Difu-Berichte 1/2006 - Zukunft von Stadt und Region: Forschungsergebnisse des Projekts Stadt 2030 erschienen
Das Thema Zukunft ist von aktueller Relevanz für Stadtentwicklung, Stadtforschung und Stadtgesellschaft. In den Feuilletons großer Zeitungen, in Fachkreisen, in Politik und Wissenschaft wird intensiv diskutiert, vor welchen Herausforderungen die Gesellschaft in der Zukunft stehen wird, und darüber nachgedacht und geforscht, was wir über die Zukunft wissen und wo Unsicherheiten und Wissenslücken bestehen. Die Fokussierung auf das Thema Zukunft ist eng verknüpft mit der Steigerung von Komplexität in der globalisierten Welt, mit schnellem Wandel und hierdurch verstärktem Steuerungs- sowie Wissensbedarf. Eine besondere Rolle kommt dabei den Städten zu, denn vor allem dort vollzieht sich ganz konkret ein tief greifender gesellschaftlicher und technologischer Wandel. In den Städten offenbaren sich diese Auswirkungen des Wandels am deutlichsten. Ein qualitativ neuer Handlungs- und Veränderungsdruck entsteht, wenn Bevölkerungsverlust, Alterung der Gesellschaft und wirtschaftlicher Strukturbruch zusammentreffen. Hier sind bereits heute die Konsequenzen zu ahnen, die sich aus demographischem Wandel, technologischer Entwicklung, Internationalisierung, wachsender lokaler Verflechtung und Städtekonkurrenz ergeben.
Diese Veränderungen erfordern neue Antworten auf grundlegende Fragen, die beispielsweise die Stadtorganisation und deren politische Legitimation sowie Identität und Integrationsleistung von Städten betreffen. Gefordert sind neue Lösungsideen, die eine dauerhafte Balance zwischen kurzfristig zu bewältigenden Tagesanforderungen und der notwendigen Beachtung langfristiger Entwicklungen gestatten.
Mit dem Forschungsverbund "Stadt 2030" wurde im Jahr 2000 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine Forschungsinitiative ins Leben gerufen, die darauf zielt, Stadtforschung und Stadtpolitik über unmittelbare Tagesprobleme hinaus zur Entwicklung langfristiger Perspektiven und Problemlösungen anzuregen. Gefördert wurden 21 Projekte, an denen 33 Städte beteiligt waren, wissenschaftlich begleitet vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu).
Mit der Publikationsreihe "Zukunft von Stadt und Region" werden die Ergebnisse der Projekte und der Begleitforschung des Difu vorgelegt. Hierbei folgen die Bände I bis III den thematischen Schwerpunkten des Forschungsverbundes "Integration" (Band I), "Regionalisierung" (Band II) und "Identität" (Band III). Ein zusätzlicher Band "Lokale Demokratie" (Band IV) wurde ergänzt, da eine Reihe von Projekten neben ihrer Grundthematik auch Vorstellungen und Konzepte zur Zukunft lokaler Demokratie entwickelt hatte. Die Bände I, III und IV werden im Folgenden vorgestellt (die Bände I und II sind bereits erschienen; die Bände III und IV erscheinen im ersten Quartal 2006). Die Ergebnisse des Bandes II wurden bereits im Heft 4/2005 zusammengefasst ( Difu-Berichte 4/2005).
Zukunft von Stadt und Region (Band I): Integration und Ausgrenzung in der Stadtgesellschaft
Etwa ein Drittel der beteiligten Projekte war dem thematischen Schwerpunkt Integration zuzuordnen, da diese mit ihren Zukunftskonzepten und Leitbildern eine Antwort auf künftig wachsende Integrationsprobleme der modernen Stadt und Stadtgesellschaft suchen. Angesichts zunehmender sozialer Ungleichheiten und einer wachsenden Heterogenität der Stadtgesellschaft zeichnet hierbei die Mehrheit der Projekte das Bild einer segregierten, zuweilen unsozialen, unsolidarischen und ungerechten Stadt.
