Difu-Berichte 2/2001 - Online-Shopping und Stadtentwicklung


Online Shopping und Stadtentwicklung

 

Difu-Symposion: "Die Stadt als Wissensgesellschaft"

Anlässlich des 60. Geburtstages von Institutsleiter Prof. Dr. Heinrich Mäding am 25. September 2001 veranstaltet das Difu ein Symposion unter dem Titel "Die Stadt als Wissensgesellschaft" im Berliner Ernst-Reuter-Haus.

Interessenten können sich für die Veranstaltung bei Frau Schulz (Sekretariat Dr. Löhr) anmelden.
Telefon: 030/39001-218

Dr. Rolf-Peter Löhr
Telefon: 030/39001-220
E-Mail:
loehr@difu.de

    

Der folgende Beitrag erschien unter dem Titel "E-Commerce und städtischer Handel - Chancen und Risiken" unter dem Namen Rolf Pangels im BAG Handelsmagazin, Heft 1-2/2001.

Er setzt sich ausschließlich und wortwörtlich aus Ausschnitten zusammen, die einer Projektskizze des Difu vom Juli 2000 entnommen sind. Lediglich einzelne Zwischenüberschriften wurden von dem Magazin hinzugefügt. Inzwischen ist im aktuellen BAG Handelsmagazin eine Richtigstellung der Urheberschaft erschienen. Wir drucken den Beitrag an dieser Stelle auch im Interesse der 21 Städte, die inzwischen an dem Projekt "Online-Shopping und -Dienstleistungen - Kommunale Handlungsspielräume" mitwirken unter der richtigen Urheberschaft nochmals ab.

Mit der raschen technologischen Entwicklung und dem Preisverfall von Computersystemen, der Verbreitung der Anschlüsse und der zunehmenden Nutzung des Internets wächst auch die Bedeutung dieses Mediums für den Handel mit Waren und Dienstleistungen. Die Einschätzungen zum zukünftigen Stellenwert des Online- Shopping und von Online-Dienstleistungen sind derzeit noch sehr unterschiedlich. Viele Anzeichen sprechen jedoch für eine starke Bedeutungszunahme; dies wird unzweifelhaft mit Auswirkungen auf die Stadt- und insbesondere Zentrenentwicklung verbunden sein.

Auswirkungen auf die Zentrenstruktur

Derzeit spricht nur wenig für einen signifikanten Zuwachs des einzelhandelsrelevanten Ausgabevolumens durch Online-Shopping und Online-Dienstleistungen, d.h. es wird zu Umsatzumverteilungseffekten in der Einzelhandelslandschaft und im Dienstleistungssektor kommen. Da sich diese auf einzelne Branchen und Typen von Einzelhandels- und Dienstleistungsstandorten konzentrieren werden, kann daraus mittel- bis langfristig für einzelne Standortbereiche durchaus eine erhebliche Gefährdung resultieren.

Dies wird vor allem Standorte betreffen, die vorwiegend dem Versorgungseinkauf dienen und ein vergleichsweise ubiquitäres Angebot vorhalten, d.h., dass neben großflächigen SB-Warenhäusern und Fachmärkten (insbesondere an peripheren Standorten) vor allem Stadtteilzentren die Verlierer der Entwicklung sein werden.

Auch "schwache" Innenstädte kleinerer Städte, die bereits erheblich mit dem bisherigen Strukturwandel im Einzelhandel und im Dienstleistungsbereich zu kämpfen haben, werden vermutlich betroffen sein: Mit dem Rückzug einzelner Branchen und den damit verbundenen Defiziten im Branchenmix könnten diese in der Konkurrenz der Standorte an Wettbewerbsfähigkeit weiter verlieren. Unter Umständen können derartige Funktionsverluste auch andere funktionale Elemente der betroffenen Standortgemeinschaften beeinträchtigen (Freizeiteinrichtungen, Gastronomie etc.). Gegebenenfalls wird diese Entwicklung den Verlust von Identifikations- und Kommunikationsräumen und Urbanität nach sich ziehen und damit auch soziale und kulturelle Folgen haben.

Dem zu erwartenden Rückzug der Banken und Versicherungsfilialen, Reisebüros oder der - im Vergleich dazu deutlich weniger stadtbildprägenden - Beratungsdienstleistungen (Rechtsberatung etc.) ist aufgrund ihrer tendenziell untergeordneten Bedeutung als Frequenzerzeuger eine vergleichsweise geringe zentrentragende Rolle beizumessen.

