Difu-Berichte 2/1997 - Konzepte für eine verkehrssparende Stadtentwicklung

    
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Dr.-Ing. Dieter Apel

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Dipl.-Ing. Michael Lehmbrock

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Problemlage
Siedlungsflächen- und Verkehrsentwicklung sind zwei Bereiche, die eng miteinander verbunden sind und wegen der erheblichen Auswirkungen auf natürliche Ressourcen (Fläche, Boden, Energie) und Umweltbelastungen (Luft, Schadstoffe, Lärm, Barrieren, Gefahren) für die Zukunftsfähigkeit der Städte und Regionen zentrale Bedeutung haben.

Die anhaltende Ausdehnung der Siedlungsflächen ist nicht nur auf steigende spezifische Flächenansprüche fast aller städtischen Nutzungsarten zurückzuführen. Der motorisierte Individualverkehr hat einen immensen Flächenbedarf und ist wesentlicher Motor der Ausdehnung der Städte ins Umland. Dieser Prozeß der dispersen Suburbanisierung des Stadtumlands erzeugt wiederum zunehmenden Verkehrsbedarf und steigende Abhängigkeit vom privaten Automobil. Diese Siedlungsflächen- und Verkehrswachstumsspirale dreht sich in besonders dramatischer Weise weiter in den neuen Bundesländern mit allen negativen Auswirkungen wie Landschaftsverbrauch, erhöhter Energieumsatz und anhaltenden Emissionen.

Damit wird deutlich, daß eine Problemlösung nicht allein in einer verträglicheren Abwicklung des Verkehrs und in der Verlagerung auf umweltschonende Verkehrsmittel gefunden werden kann, sondern daß Verringerung des Verkehrsaufwands durch Raumplanung notwendig ist. Die allgemein akzeptierte Standardformel zur umwelt- und stadtverträglichen Bewältigung und Gestaltung des Verkehrs lautet daher: Verkehr vermeiden, Verkehr verlagern, Verkehr umweltverträglich gestalten. Dabei soll die Reihenfolge bewußt die Prioritäten verdeutlichen. In der Praxis wird Verkehrsvermeidung aber erst in Ansätzen umgesetzt.

Fragestellungen und Methoden
Im Auftrag des Umweltbundesamtes führte das Difu die Untersuchung "Fallstudien zur Bewertung verkehrsreduzierender Stadtentwicklungskonzepte unter Umweltaspekten" durch. Die wichtigsten Fragen, die mit der Untersuchung beantwortet werden sollten, lauteten: Wie sieht eine verkehrsreduzierende Siedlungsstruktur aus? Welche Elemente oder Merkmale kennzeichnen ein räumliches Entwicklungskonzept, das Verkehrserfordernisse und verkehrsbedingte Umweltbelastungen reduziert? Gibt es in Europa Beispiele für verkehrsreduzierende städtische Strukturen und welche Erkenntnisse lassen sich daraus ableiten?

Entsprechend der Komplexität des Themas wurde das methodische Vorgehen vielschichtig angelegt: Es wurden Fallstudien, Städtevergleiche mit Stadtstrukturund Verkehrsdaten, eine Städtebefragung und modellhafte Berechnungen durchgeführt.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen (entsprechend der Aufgabenstellung) Fallstudien von Städten bzw. Stadtregionen unterschiedlicher Größenordnung und Struktur, aber mit vermuteten überdurchschnittlichen Ansätzen zur Verkehrsvermeidung durch Raumplanung. Es wurden sechs europäische und eine nordamerikanische Stadt ausgewählt.

Im zweiten Teil des Berichts werden räumliche Konzepte für Stadtregionen anhand von Modellen oder Szenarien vergleichend untersucht.

Drittens wird Stadtteilplanung unter dem Gesichtspunkt "Reduzierung von Motorisierung und Autoverkehr" behandelt. Dazu wurden auch deutsche Gemeinden mit mehr als 50 000 Einwohnern nach städtebaulichen Vorhaben befragt, die geeignet erscheinen, zur Autoverkehrsvermeidung beizutragen.