Gemeinsam ist allen Beiträgen, dass sie die Frage zu beantworten suchen, auf welcher Ebene Kommunen ansetzen müssen, um ihre Integrationsleistung und -kraft bestmöglich zu entfalten. Wege und Möglichkeiten, Visionen und Konzepte werden ausgelotet, das verfassungsrechtlich verankerte Gut der "gleichwertigen Lebensverhältnisse" zu gewährleisten. Dabei wird in den Konzepten vor allem darauf gesetzt, benachteiligte Gruppen zu befähigen und zu unterstützen, ihre Rechte zu nutzen. Ein anderer Weg besteht in der Stärkung bürgerschaftlichen Engagements. Dieses soll dazu beitragen, das Solidaritäts- und Integrationsdefizit der Stadt(-gesellschaft) durch den Einsatz sozialen Kapitals - und damit durch die Befähigung, eigene Ressourcen zu mobilisieren - auszugleichen.
In seinem einleitenden Essay "Integration und Urbanität - eine problematisch gewordene Beziehung" erörtert Hartmut Häußermann Integrationsprobleme moderner Gesellschaften. Der Autor macht deutlich, dass in wissenschaftlichen Diskursen und in der Stadtpolitik oft Unterschiedliches gemeint ist, wenn von Integration die Rede ist. Problembeschreibung und Handlungsanforderungen unterscheiden sich grundsätzlich je nachdem, ob es um die Integration bestimmter Gruppen "in die" Gesellschaft - und damit die Reaktion auf ein gruppenbezogenes Integrationsproblem - geht oder um die Integration "der" Gesellschaft als solcher, also den Zusammenhalt und die Stabilität der Gesellschaft.
Im Beitrag "StadtRegion Stuttgart 2030 - Integration in einer segregierten Stadtregion" von Susanne Albrecht und Richard Reschl wird die Herausforderung kommunaler Integrationspolitik in der wirtschaftlich dynamischen Stadtregion Stuttgart diskutiert. Kommunale Integrationspolitik, so das Autorenteam, muss Konzepte entwickeln, die Zuwanderung akzeptieren und unterstützen und partizipative Ansätze enthalten. Dies wird als schwierige Aufgabe charakterisiert, da die mentale Bereitschaft, sich auf der kommunalen Ebene auf eine verstärkte Zuwanderung einzulassen, kritisch eingeschätzt wird.
Für Esslingen untersuchen Dorothee Baumann und andere in ihrem Beitrag "Leitbilder und Konzepte zur Integration von Migranten" die Voraussetzungen und Möglichkeiten partizipativer Leitbildentwicklung in einem benachteiligten Stadtteil. Die Bewohnerschaft des Stadtteils wünscht ein gutes Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer Gruppen und zeichnet das Bild eines ethnisch vielfältigen Stadtteils. Dieses Wunschszenario setzt voraus, dass insbesondere die Zuwanderer sozial und strukturell besser integriert sind, als dies bislang der Fall ist. Damit dies gelingt, so die zentrale Forderung, müsse die Stadt geeignete Rahmenbedingungen schaffen.
Auch der Beitrag aus Saarbrücken von Bernhard Faller und anderen, "Stadtteilentwicklung als Baustein kommunaler Sozialpolitik", verortet das zentrale Integrationsproblem in Stadtteilen, die von der gesamtstädtischen Entwicklung längerfristig abgekoppelt sind. Erforderlich sei, so die Argumentation, eine neue dezentralisierte Sozialpolitik. Deren Ziel: die Sicherstellung gleichwertiger Lebensbedingungen.
Die Beiträge aus und für Stuttgart, Esslingen und Saarbrücken sind Ausdruck der Suche nach neuen Wegen einer Kommunalpolitik, die soziale Teilhabe nicht allein, aber zuallererst über die Qualifizierung der Versorgungsleistungen gewährleisten soll. Der Beitrag für Leipzig nähert sich der Stadt, ähnlich wie jene für Saarbrücken und Esslingen, mit einem genauen Blick auf räumliche Differenzierungen und Unterschiede. Der Schwerpunkt des ersten Teils, verfasst von Ulrich Pfeiffer und Lucas Porsch, richtet sich auf die "Chancen und Risiken der Leipziger Stadtentwicklung" unter den Vorzeichen der demographischen Trends sowie auf die Folgen für Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen. Der zweite Teil des Beitrags, von Marta Doehler-Behzadi ausgearbeitet, widmet sich dem Thema "Die schrumpfende und perforierte Stadt".
