Difu-Berichte 1/2004 - Kindererziehung zwischen elterlicher und staatlicher Verantwortung

Bericht zum 6. Berliner Diskurs zur Jugendhilfe

Ziel des Diskurses
Für eine Weiterentwicklung der Jugendhilfe in der Bundesrepublik ist es sinnvoll, die Umsetzung des Kinder- und Jugendhilfe- Gesetzes (KJHG) kritisch zu hinterfragen. Gemeinsam mit allen Beteiligten ist über eine strukturelle Lösung schwieriger Probleme von Kindern und Jugendlichen im Sinne einer ganzheitlichen Kinder- und Jugendhilfe nachzudenken. Hierfür bietet der Verein für Kommunalwissenschaften e.V. eine Plattform. Er hat daher am 14.11.2003 - bereits zum sechsten Mal - zum Berliner Diskurs zur Jugendhilfe in das Ernst-Reuter-Haus eingeladen. Ziel dieser Berliner Diskurse ist es, gemeinsam mit den verschiedenen Einrichtungen und Professionen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, eine fachpolitische Diskussion zu führen. Hierzu werden hochrangige Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft eingeladen, ihre Erfahrungen, Gedanken und Vorschläge in die Veranstaltung einfließen zu lassen. Die diesjährige Veranstaltung wurde von Prof. Dr. Ursula Rabe-Kleberg, Hochschullehrerin für Erziehungswissenschaft und Soziologie der Bildung und Erziehung am Institut für Pädagogik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, moderiert.

Familie als Privatsache?
Hintergrund für den diesjährigen Diskurs war und ist die Tatsache, dass in Deutschland vor allem die Frauen die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie herstellen müssen. Zudem tragen Eltern mit Kindern erhebliche finanzielle Nachteile und unterliegen einem deutlich stärkeren Armutsrisiko gegenüber Menschen in anderen Lebensformen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand daher die Auseinandersetzung mit den Fragen: Wie wird das Familienleben attraktiver? Gibt es ein neues Konzept von Familie? Was ist der Beitrag der Wirtschaft im Bereich der Kindertagesbetreuung zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf und wie sollte dieser aussehen? Wer ist zuständig für die Erziehung von Kindern: die Mütter, die Familie, die Betriebe? Und schließlich: Welchen Beitrag leistet die Jugendhilfe für eine familienfreundliche Infrastruktur? Welche Angebote hält sie vor, wie werden diese in Anspruch genommen? Wie kann insbesondere auch Eltern geholfen werden, die durch ihre eigenen Ansprüche alles richtig machen wollen und durch die Ansprüche der Gesellschaft überfordert sind? Wie sehen gute Rahmenbedingungen für die von Bundesministerin Renate Schmidt eindringlich geforderte Allianz der Familie aus, in der Berufs- und Erwerbsarbeit vereinbar und Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern qualitativ gut gewährleistet sind, so dass sie ihnen Chancen auf eine wirkliche gesellschaftliche Teilhabe eröffnen?

In den Kommunen ein kinderfreundliches Klima schaffen
Der Diskurs wurde mit einem Grußwort von Dr. Manfred Wienand, Beigeordneter des Deutschen Städtetages und Leiter des Dezernats Soziales, Jugend und Gesundheit, Berlin, eröffnet. Er verwies darin unter anderem auf die jüngste Kampagne des Deutschen Städtetages "Städte in Not". Im Zuge der Städte- und Gemeindenfinanzreform, plädierte er für ein kinderfreundlicheres Klima und forderte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend dazu auf, hierfür langfristig wirkende Strategien gemeinsam mit Städten und Kommunen zu entwickeln.

Anstelle der erkrankten Bundesministerin Renate Schmidt konnte der Parlamentarische Staatssekretär Peter Ruhenstroth- Bauer begrüßt werden, der über "Kindererziehung an der Schnittstelle zwischen Familien- und Kommunalpolitik" referierte. Er verwies zunächst auf die im März 2003 vom Bundeskanzler Gerhard Schröder veröffentlichte Regierungserklärung zur Agenda 2010 sowie auf die in § 1 des KJHG verankerte öffentliche Mitverantwortung bei der Erziehung von Kindern.

