Difu-Berichte 2/2001 - Auf dem Weg in die Nonstop-Gesellschaft


Auf dem Weg in die Nonstop-Gesellschaft?

 
    

In Arbeitswelt und Stadtraum lassen sich gegenwärtig zwei Entwicklungstendenzen feststellen, die eng miteinander korrespondieren: die generelle Flexibilisierung von Arbeit und die Auflösung "kollektiver Rhythmen". Ökonomische Ursachen hierfür sind die Anpassung von Arbeits- und Betriebszeiten an Auftragsschwankungen, die Ausdehnung im Bereich der Betriebs- und Öffnungszeiten sowie die zunehmende internationale Vernetzung von Märkten und Unternehmen. Phänomene sind atypische Arbeitsverhältnisse wie Befristung, Teilzeit, Scheinselbstständigkeit, Schicht- und Nachtarbeit, aber auch die Vernetzung von Zeitzonen in Forschung und Entwicklung ("Zeitzonenschichten" arbeiten kontinuierlich an bestimmten Aufgaben), in der Finanzwirtschaft (Banken, Börsen, Versicherungen) und bei den so genannten "global players", in deren Reich die Sonne niemals untergeht. In der Folge entwickeln sich die "Zeitmuster" der Beschäftigten immer individueller und differenzieren sich innerhalb der Gesellschaft weiter aus, was wiederum den wechselseitigen Druck auf eine weitere zeitliche Entgrenzung in Handel, im Dienstleistungsbereich und in anderen Sektoren erhöht. Diese Verursachungsspirale übt zunehmenden Druck auf kollektive Rhythmen wie den Wechsel von Arbeitstag und Feierabend, von Arbeitswoche und Wochenende aus.

In der modernen Gesellschaft ist der zyklische Verlauf städtischer Aktivitäten (Wechsel von Tag und Nacht beziehungsweise Tätigkeit und Ruhe) durch eine Linearität unaufhörlicher Aktivitäten verwandelt worden. Die Nacht wird im Wortsinne zum Tage gemacht - allerdings nicht überall in der Stadt, sondern nur an bestimmten Orten. Das Geflecht von Interaktionen - ob bei Tag oder bei Nacht - wird dichter, Uhren und Kalender bilden den Kompass zur Orientierung in der kontinuierlich aktiven Gesellschaft. Die Stadt als Nonstop-Gesellschaft, "die Stadt, die niemals schläft", ist eine Erscheinung und ein Mythos des 20. Jahrhunderts. Wir denken an London, Paris oder Berlin in den 20er Jahren - und natürlich an New York, die Stadt der Städte: Inbegriff moderner Rastlosigkeit. Und gerade die amerikanischen Städte sind auf Grund der geringen arbeitsrechtlichen Regulierungsdichte und der liberalisierten Ladenschlusszeiten Vorreiter der zeitlichen Entgrenzung. Aus europäischer Perspektive stellt sich also die Frage: Wie amerikanisch werden unsere Städte im Zeitalter der verkehrs- und informationstechnisch vernetzten "Weltgesellschaft"? Und handelt es sich hier um ein Großstadtphänomen - oder sind die großen Städte nur die Impulsgeber einer Veränderung, die via Fernsehen oder Internet bis ins letzte Dorf zu spüren ist?

Zu diesem Thema hat das Difu soeben eine Untersuchung abgeschlossen, die den Tendenzen kontinuierlicher Aktivität in Berlin, Frankfurt/Main und Wien nachgespürt hat. Die Ergebnisse sollen in Zu-sammenarbeit mit externen Experten allen Interessierten auf einer Tagung vorgestellt werden, die am 8. und 9. November 2001 im Berliner Ernst-Reuter-Haus stattfindet.

Weitere Informationen:

Dr. Matthias Eberling
Telefon: 030/39001-104
E-Mail:
eberling@difu.de

Prof. Dr. Dietrich Henckel
Telefon: 030/39001-292
E-Mail:
henckel@difu.de

    

Im Rahmen der Veranstaltung sollen die Wirkungszusammenhänge der Entwicklung zur Nonstop-Gesellschaft sowie deren Chancen und Risiken analysiert werden. Dabei geht es um soziale, räumliche und ökologische Folgen, aber auch um möglicherweise steigende individuelle Möglichkeiten einer Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses sowie kollektiver Rhythmen. Zudem werden Handlungschancen aufgezeigt, die zu einer gesellschaftlich angemessenen, sozial gerechteren Gestaltung von Zeitstrukturen beitragen können.