In den folgenden Beiträgen aus München, Bremen und Dietzenbach werden Perspektiven der Bürgergesellschaft diskutiert. Angesichts massiver Krisen der modernen Gesellschaft wird - stärker als in den anderen Beiträgen - für eine Förderung und Nutzung zivil- und bürgergesellschaftlicher Ressourcen plädiert.
Für München greifen Detlev Sträter und andere in ihrem Beitrag "Solidarische Bürgergesellschaft München 2030: Urbane Gemeinschaftlichkeit als Alternative zur Ellenbogengesellschaft?" das Problem auf, dass die wirtschaftliche Dynamik Münchens soziale Disparitäten verschärft und den Fortbestand der Stadtgesellschaft als Solidargemeinschaft unterminiert. Dieser Krise soll dadurch begegnet werden, dass Betroffene zu Mit-Akteuren und Mit-Produzenten bei der Schaffung sozialer Güter und Dienste werden. Hierfür muss, so die Schlussfolgerung des Autorenteams, die Kommune Gelegenheiten zum bürgerschaftlichen Engagement eröffnen.
Der Beitrag für Bremen von Ulrich Mückenberger und Günter Warsewa, "Zeitgerechtigkeit als Lebensqualität", sieht für die Hansestadt eine positive Zukunftsperspektive mit Bezug auf bürgerschaftliche Ressourcen. Die Autoren entwickeln mit ihrem Plädoyer für Zeitgerechtigkeit als Bürgerrecht eine neue sozialpolitische Kategorie. Auf stadtgesellschaftlicher Ebene beschreiben sie "Patchwork"- Familien, Nachbarschaften und milieuspezifische Unterstützungsnetzwerke als neue Formen der Gemeinschaftlichkeit, die eine andere Zeitpolitik erfordern, als sie in der individualisierten Gesellschaft angemessen ist.
Der Beitrag für Dietzenbach von Claudia Becker und anderen, "Dietzenbach 2030 - ein neuer Planungsansatz für die Innenentwicklung der Stadt", hebt die räumliche Fragmentierung und soziale Segregation der Stadt Dietzenbach hervor. Die Autoren bezeichnen alle Versuche der baulichen und sozialen Integration Dietzenbachs als ungeeignet, sind sie doch Ansätze, die sich an dem Bild von einem städtischen Ganzen orientieren, das es nicht gibt und auch nicht mehr geben wird. Vor diesem Hintergrund wird ein neuer Planungsansatz für die Innenentwicklung der Stadt konzipiert und experimentell erprobt. Ankerpunkte sind Eigeninitiative und Partizipation der Bewohnerschaft. Im Ergebnis zeigen sich Voraussetzungen und Chancen von bürgerschaftlichem Engagement in einer individualisierten und multiethnischen Gesellschaft.
Im letzten Beitrag diskutiert und kommentiert Bettina Reimann in "Perspektiven der Stadtgesellschaft: Partizipation, Integration und Ausgrenzung" die unterschiedlichen Zugänge und Konzepte der Projekte.
Zukunft von Stadt und Region (Band III): Dimensionen städtischer Identität
Sieben Projekte im Forschungsverbund "Stadt 2030" zählen zum Schwerpunkt "Identität". In diesen Projekten dominierten Fragen und Probleme der Stadtkultur, der jeweiligen Stadttradition, des Selbstverständnisses einer Stadt und ihrer Bevölkerung. Während es anfangs eher überraschte, dass sich eine so große Gruppe von Projekten explizit mit Identitäts- und Stadtkulturproblemen befassen wollte, wurde doch im Verlauf der Arbeit im Forschungsverbund sehr bald die Plausibilität dieses Zugang deutlich. Auch auf kommunaler, auf städtischer Ebene, also auf der mehr oder weniger klar bestimmter Kollektive scheint sich das zu bestätigen, was von individuellen Identitätsfragen des Einzelnen bekannt ist. Je intensiver ein Wandel, je gravierender die Veränderung in der Umwelt, um so größer die Verunsicherungen, die dann zu einer Neuanpassung, zu einer Neuausrichtung auf diese veränderte Umwelt führen. Auffällig ist, dass gegenüber den anderen thematischen Schwerpunktbänden des Forschungsverbunds "Stadt 2030" mehr Projekte aus den neuen Bundesländern und mehr Städte, die das Thema Stadtschrumpfung bearbeiten, vertreten sind.