"Das Kind als letzte verbliebene unaufkündbare Primärbeziehung"
(Ulrich Beck) Peter Ruhenstroth-Bauer stellte fest, dass "gerade in der heutigen Zeit elterliche Erziehungsverantwortung oft eine Herausforderung und für nicht wenige Eltern auch eine Überforderung" sei. Denn die Aufgaben der Kindererziehung müssten in Einklang gebracht werden "mit den Anforderungen an die Partnerschaft und den Bedingungen in Beruf und Arbeitswelt." Diese Bundesregierung sei angetreten, um einer Politik der strukturellen Rücksichtslosigkeit gegenüber Familien ein Ende zu machen, was sich beispielsweise in der Erhöhung des Kindergeldes, der Neuausgestaltung des Familienlastenausgleichs sowie einer flexibleren Gestaltung bei Inanspruchnahme von Erziehungsgeld und Elternzeit manifestiere. Bedürfnissen junger Familien solle damit besser Rechnung getragen werden. Von besonderer Bedeutung sei jedoch eine weit reichende Verbesserung der Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Tagespflege. Hierfür gäbe es viele gute Gründe. Zwar habe sich das Angebot an Kindertagesbetreuung bundesweit nachhaltig verbessert, bleibe aber in dieser Legislaturperiode eine der zentralen Aufgaben des Bundesfamilienministeriums, da es eine Voraussetzung für die Realisierung des Kinderwunsches vieler junger Paare und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei. Peter Ruhenstroth-Bauer erinnerte in diesem Zusammenhang an die von der Bundesministerin Renate Schmidt und dem Wirtschaftsexperten Bert Rürup am 13.11.2003 vorgestellte Studie zu einer nachhaltigen Familienpolitik und verwies auf die höhere Frauenerwerbsquote und besseren Bildungsergebnisse in denjenigen Ländern, die ein bedarfsgerechtes Angebot an Kindertagesbetreuung und Ganztagsschulen geschaffen haben. Nicht vernachlässigt werden dürfe jedoch bei einem quantitativen Ausbau der Tageseinrichtungen der qualitative Aspekt (früh)kindlicher Bildung und Erziehung, beispielhaft nannte er die in der PISA-Studie identifizierten Defizite in der Sprachentwicklung von Kindern. An einem bedarfsgerechten Ausbau der Kindertagesbetreuung müsse auch die Wirtschaft Interesse haben, mit deren Hilfe die Rahmenbedingungen für Familien in der Kommune verbessert werden könnten. Deshalb sollen ab Herbst 2004 auf lokaler Ebene unter Beteiligung von Ländern und Kommunen "Lokale Bündnisse für Familien" aufgebaut werden.

"Individuelle Förderung oder Förderung einer verlässlichen Infrastruktur? Wo ist der Standort für Kindertagesbetreuung?"
Zu dieser wichtigen Frage positionierten sich Hans W. Jablonski, Diversity Manager der Ford-Werke AG, Köln, und Dr. Albin Nees, Staatssekretär am Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbandspräsident des Deutschen Familienbundes, Dresden.

