Difu-Berichte 2/1998 - Kommunale Wärmepässe

       

Dokumentation zum kommunalen Erfahrungsaustauschs in Frankfurt am Main


Weitere Informationen:

Dr.-Ing. Annett Fischer
Tel: 030/39001-110


In vielen bundesdeutschen Städten wird dem Klimaschutz trotz knapper Kassen eine hohe Bedeutung beigemessen. Neben dem Bereich der städtischen Gebäude wird insbesondere der Sektor der Wohnungsbauten als wichtiges Aufgabenfeld definiert, denn langfristig lassen sich hier erhebliche CO
2-Minderungspotentiale erschließen. Altbauten stehen hierbei im Vordergrund, denn über drei Viertel des Gebäudebestands wurden vor 1978 errichtet und unterlagen damit keinerlei Wärmeschutzstandards. Die spezifischen Jahresenergieverbrauchskennwerte sind bei Gebäuden diesen Alters häufig dreimal höher als bei Gebäuden, die nach den Anforderungen der Wärmeschutzverordnung von 1995 errichtet wurden. Bei Umsetzung der wirtschaftlichen Energiesparmaßnahmen ließe sich der Energieverbrauch um bis zu 60 Prozent senken und damit klimaschädliche Emissionen vermeiden, die durch Raumheizung oder Warmwasserbereitung entstehen.

Zur Motivation von Energiesparmaßnahmen im Wohngebäudebestand wenden einige Städte und Stadtwerke inzwischen umfassende Strategien an, die möglichst viele Akteure des Baubereichs an einem Tisch versammeln. Eine wichtige Grundlage für die Zusammenarbeit besteht in der Einführung und stadtweiten Anwendung von Wärmepässen. Mit diesem Instrument können die Gebäudeeigentümer im Sanierungsfall auf wirtschaftliche Energiesparmaßnahmen hingewiesen werden. Ein akteursübergreifendes Angebot des Wärmepasses durch Schornsteinfeger, Handwerker, Architekten, Banken sowie Energie-, Verbraucher- und Umweltberatungen eröffnet die Chance, die Kundenansprache nah bei der Kauf- bzw. Investionsentscheidung der Gebäudeeigentümer anzusiedeln. "Verpaßte Chancen" - z.B. Hauseigentümer erneuern Fassaden ohne Wärmeschutzmaßnahmen zu ergreifen - sollten damit der Vergangenheit angehören.

Eingebunden in eine unabhängige und gewerbeübergreifende Beratung liefert der Wärmepaß eine einheitliche Bewertungsbasis. Der Wärmepaß läßt den Gebäudeeigentümer oder Hauskäufer den Energieverbrauch eines Gebäudes schnell und nachvollziehbar erkennen. Er regt die Gebäudeeigentümer durch klare Empfehlungen zur Durchführung von Dämmaßnahmen an und bietet den Handwerkern sowie Beratern wichtige Entscheidungskriterien.

Quelle: Infoblatt "Hamburger Wärmepaß"

Das Konzept des Wärmepasses wurde mit unterschiedlichen Ansätzen und Erfolgen in mehreren bundesdeutschen Kommunen umgesetzt. Fünf dieser Städte, Frankfurt am Main Hamburg, Heidelberg, Münster und Tübingen, stellten ihr Know-how beim Seminar "Wärmepässe in der Praxis" im September 1997 im Frankfurter Römer im Rahmen des kommunalen Erfahrungsaustausches vor. Die gemeinsam vom Energiereferat der Stadt Frankfurt am Main, dem ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung, Heidelberg, und dem Deutschen Institut für Urbanistik, Berlin, durchgeführte Veranstaltung bot rund 80 kommunalen Vertreterinnen und Vertreter aus allen Teilen Deutschlands ein Forum, über Strategien, Vorgehensweisen und Erfahrungen bei der Einführung des Wärmepasses zu diskutieren.

Insbesondere bezüglich der Maßnahmenvorschläge und Zielkennwerte unterscheiden sich die Wärmepässe erheblich:

  • Der Frankfurter Energiepaß war anfangs als Paß für Neubauten (als umweltpolitisches Instrument im Rahmen der Wohnungsbauförderung) konzipiert. Daher sind hier auch keine Sanierungsmaßnahmen vorgesehen. Die Zielwerte ergeben sich aus den jeweiligen Förderrichtlinien. Inzwischen werden auch bestehende Gebäude damit berechnet.
     
