Difu-Berichte 1/2003 - Bürgergesellschaft und Wirtschaft

Zur neuen Rolle von Bürgern, Verwaltungen und Unternehmen

Die verspätete Aufmerksamkeit, die das Thema "Bürgergesellschaft und Wirtschaft" in Deutschland erhält, entspricht keineswegs seiner gesellschaftspolitischen Bedeutung. Im Gegenteil: Je mehr die gesellschaftlichen Institutionen an Bindungskraft verlieren und je stärker sich Tendenzen zu einer fragmentierten und zunehmend polarisierenden Gesellschaft abzeichnen, desto grundlegender verändern sich auch die Anforderungen an Institutionen, Organisationen und Gruppen in dieser Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Diskussion über die bürgerschaftliche Rolle von Unternehmen zu verstehen. Diese Diskussion über eine Neuakzentuierung wirtschaftlichen Handelns steht wiederum im größeren Kontext gesellschaftspolitischer Debatten, die seit geraumer Zeit unter dem Begriff Bürgergesellschaft oder Zivilgesellschaft vor allem in westeuropäischen Gesellschaften und den USA sowie in den osteuropäischen Transformationsgesellschaften geführt werden.

Das gemeinsame Verständnis der an dieser Debatte Beteiligten gründet in einem Perspektivwechsel, demzufolge engagierten Bürgern und Bürgergruppen von Staat und Kommunen mehr Entscheidungs- und Gestaltungsverantwortung in den sie betreffenden Angelegenheiten (rück-)übertragen werden sollen, so die Empfehlung der Bundestags-Enquetekommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements". In die deutsche Reformdebatte wurden Unternehmen als gesellschaftspolitische Akteure, die mit Rechten und Pflichten ausgestattet sind, bisher kaum einbezogen. Die Gründe dafür sind vielfältig. So ist unternehmerische Zurückhaltung unter anderem darauf zurückzuführen, dass der Begriff der Bürgergesellschaft anfangs oft mit sozialem Ehrenamt gleichgesetzt wurde ­ ein Eindruck, der sich nicht zuletzt dadurch verstärkte, dass die Diskussion über die Bürgergesellschaft vor allem von sozialpolitischen Akteuren initiiert wurde. Vor diesem "sozialen Hintergrund" ist es nicht verwunderlich, dass die Welt privatgewerblicher Unternehmen für manchen bürgerschaftlichen Akteur befremdlich wirkt. Hierzulande wurden und werden Unternehmen als in der Sache zurückhaltende, "altruistische" Geldgeber gern gesehen, ein weitergehendes Engagement ihres Leitungs- und Führungspersonals und der Mitarbeiterschaft wird jedoch in der Regel weder nachgefragt noch gefordert, vielleicht nicht einmal gewünscht. Eine derartige Skepsis, Zurückhaltung und Ablehnung gegenüber Wirtschaftsunternehmen ist ­ im internationalen Vergleich der wirtschaftlich führenden Nationen betrachtet ­ wohl ein "einzigartiger deutscher Sonderweg".

Es scheint an der Zeit, auch in Deutschland die Diskussion um ein erweitertes gesellschaftspolitisches Engagement von Unternehmen verstärkt zu führen. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes, der sich an Mitarbeiter/innen von Kommunalverwaltungen, Ratsmitglieder, Unternehmens- und Verbandsvertreter/innen sowie an Vermittlungs- und Freiwilligenagenturen wendet, diskutieren in ihren Beiträgen die gesellschaftspolitischen Dimensionen unternehmerischen Handelns im Kontext der aktuellen Diskussion über eine Bürgergesellschaft, wobei der kommunalen Ebene als Ort gesellschaftlicher Innovationen besondere Aufmerksamkeit zukommt. Die in diesem Band enthaltenen Beiträge wurden teilweise auf einer Tagung zum Thema "Bürgergesellschaft und Wirtschaft ­ die neue Rolle von Unternehmen" vorgestellt und diskutiert, die das Deutsche Institut für Urbanistik, Berlin, zusammen mit dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg veranstaltete. Darüber hinaus wurde eine Reihe zusätzlicher Beiträge von ausgewiesenen Experten und Expertinnen in Fragen des Unternehmensengagements in den Band aufgenommen. Zu den Autoren und Autorinnen gehören unter anderem: Henning Eckel, André Habisch und René Schmidpeter, Reinhard Lang und Peter Kromminga, Stefan Nährlich, Frank Maaß, Gerd Mutz und Susanne Korfmacher, Birgit Riess und Petra Schackenberg, Thomas Olk, Lothar Probst, Petra Schmid-Urban und Bernhard Seitz. Damit liegt für die deutsche Diskussion eine erste facettenreiche Gesamtübersicht über die neue Rolle von Unternehmen in der Bürgergesellschaft vor.

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