Alle drei Projekte aus den neuen Bundesländern - "Beeskow", "Eisenhüttenstadt", "Guben/ Gubin" - sind mit einem derartigen Wandel, der das Mark dieser Städte berührt, konfrontiert. Alle drei Städte, wenn man das Projekt Guben /Gubin hier einmal nur auf die Stadt Guben bezieht, verlieren Einwohner, ohne dass ein Ende der Schrumpfung klar abzusehen wäre. Und alle drei Städte durchlaufen einen Umbruch ihrer ökonomischen Basis, der eine Neuorientierung erfordert. So versucht die Stadt Beeskow sich auf die Qualitäten eines kleinen Landstädtchens in reizvoller landschaftlicher Lage zu besinnen, um eventuell in einem ökologischen, umweltfreundlichen, nahräumlichen Tourismus und als Wohnort für Pendler eine neue Grundlage zu finden. Durch einen Rückgriff auf Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg soll diese Identität des gleichermaßen Traditionellen wie Modernen "erfunden" werden, wie es Ulf Matthiesen in seinem Beitrag "Von der wiedergefundenen Identität einer Kleinstadt im ländlichen Raum Ostdeutschlands - identitätspolitische und identitätstheoretische Anmerkungen zum Projekt Beeskow" darlegt. Für Eisenhüttenstadt sucht das Autorenteam Christoph Haller, Kerstin Jahnke und Gerald Leue im Beitrag "Annäherung an Identität und Image einer Stadt im Wandel" zwei Seiten der Stadt miteinander in Beziehung zu setzen: die traditionelle Industrieproduktion und ihre Lebensformen einerseits und die neue Entwicklung hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft andererseits. Dabei wird die Schwierigkeit des Identitätsverlustes aufgezeigt. Die Suche nach einem neuen Leitbild der einstigen "Wohnstadt am Stahlwerk" gestaltet sich schwierig.
Die Stadt Guben hat nicht nur im Zuge des Zusammenbruchs der DDR ihre gesamte ökonomische Basis - in der Textilindustrie - verloren, sie wurde darüber hinaus im Zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört und ist seitdem auf der Suche nach ihrem Zentrum. Unternommen wird der schwierige Versuch, das alte Zentrum aus der Verbindung und Kooperation mit dem polnischen Gubin wieder zu finden. Das auch diese Rückbesinnung auf eine Stadtgeschichte nur aus einem möglichst breiten Konsens der Stadtbevölkerung gelingen kann, dass darüber hinaus eine Anerkennung dieser Kooperationsnotwendigkeit mit der polnischen Seite unabdingbar ist, verleiht dem Projekt seine Brisanz und Aktualität als ein "europäisches Projekt" über die Geschicke dieser beiden Städte hinaus. Dies stellt das Autorenteam Olaf Kube, Heinz Nagler und Frank Schwartze in seinem Beitrag "Stadt-Raum-Identität. Städtische Neuorientierung in der deutschpolnischen Doppelstadt Guben-Gubin" anschaulich dar.
Auch wenn der demographische und ökonomische Wandel die westdeutschen Städte - noch - nicht in der gleichen Härte erfasst hat wie die der neuen Bundesländer, stehen sie dennoch vor ähnlichen Zukunftsproblemen, die zu Herausforderungen für ein als selbstverständlich geltendes Selbstverständnis zum Identitätsproblem werden können. In sehr typischer Weise ist die Stadt Mönchengladbach von einem solchen Wandel betroffen, wie es im Beitrag des Autorenteams Christoph Hagen, Annette Schwalm und Torsten Stamm "Gesamtstädtische Identität und ihre Bedeutung für zukünftige Handlungsfähigkeit in Mönchengladbach" dargelegt wird. In Zeiten des Wachstums und der zumindest hinreichenden kommunalen Budgets konnten die drei Ortsteile der Stadt, ehemalige selbstständige Ortschaften, die durch Gebietsreform zur Stadt Mönchengladbach verbunden werden, alle mit einer kompletten Infrastrukturausstattung versehen werden, einschließlich zentraler Einrichtungen in jedem Ortsteil, um deren Tradition als autonome Gemeinden gerecht zu werden. Unter neuen Knappheits- und Schrumpfungsbedingungen ist diese "Üppigkeit" nicht mehr durchzuhalten. Vor allem zentrale Einrichtungen müssen in einem Zentrum konzentriert werden. Aus der Sicht der jeweils anderen muss das als Ungleichheit und Ungerechtigkeit, als unbegründete Übervorteilung wahrgenommen werden, wenn es nicht gelingt - und das ist der Ansatz des Projekts - eine "gemeinsame", eine Mönchengladbacher Identität herzustellen, in die alle Ortsteile so eingebunden sind.
