Difu-Berichte 1/2002 - Standpunkt: Die Berliner Schlossdebatte
Die "Kommission Historische Mitte Berlin" hat ihre Empfehlung - für die Rekonstruktion des Berliner Schlosses - ausgesprochen. Eine bindende Entscheidung ist damit nicht getroffen. Diese hat die Politik zu fällen, aber der umfassende Konsens der Kommission übt natürlich einen gewissen Druck aus. Dennoch, die Debatte um diese "wertvollste Brache Deutschlands", ihren Symbolwert, ihre Nutzung und Ästhetik ist nicht abgeschlossen, sie geht vielmehr "in die Zielgerade", auch wenn es gut und gern noch drei bis fünf Jahre dauern kann, bis diese durchlaufen ist, von einer Realisierung des dann Entschiedenen gar nicht zu reden, die ohne weiteres ein bis zwei Jahrzehnte in Anspruch nehmen könnte und wohl auch dürfte. Dass hier etwas "zerredet" würde, wie manche eiligen Kritiker behaupten, ist unzutreffend. Entscheidungen von einer Bedeutung wie der der Nutzung und Bebauung des Berliner Schlossareals müssen unabdingbar durch das "Säurebad erbarmungsloser öffentlicher Diskurse" gehen, bevor sie mit langfristiger Wirkung umgesetzt werden dürfen. Das galt für das Holocaust-Mahnmal und es gilt für das Schlossareal nicht minder.
Der Konsens der Kommission bezieht sich - erwartungsgemäß - sowohl auf die Nutzung als auch - überraschenderweise - auf die Ästhetik des Schlossareals: als Nutzung eine Kombination von ethnologischem Museum (Überseesammlungen der Staatlichen Museen), wissenschaftlicher Sammlungen (Wissenschaftssammlungen der Humboldt-Universität zu Berlin) und Bibliothek (Berliner Landesbibliothek); als Form der Bebauung die Rekonstruktion des Berliner Schlosses in der letzten Gestalt vor seiner Zerstörung. Damit ist fast nebenbei auch empfohlen, den Palast der Republik komplett abzureißen. Ob einzelne seiner Innenräume im wieder aufgebauten Schloss rekonstruiert werden können, bleibt wohl vorerst offen, als das von außen wahrnehmbare Bauwerk, in welchen Teilen auch immer, wird es den Palast nach dem Willen der Kommission nicht mehr geben. Diese Vorschläge der Kommission sind zu würdigen, um sie wird es in den kommenden "Säurebädern" gehen, bis sich schließlich eine Bundesregierung - und nur sie kann es vermutlich sein - zu einer Entscheidung durchringt.
Seit es vom Generaldirektor der Staatlichen Museen in brillanter Rhetorik in die Debatte eingebracht wurde, gilt das Nutzungskonzept aus einem wissenschaftlichen Museum, einer wissenschaftlichen, museumswürdigen Sammlung und einer großen, wissenschaftlichen, aber in ihren Beständen nachgerade populären Bibliothek als Ideallösung, und dies, wie man immer mehr einsieht, zu Recht. Im Zusammenhang mit den Kunstsammlungen der Museumsinsel würde tatsächlich ein Universal-Museum als Sammlungskomplex entstehen. Nicht die durchaus bemerkenswerte Tatsache, dass ein solches Ensemble weltweit einmalig wäre, ist das Bestechende, sondern die in dieser Kombination von einzelnen Häusern wieder entstehende und sinnfällig gemachte Idee einer universellen, universalistischen Kultur. Diese nicht nur formuliert, sondern in einen Bildungsbegriff umgesetzt zu haben, kann als entscheidende Leistung der Aufklärung, der deutschen - also auch der preußischen - und europäischen gelten. Die Namensgebung "Humboldt-Forum", die Ergänzung der Sammlungen und Bibliotheken durch Wissenschaftseinrichtungen, die dem universalistischen Ethik-, Bildungs- und Politikbegriff verbunden sein sollten, würde diese, in ihrer Intention durchaus antiimperialistische Tradition, in der das intellektuelle, aufklärerische Preußen, das "andere" Deutschland steht, sinnfällig werden lassen. Dass sich im Berliner Schloss tatsächlich eine Sammlung vergleichbarer Konzeption befand, so dass sogar eine "Nutzung" des Schlosses wieder aufgenommen würde, dass darüber hinaus die Überseesammlungen der Staatlichen Museen von Wissenschaftlern zusammengetragen wurden und nicht als Beutegüter imperialistischer Kriege nach Berlin kamen, mag in diesem Zusammenhang als glückliche Fügung gelten. Was auch immer an Bauform schließlich gefunden werden mag, am Nutzungskonzept sollte also auf jeden Fall festgehalten werden. Alle anderen Vorschläge, vor allem die einer privaten Nutzung - Grandhotel - aber auch die partialistischer Kulturvergegenwärtigung - Preußenmuseum - sollten nun wohl vom Tisch sein. Das Berliner Schlossareal ist weder ein beliebiger, einfach nur hochurbaner Raum, der eine exklusive private Nutzung zugelassen hätte, noch "gehört" dieser Platz im symbolischen Sinne Preußen, genauso wenig wie nur Berlin oder nur der ehemaligen DDR oder den neuen Bundesländern - daher auch kein Preußenmuseum und kein Wiederaufbau des Palastes der Republik.
