall: Im EU-Durchschnitt haben alle Arbeitsformen, die auf Ausdehnung gerichtet sind, leicht zugenommen. Neben der zeitlichen Ausdehnung in formellen Arbeitsverhältnissen (Nacht-, Schicht- und Wochenendarbeit) ist auch eine Ausdehnung zu festzustellen, die durch Überstunden, neue Gleitzeitsysteme, Arbeitszeitkonten und anderes mehr ermöglicht wird. Die untersuchten Branchen – wie die Finanzwirtschaft, die IuK-Technologien und -dienstleistungen (New Economy) sowie Handel und Freizeit- und Kulturangebote – tragen auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Ausmaß zu den Ausdehnungstendenzen bei.
Die Ausdehnung von Aktivitäten in die Nacht und ins Wochenende hin zur Kontinuierlichkeit hat weit reichende Folgen für die soziale Organisation der Gesellschaft, die Wirtschaftsstruktur, die Umwelt und die räumliche Struktur. Eine besondere Rolle spielt bei den sozialen Folgen die Frage der gemeinsamen Zeiten, der sozialen Rhythmen und ihrer Koordination sowie der Zusammenhalt der Gesellschaft. Die zeitstrukturellen Veränderungen beeinflussen außerdem die Raumstrukturen, indem sich etwa Zonen kontinuierlicher Aktivität herausbilden.
Alle drei Fallstudienstädte weisen Ausdehnungstendenzen in den untersuchten Bereichen auf. Allerdings verteilen sich die Ursachen der Ausdehnung (betriebliche Veränderung, Strukturwandel, internationale Vernetzung des Unternehmens oder des Marktes, Veränderung der privaten Nachfrage usw.) von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Damit ergeben sich auch sehr verschiedene Konstellationen. Frankfurt wird von der Finanzwirtschaft angetrieben, Berlin durch die Freizeit- und Konsumansprüche der Bewohner und Besucher sowie teilweise auch durch die New Economy, Wien folgt dem Trend gewissermaßen widerwillig und mit einigem zeitlichen Entwicklungsabstand. Unterschiede hinsichtlich der Ausdehnung von Aktivitätsmustern ergeben sich insbesondere in der Strategie: Während die deutschen Städte diesen Prozess auch als Herausforderung begreifen und aktiv begleiten, passt Wien sich eher passiv den Entwicklungen an.

Notwendigkeit und Optionalität von Ausdehnung/Kontinuierlichkeit
Die zeitliche Ausdehnung von Aktivitäten ist auf Seiten der Unternehmen in erster Linie ökonomisch motiviert und nicht funktional (Erhaltung der öffentlichen Ordnung und Versorgung) oder technisch (bestimmte Produktionsbetriebe, z.B. Stahl und Chemie). Das heißt, die zeitlichen Angebotsfenster werden erweitert, um die Nachfrage zu stimulieren oder zu befriedigen. Eine moderate Ausdehnung durch Flexibilisierung und Tertiärisierung trifft die Mehrheit der Bevölkerung (in den Abendstunden und am Samstag), der Nonstop- Betrieb als Ausdehnung in die Nacht und das komplette Wochenende (einschließlich des Sonntags) betrifft nur eine Minderheit. Allerdings wird diese Minderheit größer, denn die einzelne Person arbeitet teilweise seltener am Wochenende, teilt diese Erfahrung aber mit immer mehr Personen. Zudem werden mit der Ausdehnung von Zeiten im Dienstleistungssektor auch neue Beschäftigtengruppen und andere soziale Schichten als bisher konfrontiert: Erweiterte Zeiten betreffen nicht nur Beschäftigte in bestimmten Produktionsbetrieben und im öffentlichen Dienst (Polizei usw.), sondern auch Angestellte im Management und hochqualifizierte Arbeitskräfte.