Auch das Projekt der Stadt Kiel verfolgt einen Mentalitätswandel. Das Kieler Projekt sieht die Zukunft Kiels zunehmend in wissenschaftlichen, touristischen und medizinischen Dienstleistungen "rund um das Wasser", weniger in dessen industrieller und logistischer Nutzung. Ein solcher Wandel der Stadt zum norddeutschen Wissenschafts-, Gesundheits- und Tourismuszentrum könne aber nur erreicht werden, wenn das Wasser der Kieler Förde aus seiner ausschließlich oder doch ganz überwiegend industriellen Nutzung befreit und als wieder gewonnene Erlebnisqualität in die Stadt re-integriert werde. Nur in zeitlich weiter Vorausschau, im Konsens und mit langem Atem ließe sich eine solche Planung durchhalten, wie es Hans-Jürgen Behnke und Michael Melzer in ihrem Beitrag "Auf zu neuen Ufern- Hin zu einer neuen Identität?" anschaulich darlegen.
Als Stadt, in der sich ein derartiger Bruch in manifester Weise vollzieht, untersucht das Projekt Günzburg die Konsequenzen der Standortentscheidungen eines international tätigen Spielwaren- und Freizeitparkkonzerns, in der unmittelbaren Nachbarschaft der Stadt Günzburg einen Freizeitpark zu errichten, der an einem Tag mehr Besucher anziehen soll, als die Stadt Günzburg Einwohner aufweist. Und die Befunde sind höchst überraschend, wie das Autorenteam Daniel P. Meister, Hans Prinzing und Matthias Holz in seinem Beitrag "Günzburg oder Legoburg - Chancen und Risiken eines Identitätsprozesses" herausstellt. Die Stadt Günzburg und der Freizeitpark scheinen sich darauf einzustellen, nebeneinander zu existieren, wohingegen das weiter entfernte Ulm in einen stimulierenden Einfluss aus dem Freizeitpark geraten könnte, vorausgesetzt eine weitsichtige Regionalpolitik nutzt diese Chancen und Möglichkeiten. Anregungen für eine solche Kooperation von moderner Dienstleistung und Region zu geben, ist Ziel des Projekts.
Den Ansatz einer stadtkulturellen Identitätspolitik verfolgt das Projekt "Erlangen". Die Autoren Andreas Schröer und Dieter Rossmeissl gehen in ihrem Beitrag "Gesundheitsstadt Erlangen: Öffentliche Lernprozesse in einer zukunftsorientierten Stadt" davon aus, dass die Stärken der Stadt im Gesundheitswesen liegen. Auf dieser Basis entsteht das kommunalpolitische Ziel, Erlangen zur "Gesundheitshauptstadt Deutschlands" zu entwickeln. Um dieses Image in der Stadt zu verankern und zu einer Identität zu entwickeln, werden gesundheitspädagogische Programme geschaffen, die sich vorrangig an Bevölkerungsgruppen wenden, die traditionell einem ausgeprägten Gesundheitsbewusstsein eher fern stehen. Über ein imaginäres, nur medial bestehendes "Haus für Zukunft" sollen darüber hinaus öffentliche Diskurse zum Gesundheitswesen aber auch zu anderen Fragen der Kommunalpolitik angeregt werden.
In einem abschließenden Kommentar aus Sicht der Begleitforschung zieht Albrecht Göschel vor dem Hintergrund der Projektergebnisse zum Themenfeld Identität ein Resümee. Einen allgemeinen Kommentar zum Themenfeld Identität stellt Sigurd Trommer den Beiträgen des Bandes voran.