Viertens wurde am Beispiel eines Modellquartiers das städtebauliche Potential von Funktionsmischung und eine insgesamt autoverkehrssparsame Bau- und Straßenstruktur dargestellt.

Fünftens wurden Empfehlungen für räumliche Konzepte, bezogen auf die Stadtregion, die Kernstädte und die Stadtteile am Beispiel einer mittleren Großstadt, entwickelt.

Im abschließenden Teil werden Steuerungs- und Lenkungsinstrumente der Siedlungs- und Verkehrsentwicklung, insbesondere die aus kommunaler Sicht übergeordneten rahmensetzenden Regelungen wie Gesetze, Normen, finanzielle Förderungen etc., behandelt.

Zentrale Ergebnisse
Die "Fallstudien verkehrsreduzierender Stadtentwicklungskonzepte" zeigen, daß in den ausgewählten Städten das Thema Verkehrsvermeidung durch bessere Stadtstruktur- und Raumplanung seit den 80er Jahren zunehmend behandelt und auch zum Teil umgesetzt wird. Wesentliche räumliche Elemente, die Voraussetzungen zur Vermeidung von Autoverkehr schaffen, sind dabei folgende:

   Schutz von Stadtquartieren mit hohen historischurbanen Qualitäten (angemessene Dichte und Nutzungsmischung, Straßenräume mit Aufenthaltsqualität, begrenzter Autoverkehr etc.) vor Veränderungsdruck,
 
   Verbesserung der Nutzungsordnungen: insbesondere das Übergewicht von Arbeitsstätten in der Innenstadt durch mehr Wohnungen in der Innenstadt und ihren Randgebieten bzw. generell in der Kernstadt zu verringern,
 
   Anstrebung höherer Bau- und Nutzungsdichte bei besserer Städtebauund Freiraumqualität generell,
 
   Konzentration der Siedlungstätigkeit auf Standorte in der Stadt und auf das ÖPNV-Netz,
 
   Reduzierung des Autoverkehrs und des Bestands an Fahrzeugen, Kfz-Verkehrsberuhigung sowie Vorrang für Geh-, Rad- und öffentlichen Nahverkehr,
 
   Freihalten der die Stadt umgebenden Landschaft,
 
   Konzentration der Siedlungsentwicklung in der Region auf Orte und Städte mit ausreichender Basis für Versorgungseinrichtungen und ÖPNV-Erreichbarkeit.
 

Viele dieser verkehrsreduzierenden Elemente werden in den Fallstudienstädten in Ansätzen realisiert. In fast allen Fällen sind noch ältere Stadtteile erhalten, die durch solche nichtautoorientierten Strukturen noch stark geprägt sind. Die Analysen und Städtevergleiche zeigen, daß positive ökologische und verkehrliche Effekte, die durch ältere Stadtteile und neue Ansätze autoverkehrssparender Strukturen tatsächlich begünstigt werden, festgestellt werden können. In einigen der Fallstudienstädte läßt sich belegen: weniger Siedlungsflächeninanspruchnahme pro Einwohner, geringerer Motorisierungsgrad, weniger Autofahrten und weniger Pkw-Kilometer je Einwohner im Vergleich mit deutschen Städten ähnlicher Größe und Sozialstruktur. Vergleiche der Stadtregionen (und nicht nur der Kernstädte) sind wegen der ärmeren Datenlage weniger aussagekräftig, deuten aber in dieselbe Richtung.

Empfehlungen für die Gestaltung der Siedlungsstruktur
Das empfohlene Leitbild für die Entwicklung der Siedlungsstruktur kann überschrieben werden mit "Kompakte Städte und geschützte Landschaft". Es bezieht sich auf eine mittlere Großstadtregion und umfaßt folgende Elemente:

   Wichtigste Strategie ist die strikte Minimierung weiterer Suburbanisierung. Die Entwicklung sollte generell auf die Innenentwicklung gelenkt werden, insbesondere auf die des Oberzentrums und der regionalen Mittelzentren.
 