Die Folgen der in diesen Bereichen zu erwartenden Freiziehung von Flächen in Erd- und ersten Obergeschossen sind im Vergleich zu anderen Nutzungen daher - stadträumlich wie funktional betrachtet - insgesamt weniger evident. Im Einzelfall können aus einer solchen Entwicklung sogar Chancen zur Schaffung einer größeren Erlebnisvielfalt und einem höheren Aufforderungscharakter zentraler Lagen, insbesondere von 1a- und hochwertigen 1b-Lagen erwachsen; so kann dies zu einer Senkung von Ladenmieten und zur Schlie- ßung von Lauflagen und Schaufensterfronten mit visuell präsenteren, zentrentragenden Angebotsformen beitragen.

Gleichwohl ist generell mit dem Rückzug von Einzelhandels- und Dienstleistungsfunktionen aus den Zentren die Frage verbunden, welche zusätzlichen Funktionen an ihrer statt die Ausstrahlungskraft und Zentralität gewährleisten könnten, die mit der Idee und dem Modell der europäischen Stadt verknüpft werden. Diese Frage stellt sich nicht erst im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Online-Handels, sondern wird bereits seit einigen Jahren im Rahmen des Strukturwandels im Einzelhandel intensiv diskutiert; die Entwicklung des Online-Handels wird jedoch zu einer Verschärfung dieser Problemstellung beitragen.

Gewinner und Verlierer

Shopping-Center und prosperierende Innenstädte, die vorwiegend auf den Erlebniseinkauf orientiert sind, werden von den negativen Auswirkungen weit weniger berührt werden. Hier ergibt sich eine gute Chance zur Einbindung von Multimedia in die Handelsstruktur, z.B. durch die Einrichtung von virtuellen lokalen Marktplätzen auf der einen Seite und die Einrichtung von (realen) Shops, in denen Waren und Dienstleistungen bestellt oder vor dem Kauf genauer geprüft werden können, auf der anderen Seite.

Die Auswirkungen auf die wohnungsnahe Grundversorgung werden kontrovers diskutiert, bislang jedoch als tendenziell wenig relevant eingestuft. Der Befürchtung, dass sich das Versorgungsnetz durch Online- Shopping weiter ausdünnen wird, widersprechen Stimmen, die auch langfristig den Verkauf von Lebensmitteln über das Internet logistisch für nur schwer realisierbar und unrentabel halten.

Chancen für eine zukunftsträchtige Stadtentwicklung

Zudem zeigen erste Beispiele, dass etwa durch die Aufstellung eines PCs und dessen Verknüpfung mit Verbrauchermärkten an benachbarten Standorten eine Chance zur Rückgewinnung einer hohen Nahversorgungsqualität im ländlichen Raum oder in dünn besiedelten Stadtrandbereichen besteht.

Insgesamt sind also eine Reihe von Auswirkungen auf die Stadtentwicklung zu erwarten, die sicherlich auch bestehende Strukturen bedrohen. Abgesehen davon, dass man ohnehin nicht umhinkommt, sich den Entwicklungen zu stellen, liegen in jedem Strukturwandel Chancen. So können die angerissenen potenziellen Folgen von Online-Shopping und Online- Dienstleistungen zu einer qualitativen Verbesserung des Einzelhandels- und Dienstleistungsangebots in den Städten beitragen, insbesondere die stadträumliche Verortung des Angebots zu Gunsten integrierter Standorte beeinflussen und den Branchen- und Betriebsformenmix in den Zentren wieder interessanter machen.

Dies kann z.B. über neue Kooperationen von Dienstleistungen, Einzelhandel und Gastronomie in themenorientierten oder zielgruppenorientierten Shops und Showrooms, in denen über das Web branchenübergreifend bestellte Waren angesehen werden, aber auch eine Fülle von Sortimenten, Serviceleistungen und Dienstleistungen online verglichen und bestellt werden können, geschehen.