Hans W. Jablonski stellte die Philosophie seines Unternehmens zur umfassenden Unterstützung von Familien vor. Wie definiert sich "Diversity"? Diversity bedeute Vielfalt und schließe alle Unterschiede ein, die Individuen in das Arbeitsleben einbringen, wie Alter, Geschlecht, Behinderung, Ausbildung, persönliche Einstellung sowie soziale, ethnische, geografische Herkunft, sexuelle Orientierung, Berufserfahrung und Religion. Diese Vielfalt schaffe eine andere Qualität von Beziehungen in Unternehmen. Das heißt, keine Gleichbehandlung aller, sondern möglichst Berücksichtigung der individuellen Situation, offene Auseinandersetzung mit Unterschieden und Konflikten und Hinterfragen von Klischees und Vorurteilen. Die Ford-Werke AG möchte ein Arbeitsumfeld schaffen, das eine Kultur fördert, in der jeder zum Erfolg von Ford beitragen könne, die Unterschiede und Fähigkeiten aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wertschätze und den Vorteil von vielfältig zusammengesetzten Arbeitsteams nutze. Der wirtschaftliche Nutzen werde aus verschiedenen Entwicklungen abgeleitet, so nehme beispielsweise die ethnisch-kulturelle Vielfalt zu, die Geschlechtervielfalt werde wichtiger und Menschen mit Behinderungen seien (potenzielle) MitarbeiterInnen und KundInnen. Die konkrete Umsetzung bei Ford sähe zum Beispiel folgendermaßen aus: Es gäbe ein Women's Engineering Panel, ein Women's Marketing Panel, ein Elternnetzwerk, IT Women in Leadership und Women in Human Resources. Es gäbe eine betriebseigene Kinderbetreuung "Ford Pänz" (Notfallbetreuung und Ferienprogramme) und flexible Arbeitszeitmodelle zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Dr. Albin Nees, Staatssekretär am Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbandspräsident des Deutschen Familienbundes, Dresden, plädierte dafür, das Selbstbewusstsein von Eltern zu stärken bzw. wieder aufzubauen, damit diese bereit wären, wieder mehr Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder zu übernehmen und dies nicht zum großen Teil dem Staat zu überlassen. Kindertageseinrichtungen sollten Eltern bei der Erziehung und Bildung ihrer Kinder unterstützen, diese aber nicht ersetzen. In diesem Sinne sprach er sich für eine neue Allianz von elterlicher und staatlicher Verantwortung bei der Kindererziehung aus und forderte gleichzeitig, dass es hierfür Netzwerke geben müsse, die eine solche Brücken- und Übermittlerfunktion gewährleisteten.

Kann Erziehung überhaupt gelingen? Brauchen wir einen Elternführerschein?
Prof. Dr. Maria-Eleonora Karsten, Leiterin des Instituts für Sozialpädagogik, Universität Lüneburg, sowie Wilfried Steinert, Stellvertretender Vorsitzender des Bundeselternrates, Bonn, referierten zum Thema "Im Sinne der Stärkung elterlicher Kompetenzen: Brauchen wir einen Elternführerschein: Ja oder Nein?" Prof. Dr. Maria- Eleonora Karsten verwies in ihrem Statement in erster Linie darauf, wie sich die Gesellschaftsstrukturen künftig verändern werden und was das für Familien und die Erziehung von Kindern bedeuten werde. Insbesondere die Zeitdimension dürfe bei dieser Betrachtung nicht vernachlässigt werden, weil, wie auch Herr Ruhenstroth- Bauer bereits betonte, Frauenpolitik auch Zeitpolitik sei und die Lebensqualität von Familien sich auch aus der gemeinsam von Eltern und Kindern verbrachten Zeit ergebe. Deshalb müsse es eine Zeitorganisation geben, die den heutigen Lebensumständen entspricht, was sich auch in flexiblen und familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen ausdrücke.

Wilfried Steinert, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Bundeselternrates, Bonn, Schulleiter und Vater von vier eigenen und acht Pflegekindern, verwies darauf, dass sich Eltern heute nicht mehr auf traditionell geprägte Formen der Kultur des Umgangs mit ihren Kindern verlassen könnten. Was Erziehung ist und wie heute Kompetenzen der Eltern gefördert und entwickelt werden können, sei eine schwierige Frage. Was Eltern von ihren Eltern und den Geschwistern gelernt hätten, werde als vorhandenes Erfahrungswissen zu wenig genutzt. Der Sinngehalt des von Peter Ruhenstroth-Bauer vorgetragenen Zitates: "Es bedarf eines ganzen Dorfes, um ein Kind zu erziehen" müsse auf die kommunale Ebene übertragen und die von Hans W. Jablonski vorgestellte Unternehmensphilosophie der Ford-Werke AG auf die Schule im Sinne einer "Diversity- School" übertragen werden.

Eine Dokumentation dieser Veranstaltung wird zeitnah beim Verein für Kommunalwissenschaften e.V. erscheinen und für alle Interessierten unter der Internet-Adresse http://www.vfk.de/agfj angekündigt.

Weitere Informationen: 

Kerstin Landua
Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe
Telefon: 030/39001-135
E-Mail: landua@vfk.de

Bericht erschien in: Zentralblatt für Jugendrecht, Jg. 91 (2004), H. 1, S. 21-25