   Wegen des Arbeitsplatzüberschusses der Kernstadt gegenüber dem Stadtumland sollte Wohnungsbau auf die Kernstadt konzentriert werden, inbesondere, soweit möglich, auf das innere Stadtgebiet durch Umstrukturierung und Nachverdichtung.
 
   Für Arbeitsstätten, insbesondere für zusätzliche Büroflächen, kommen analog der ABC-Standortplanung vorrangig Flächen an bestehenden oder zu entwickelnden Knotenpunkten des ÖPNV im äußeren Stadtgebiet und am Stadtrand in Frage. Das fördert eine räumlich nähere Zuordnung von Wohnen und Arbeiten (Erreichbarkeit per Rad) und gewährleistet hohe ÖPNV-Erreichbarkeit aus Kernstadt und Region.
 
   Nachverdichtung und Nachmischung der Stadtrandgebiete mit Wohnungen und Arbeitsstätten erzeugt das Potential für eine bessere Ausstattung mit Versorgungseinrichtungen aller Art. Sie können eine gewisse Eigenständigkeit und Ortsorientierung von Stadtteilen oder Randgemeinden stärken oder entwickeln und zusätzlich zu positiven Rückwirkungen auf den Verkehr (mehr Wege zu Fuß oder per Rad möglich) führen.
   In der Stadtregion außerhalb der Kernstadt sollte die bauliche Entwicklung ebenfalls auf die Innenentwicklung konzentriert werden, insbesondere auf Binnenentwicklung der Regionalen Mittelzentren sowie generell auf die Bahnhofsgebiete der S-Bahn (300 bis 500 m Radius). Die strikte Minimierung weiterer Inanspruchnahme von Landschaftsfläche in kleineren Gemeinden bzw. generell außerhalb der Bahnhofsgebiete ist der wichtigste Beitrag zu verkehrssparender und nachhaltiger Raumentwicklung.
 
   Bestandteil und Voraussetzung dieses Leitbilds ist die generelle "Urbanisierung" und "Ökologisierung" der Stadt, um größere bauliche Dichte als Qualität gestalten und erleben zu können. Dazu gehört das Erhalten und städtebauliche Reparieren von Straßenräumen, die noch Merkmale von "Urbanität" aufweisen, sowie prinzipielle Verkehrsberuhigung und Reduzierung des Pkw-Bestands.
 

Reform von Rahmenbedingungen notwendig
Neben einer besseren und wirkungsvolleren Regionalplanung müssen auch übergeordnete (staatliche) Rahmenbedingungen so gestaltet werden, daß sie einer nachhaltigen Siedlungs- und Verkehrsentwicklung nicht mehr entgegenwirken, sondern diese fördern. Dazu gehören:

   Bodenflächennutzung auch marktwirtschaftlich besser steuern,
 
   Verkehrswege-Investitionspolitik ändern,
 
   Kfz-Verkehr auch marktwirtschaftlich besser steuern,
 
   Kfz-Verkehr umwelt- und stadtverträglicher gestalten,
 
   Stadtregionen mit politischen und planerischen Kompetenzen schaffen,
 
   Wohnungs-, Wirtschafts- und Strukturpolitik auch an raumplanerischen und städtebaulichen Kriterien ausrichten,
 
   Verstärkung des Städtebauförderungsprogramms zur Unterstützung von Maßnahmen der Innenentwicklung und
 
   Abbau steuerlicher Vergünstigungen von Autobesitz und Autonutzung.

Im Untersuchungsbericht werden diese Punkte detailliert erörtert und Reformvorschläge entwickelt. Die Ergebnisse der Untersuchung werden in der Reihe "Difu-Beiträge zur Stadtforschung" im Sommer 1997 veröffentlicht.