In Stadtteil- und Ortsteilzentren könnten Läden mit "Besorgerfunktion" entstehen, die einerseits die Versorgungsfunktion der Zentren erfüllen bzw. wiederherstellen, andererseits Ort der Kommunikation, des gemeinsamen Online-Einkaufs und Kaffeetrinkens sind. Die Innenstädte könnten durch diese Umstrukturierungsprozesse, insbesondere auch durch eine höhere Dichte und Qualität von Handels- und Dienstleistungsfunktionen in klar ablesbaren Zentrenbereichen - gegebenenfalls verbunden mit einem partiellen Rückzug von solchen Funktionen in Zentrenrandbereichen - an Erlebnisqualität gewinnen, wobei zu fragen ist, welche neuen Qualitäten die des Shoppings ersetzen sollen.

Mit "Glokalisierung" gegen Identitätsverlust

Deutlich wird, dass es sich als sinnvoll erweisen kann, rechtzeitig lokale bzw. regionale Strategien zu entwickeln und die Herausforderungen, die im Online-Shopping liegen, anzunehmen. Dabei muss es in erster Linie um die Verzahnung traditionellen und virtuellen Handels gehen.

Als eine Handlungsoption wird zur Zeit die Einrichtung bzw. der Betrieb von lokalen und regionalen virtuellen Marktplätzen bzw. Online-Shopping-Plattformen diskutiert, in denen sich der stationäre Handel gemeinsam präsentiert. Erfolgschancen regionaler Marktplätze im Netz lassen sich dabei aus der im Zeitalter der Globalisierung zunehmenden Bedeutung des Lokalen/ Regionalen ableiten ("Glokalisierung"). Obwohl Online-Shopping zunächst keine Grenzen mehr kennt, kann der Handel die Möglichkeiten der Kopplung von virtuellem und materiellem Einkauf und die "Wiederentdeckung des Örtlichen" nutzen. Durch den räumlichen Bezug bzw. die räumliche Nähe zwischen Betrieb und Kunde können vor allem die Aspekte Vertrautheit und Vertrauen angesprochen, teilweise auch Zeitersparnisse erzielt werden. Kontrovers diskutiert wird allerdings, ob diese Aspekte nicht nur in der Übergangsphase der Änderung tradierter Einkaufsgewohnheiten greifen. Zudem lassen sich Synergieeffekte durch die Verknüpfung mit Stadtmarketing und -präsentation, Unternehmensnetzwerken, digitalen Kommunikationsforen oder virtuellen Rathäusern erzielen.

Eine weitere entscheidende Frage für die Stadtentwicklung ist die mögliche Neuorientierung der Zentrenkonzeption (sofern eine solche überhaupt schon vorliegt). Es ist zu prüfen, wieweit Modifikationen notwendig sind, und wieweit bei einem möglichen Funktionswandel in den Innenstädten mit dem Rückzug bestimmter Branchen und Dienstleister, dem Freiwerden von Flächen und Räumen, Aufenthalts- und Erlebnisqualitäten neu oder verändert geschaffen werden können.

Überprüfung der Zentrenkonzeption

Ein wichtiger Aspekt ist auch die Chance der "Wiederverräumlichung" durch die neuen Medien. Wie kann man durch ein Abbild der Stadt im Netz (z.B. ein Branchenbuch und Angebote gekoppelt mit einer Kartendarstellung) den Bürger wieder stärker zur Entdeckung seines nahen Wohn- oder Arbeitsumfeldes "verführen"? Es sollten Wege gesucht werden, mit denen den technikinduzierten Tendenzen der Enträumlichung entgegengewirkt werden kann.

Das Internet und Telematik allgemein lassen sich einsetzen, um das soziale Umfeld besser nutzen zu können, um den engeren Raum, in dem man lebt oder arbeitet, auch virtuell zugänglich zu machen und damit Anreize der stärkeren physischen Nutzung zu geben (ob in Kultur, Freizeit oder zum Einkaufen) oder um durch die Intensivierung von Netzwerkbeziehungen die Bindungskraft des Standorts oder Wohnorts zu festigen.

Weitere Informationen:

Dipl.-Geogr. Luise Adrian
Telefon: 030/39001-239
E-Mail:
adrian@difu.de

Dr. Busso Grabow
Telefon: 030/39001-248
E-Mail:
grabow@difu.de

    

Die Dokumentation der ersten Werkstatt, die im April unter dem Titel "Einkaufen mit oder im Netz" in Leipzig stattfand, wird in diesem Heft auf
Seite 10 vorgestellt. Die Dokumentation der zweiten Werkstatt "Ökonomie im (Schlepp-)Netz?", die Ende Juni in Mannheim durchgeführt wurde, folgt im Herbst.