  • In Heidelberg werden die Auswirkungen von Dämmaßnahmen quantitativ (Energie, Kosten und CO
    2) bewertet. Weitere Maßnahmen (z.B. Heizung/Solaranlage) können im Wärmepaß vorgeschlagen werden. Im Heidelberger Wärmepaß wird für die Berechnung der Einsparpotentiale der tatsächliche Raumwärmeverbrauch zugrundegelegt. Der Zielwert wird für das konkrete Gebäude (nutzerunabhängig) berechnet und als Note dargestellt.
     
  • Im Wärmepaß Münster werden die Maßnahmen aus dem vorgeschalteten Beratungsbericht nochmalig genannt. Eine quantitative Einordnung erfolgt hier nicht mehr. Der Zielwert wird einer zugrundeliegenden Gebäudetypologie entnommen.
     
  • Für den Tübinger Wärmepaß werden in einer Erstberatung Maßnahmenvorschläge einschließlich Energie- und Kosteneinsparung, Wirtschaftlichkeitsberechnung und CO
    2-Minderung dargestellt. Die Maßnahmen bauen auf dem errechneten Heizenergiebedarf auf. Der Zielwert wird für dieses Gebäude (mit Standardnutzung) dargestellt. In den eigentlichen Wärmepässen werden die durchgeführten Maßnahmen und der Heizenergie- bzw. CO
    2-Kennwert dargestellt und bewertet. Um die Pässe ausgestellt zu bekommen, sind durchgeführte Maßnahmen mit den geforderten k-Werten nachzuweisen.
     

Je nach den kommunalen Zielsetzungen kann ein Wärmepaß in unterschiedlichen Beratungsebenen eingesetzt werden:

Stufe 1
Einstieg, z.B. Energieverbrauchsinfo:

In der ersten Stufe wird der Verbraucher in das Thema eingeführt. Er rechnet z. B. seinen Heizenergieverbrauch und seinen Kennwert aus und bekommt dann Hinweise, ob er weitere Schritte einleiten soll.

Stufe 2
Allgemeine Beratung:

Hier erfährt der Verbraucher wichtige Grundlagen zur Energieeinsparung und lernt Maßnahmen einzuordnen. Diese Beratung kann z. B. mit Gebäudetypologien unterstützt werden. Eine Computerunterstützung wäre hier in vielen Fällen sinnvoll.

Stufe 3
Gebäudespezifische Beratung:

Anhand standardisierter Fragebögen werden Maßnahmenvorschläge für das Gebäude gemacht. Die Größenordnung der Effekte ist abschätzbar.

Stufe 4
Vor-Ort-Beratung:

Vor Ort werden die gebäudespezifischen Daten aufgenommen. Die Maßnahmen können detailliert berechnet werden.

Die sich auf der Veranstaltung präsentierenden Städte zeigten deutlich, wie unterschiedlich die Herangehensweise und Ausführung der Wärmepaßkonzeptionen ist. Eine Bewertung ist deshalb "ußerst schwierig. In vielen Fällen wird erst die Praxis zeigen, wie umsetzungsorientiert die Modelle sind. Auf der Grundlage der präsentierten kommunalen Erfahrungen konnten jedoch zentrale Faktoren für zukünftige Wärmepaß-Strategien herausgearbeitet werden. Die Referentinnen und Referenten gaben unter anderem eine Reihe von Anregungen und Empfehlungen für zukünftige Einführungsstrategien bei kommunalen Wärmepässen, die ausführlich in der Dokumentation beschrieben sind.

Auf der Grundlage der bisher in den Kommunen vorliegenden Erfahrungen lassen sich unter anderem folgende zentrale Erfolgsbedingungen formulieren:

  • der Wärmepaß muß als einfach strukturiertes und damit nachvollziehbares, breitenwirksames Instrument konzipiert sein;
     
  • die umfassende Kooperation mit Schlüsselakteuren (Handwerk, Baugewerbe, Planer, Kreditwirtschaft) muß Kern der Strategie sein, um Synergien erzielen zu können;
     
  • eine zielgruppenorientierte Marketing-Strategie muß entwickelt werden, damit der Wärmepaß beim Verbraucher "ankommt";
     
  • eine Verknüpfung mit finanziellen - erfahrungsgemäß den wirksamsten - Anreizen muß angestrebt werden ( z. B. Kreditprogramme der Banken).  

Weitere Verweise auf diesen Beitrag: 
Publikation - Kommunale Wärmepässe