Nonstop-Betriebe und Ausdehnungstendenzen
Außerdem spielen Konsumwünsche, Nachfrage nach zusätzlichen Optionen bezüglich der Arbeitszeiten und die Gewöhnung an Verhaltensmuster zeitlich ausgedehnter Nachfrage durch die Medienangebote von Funk und Fernsehen, neuerdings auch durch das Internet, bei den Nachfragern eine wesentliche Rolle für Ausdehnungstendenzen.
Im internationalen Städtevergleich erweisen sich Metropolen wie New York, Tokio oder London als in relativ hohem Maße kontinuierlich aktiv, während die deutschen Fallstudienstädte solche Aktivitäten nur bedingt aufweisen und auf dem Weg in die Kontinuierlichkeit noch nicht so weit vorangeschritten sind. Die Vernetzung zwischen den Städten über internationale Unternehmen und grenzüberschreitende Kooperationen bzw. internationalisierte Märkte hat in den drei Fallstudienstädten nur in geringfügigem Maße einen direkten Einfluss auf die zeitliche Ausdehnung von Betriebszeiten und Aktivitätsmustern, da im Regelfall auf die Zeitfenster der Unternehmen in der jeweiligen Zeitzone Rücksicht genommen wird. Das heißt, es gibt kaum wechselseitige Impulse zur Erweiterung, beispielsweise von Ansprechzeiten im Dienstleistungsbereich. Nur die Finanzwirtschaft wird in Zukunft wahrscheinlich einen globalen Nonstop-Betrieb etablieren.
Einer beliebigen Ausdehnung sind ohnehin Grenzen gesetzt. Zum einen kostet Arbeit zu ungewöhnlichen Zeiten die Unternehmen in der Regel mehr, weil sie Zuschläge bezahlen müssen, das heißt, die Ausdehnung muss betriebswirtschaftlich ertragreich sein. Zum anderen sind die Beharrungskraft von "Zeitinstitutionen" wie Wochenende und Feierabend sowie die Rolle staatlicher Regulation als nicht gering einzuschätzen. In diesen Zusammenhang gehört auch die Bedeutung erkennbarer sozialer Rhythmen, um die notwendige gesellschaftliche Synchronisation nicht unmöglich oder zu aufwändig zu machen. Eine Grenze schließlich, die allerdings häufig überschritten wird, liegt im menschlichen Biorhythmus. Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit nehmen in der Nacht sehr stark ab. Es lässt sich nachweisen, dass die gesellschaftlichen Kosten von Unaufmerksamkeit infolge von Übermüdung sehr hoch sind (zahlreiche Großkatastrophen der letzten Jahrzehnte ereigneten sich nachts). Da diese Kosten aber in der Regel nicht von den Verursachern, den Betrieben, getragen werden, besteht ein Anreiz, sie systematisch zu vernachlässigen.
Gegenwärtig befinden wir uns in einem Übergang von eher starren und homogenen Zeitstrukturen zu flexiblen und heterogenen Strukturen, dessen Folgen gegenwärtig weitgehend individuell zu bewältigen sind. Nur eine Mischung zwischen verbindlichen und flexiblen Zeiten kann für komplexe Gesellschaften zu angemessenen Lösungen führen. Hierbei muss beachtet werden, dass die Chancen der Flexibilisierung von Arbeitszeiten und der Ausdehnung von Betriebszeiten nur genutzt werden können, wenn ein angemessener Bestand an kollektiven Zeiten gewährleistet ist und wenn die Kosten für Ausdehnung systematisch in Rechnung gestellt werden. Eine totale Nonstop-Gesellschaft wäre nur um den Preis sozialer Desynchronisierung und hoher gesellschaftlicher Folgekosten zu realisieren.
Die Debatte, mit welcher Zeitorganisation diese Balance herzustellen ist und welche Zeitorganisation wir in unserer Gesellschaft wünschen, steht erst am Anfang. Diskussionsgegenstand der politischen Akteure auf Bundesebene sind bestenfalls die Ladenöffnungszeiten. In einigen Bundesländern denkt man auch über verlässliche Schulbetreuungszeiten (Halbtagsschule, Ganztagsschule) nach. Es wäre jedoch sinnvoll, das komplexe Zeitgefüge einer Gesellschaft als Ganzes zu betrachten und sich darüber zu verständigen, wie ein Mindestbestand kollektiver Zeitinstitutionen erhalten werden kann. Neben dieser Sensibilisierung für die komplexe Vernetzung von Zeitstrukturen müssen auch konkrete Vereinbarkeitsprobleme gelöst werden. Gerade die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein neuralgischer Punkt innerhalb der Zeitorganisation, insbesondere wenn man bedenkt, dass Frauen von atypischen Arbeitszeiten und Tätigkeiten in ausdehnungsaffinen Branchen überproportional häufig betroffen sind. Der entschieden vorangetriebene Ausbau von Kindertagesstätten, die flächendeckende Einführung der verlässlichen Halbtagsschule, die Ausweitung von Ganztagsschulkapazitäten, die steuerliche Entlastung für personenbezogene Dienstleistungen sind auf Bundes- und Landesebene wie auf kommunaler Ebene wichtige Elemente einer zeitsensiblen Politik.

Wirkungsgeflecht der Ausdehnungsfaktoren
Zeitsensible Politik hat auch räumliche Dimensionen: Die Verträglichkeit von Funktionen muss gesichert werden, um (funktional und zeitlich) gemischte Strukturen zu ermöglichen. Auch räumlich gilt es, die Optionalität zu gewährleisten – dies ist durchaus als Plädoyer für eine Vielfalt von Raum-Zeitzonen in der Stadt zu verstehen. Die Instrumentierung für eine räumliche und raumzeitliche Gestaltung ist zum Teil erst noch zu entwickeln. Langfristig sollten Chancen und Risiken der Ausdehnungstendenzen kritisch abgewogen werden. Ein Mindestbestand an kollektiven Rhythmen muss erhalten bleiben, die individuelle Vereinbarkeit von flexiblen Arbeitszeiten und verlässlichen Sozialzeiten ist zu fördern, einer Ausdehnung müssen Grenzen gesetzt werden – ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit die Sicherheit der Arbeitsplätze darunter leidet. Diese Balance zwischen ökonomischem Erfolg und sozialer Nachhaltigkeit, zwischen sich ausdifferenzierenden Zeitmustern in den Betrieben und den zeitlichen Anforderungen der sozialen Netzwerke, muss immer wieder aufs Neue politisch erstritten und gestaltet werden.