Zukunft von Stadt und Region (Band IV): Chancen lokaler Demokratie
Sowohl formalisierte Partizipation als auch Formen repräsentativer Demokratie werden zunehmend als unzureichend empfunden, um dem Anspruch bürgernaher, lokaler Politik gerecht zu werden. Wenngleich die lokale Ebene nach wie vor als der zentrale Ort für bürgerschaftliches Engagement sowie die Einbindung und Aktivierung der Bürger gilt, wird sie mit Blick in die Zukunft als Ort demokratischer Sozialisation, der Stärkung des Gemeinsinns und als Plattform zur Bekämpfung der "Politikverdrossenheit" zunehmend in Zweifel gezogen bzw. kritisch hinterfragt. Ohne die formalisierten Verfahren der Willensbildung ersetzen zu wollen, wird deshalb verstärkt nach Ergänzungen gesucht. Diese sollen zum einen benachteiligten Bevölkerungsgruppen eine größere Mitsprache in der Kommunalpolitik sichern und zum anderen relevante Akteure durch den Aufbau neuer Akteursnetze enger in den politischen Prozess einbinden. Darüber hinaus knüpfen die Überlegungen an den ebenfalls zunehmend konstatierten Steuerungsverlust des Staates an und werfen Fragen nach den Akteuren, Zeitpunkten und Inhalten möglicher Einflussnahme auf politische Entscheidungen auf.
An diese Überlegungen knüpfte ein Großteil der am Forschungsverbund "Stadt 2030" beteiligten Städteprojekte an. Quer zu den drei thematischen Schwerpunkten Integration, Regionalisierung und Identität bearbeiteten sie Fragen und Problemstellungen zur Zukunft lokaler Demokratie. Erkennbar wurde, dass die politische Institution Stadt sowohl in ihren territorialen Grenzen, als auch in ihrer ausschließlichen Fundierung auf dem repräsentativen Mandat als nicht mehr hinreichend handlungsfähige politische Einheit gesehen wird. Dieses Manko führte in den Städteprojekten zur Suche nach "direkten" Beteiligungsformen als Ergänzungen zur repräsentativen Demokratie. Gleichzeitig wurden neue kommunale und regionale Bündnisse und Kooperationsformen thematisiert und realisiert. In den Projektansätzen wurde Bezug genommen auf die Prozessdimensionen von Politik und ihre institutionellen Regeln, die Prozesse bzw. Kooperation steuern und spezifische Strukturmuster von Interorganisations- und Akteursbeziehungen aufweisen. Dieser Auseinandersetzung mit den Chancen lokaler Demokratie widmet sich der vierte Band der Beiträge zum Forschungsverbund "Stadt 2030".
In seinem einleitenden Essay "Lokale Demokratie - zur aktuellen Lage" greift Heinrich Mäding aktuelle Diskussionen zur Krise und zukünftigen Rolle der Kommunalpolitik auf, um mögliche Entwicklungen repräsentativer Demokratie auf der lokalen Ebene zu skizzieren. Anknüpfend an eine auch in Zukunft ungebrochene Bedeutung der Kommunen als Ort und Schule lokaler Demokratie stützt er seine Überlegungen einerseits auf aktuelle Veränderungen im lokalen politisch-administrativen System und andererseits auf die Identifizierung unterschiedlicher Bürgerrollen.
In ihrem Beitrag "Bürgerbeteiligung 2030: Strategien für einen benachteiligten Stadtteil" diskutieren Sylvia Greiffenhagen, Katja Neller und Isabell Thaidigsmann die Voraussetzungen, Chancen und Probleme von Bürgerbeteiligung in einem Esslinger Stadtteil. Ziel des Esslinger Projekts ist es, ein Leitbild für eine zukunftsfähige Demokratie im Stadtteil mit jenen Bewohnern zu entwickeln, die es meist nicht gewohnt sind, ihre Interessen zu artikulieren und durchzusetzen: Zuwanderer sowie sozial und ökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Die neue Bürgerrolle wird nicht selbstverständlich und voraussetzungslos angenommen. Viele Bewohner sehen sich nicht als "Dritter Akteur" im kommunalen Kräftedreieck des Modells der Bürgerkommune, sondern erwarten kompensatorische städtische und staatliche Leistungen, um soziale und stadträumliche Benachteiligungen auszugleichen.
Auch Stefan Böhm-Ott und andere richten in ihrem Beitrag "Bürgerschaftliche Interessen als zentrale Ressource kommunaler Selbstverwaltung" ihr Hauptaugenmerk auf die Aktivierung bislang eher beteiligungsferner Bevölkerungsgruppen, formulieren gleichzeitig jedoch eine große Skepsis gegenüber herkömmlichen, zielorientierten Planungen und bisherigen partizipativen Ansätzen. Mit Hilfe eines neuen Mediums der Kommunikation - einer ästhetischen Setzung - gelingt es dem experimentellen Projekt, der sozial ungleichen Verteilung von Mitwirkungschancen entgegenzuwirken. Dass dies notwendig ist, wird im Beitrag unmissverständlich betont: Die Bürgerschaft müsse von ihrer Gewohnheit, ihre Bedürfnisse durch andere erfüllen zu lassen, Abstand nehmen.
Im Stuttgarter Beitrag "Soziale Stadtentwicklungsperspektiven und teilräumliche Szenarien - Neue Medien als Instrumente der Partizipation" von Helmut Bott, Axel Fricke und Johann Jessen wird ebenfalls ein methodischer Ansatz entwickelt und bewertet, der darauf zielt, partizipative Prozesse zur Stadtentwicklung und deren Perspektiven auszulösen. Als Instrument werden hierfür neue Medien, als Methode die Szenarienentwicklung gewählt. Beide werden aufgrund ihrer besonderen Kommunikationsfunktionen als geeignet bewertet, auch beteiligungsferne Bevölkerungsgruppen einzubinden. Hervorgehoben wird, wie schwierig es ist, die Ergebnisse dieser Beteiligung, Ideen, Leitbilder und Vorschläge, in die Politik zu kommunizieren und einzubringen.
In dem Beitrag "Integration durch Öffentlichkeitsbeteiligung? Ergebnisse einer Studie zum Projekt Erlangen 2030" bewerten Ulrich Wenzel und Jan Weyand die partizipatorische Leitbildentwicklung kritisch. Die Kritik richtet sich jedoch nicht - wie im Dietzenbacher Projekt - primär auf die Herausforderung, ein Leitbild zu entwickeln, sondern auf die Kopplung desselben mit partizipatorischen Elementen. Kritisch setzen sich die Autoren mit den Gründen für den gegenwärtig allerorten zu vernehmenden Ruf nach Bürgerbeteiligung auseinander und stellen am konkreten Beispiel dar, dass im Erlanger Projekt, aber nicht nur dort, die notwendige politische Rahmung fehlt. Partizipation ist nach Darstellung und Einschätzung der Autoren daher vielerorts eine symbolische Inszenierung; Gestaltungsfreiräume und -möglichkeiten werden den Bürgern nicht eingeräumt. Vielmehr diene die Öffentlichkeitsbeteiligung bzw. Partizipation der Legitimation einer Imagepolitik.
Katja Friedrich und andere diskutieren in dem Beitrag "Görlitz/Zgorzelec: Szenariengeleitete Strategie- und Leitbildentwicklung in einer Zwei-Nationen-Stadt" die besonderen Rahmenbedingungen einer interkommunalen grenzüberschreitenden Kooperation an der deutsch-polnischen Grenze. Reflektiert werden die Erfahrungen mit dem Aufbau deutsch-polnischer Akteursnetzwerke, mit vertrauensbildenden Kommunikationsprozessen sowie der Verstetigung dieser Kooperation, die als wichtiger Ansatz für den kontinuierlichen Aufbau grenzüberschreitender Politikstrukturen und den gemeinsamen Leitbildprozess gewertet werden.
Mit dem Politikfeld der Zeitpolitik entwirft Ulrich Mückenberger in seinem Beitrag "Neue lokale Governance und Recht auf eigene Zeit" ein neues Handlungsfeld auf kommunaler Ebene und diskutiert die Kategorie des Zeitwohlstands sowie das Recht auf Zeit als Bestandteile einer demokratischen Zeitpolitik. Eine Voraussetzung für diese lokale Zeitpolitik sind veränderte Akteurskonstellationen, das heißt eine neue Form lokaler Governance, die im Rahmen des Bremer Projekts in so genannten Zeitpakten erprobt wurden.
Im letzten Beitrag "Zur Zukunft lokaler Demokratie in der Stadt 2030: Zwischen kommunaler Bürgergesellschaft und exklusiven Governance-Netzwerken" diskutieren und kommentieren Stephanie Bock und Bettina Reimann die unterschiedlichen Zugänge und Konzepte der Projekte.
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