Es versteht sich von selbst, dass bei einem Ort derartiger Bedeutung - hier artikulierte im Schlossbau Preußen seinen Anspruch gegenüber den alten europäischen Mächten, von hier wurde 1918 die Republik ausgerufen, hier sucht das vereinigte Deutschland im Kontrast zu den Regierungsbauten des Spreebogens den Ausdruck seiner bürgerlichen oder Zivilgesellschaft - die Ästhetik als Symbolisierung einer Idee oder Identität viel eher Gegenstand von Streit wird, als seine Nutzung. In der öffentlichen Wahrnehmung bezieht sich die "Berliner Schloss-Debatte" ausschließlich auf die Frage "Schloss oder Nicht-Schloss", als ginge es - nur - bei der Ästhetik wirklich um eine "Seinsfrage". Die Kommission hat sich für Rekonstruktion entschieden. Den "Schlossgegnern" wird dies als unmoralisch, als unhistorische Inszenierung und Kulissenarchitektur, als arrogante Anknüpfung an eine Geschichte des Imperialismus erscheinen, vermutlich alles Argumente, die den Punkt nicht treffen. Gebäude sind Artefakte, die konstruiert und rekonstruiert werden können, keine Individuen, die nach ihrem Tod wieder zu beleben, einem moralisch verwerflichen Eingriff in die göttliche oder natürliche Ordnung der Dinge gleichkäme. Mit einem Wiederaufbau wird nicht "Geschichte geklont" oder "inszeniert". Es wird nur eine ästhetische Lösung, die für diesen Ort als die Ultima Ratio behauptet wird, hergestellt, auch wenn das eine Wiederherstellung sein sollte. Nur darauf kann sich die Debatte, wenn sie denn wieder in Gang kommt, beziehen, ob das Schloss, auch wenn es der architektonische und städtebauliche Ausgangspunkt des gesamten Areals und der gesamten Innenstadt war, in seiner Kubatur, in seinen Fassaden und den beiden Innenhöfen denn wirklich diese "Ultima Ratio" bedeutet. Die Verfechter des Schlosses behaupten das. Der viel zitierten "breiten Öffentlichkeit" aber, die zumindest was ihren Berliner Teil betrifft, mehrheitlich für die Schlossrekonstruktion votiert hat, geht es vermutlich um etwas anderes. Weder die optimale städtebauliche und architektonische Lösung, noch eine Rückbesinnung auf bestimmte, unterschiedlich bewertete politische Traditionen dürften hier ausschlaggebend sein, sondern die Sehnsucht nach Zeitlosigkeit, nach einer Stadt und einer Symbolbildung der Klassizität, der Zeitenthobenheit. Zutiefst in die Alltagserfahrungen eingedrungen ist die Erkenntnis, dass beschleunigter Wandel und gesteigerte Innovativität moderner Gesellschaften vor allem zu einer rapiden Alterungsbeschleunigung alles Neuen führen. Je avantgardistischer ein Kunst- oder Bauwerk erscheint, je mehr es "heute schon von morgen" ist, um so mehr wird es "morgen schon von gestern" sein. Vermutlich weniger das Misstrauen gegen die Leistungsfähigkeit der zeitgenössischen Architekten, als diese Angst vor dem Veralten, diese Sehnsucht nach dem, was dem Alterungsprozess durch Klassizität enthoben erscheint, dürfte die Volksmeinung - und die der Kommission? - auf die Seite der Schlossbefürworter gezogen haben. Nicht die behauptete singuläre Qualität des Schlosses, sondern seine Kongruenz mit populären Bildern von Innenstadt, von Metropole, also die "Veduten-Qualität" des Schlosses muss man als Motive für die Rekonstruktionsverfechter vermuten.
Auch der heftigste Schlossgegner kann sich dieser Argumentation nicht entziehen. Jedes zeitgenössische Bauwerk, welch überragender Qualität auch immer, wird als Dokument seiner Zeit gelten, mit dieser altern, entwertet, miss- oder unverstanden werden oder sogar untergehen, bei völliger Ungewissheit, ob es denn nach Durchlaufen eines solchen "Entwertungszyklus", befreit von seiner Zeit und zur Klassizität geadelt, wieder auftauchen kann. Das alte Berliner Schloss hat diesen historischen Test bereits bestanden. Man sollte diejenigen nicht allzu sehr verurteilen, die auf einen Kandidaten nicht setzen mögen, der diese im Ergebnis immer wieder offene Prüfung noch vor sich hat.
Und dennoch, den Aufschrei von Axel Schultes, mit der Rekonstruktion des Schlosses vollzöge sich eine Tragödie, sollte man hören. Die Kubatur des Schlosses, dieser "graue Kasten", er kann nicht glücklich machen und hat es wohl nie getan, auch wenn sich alle Folgebauten auf ihn beziehen.
Das Schlossareal von diesem "Klotz zu erlösen", zu zeigen, dass es weder heute noch zur Zeit vor seiner Zerstörung diese Ultima Ratio war und ist, das sollte zumindest noch möglich sein. Axel Schultes und Charlotte Frank haben eine Lösung vorgelegt, die nicht nur der Gegenwart verpflichtet, sondern vielleicht tatsächlich besser ist, als das Schloss es jemals war. Bei ihrer ersten Präsentation wurde sie als architektonisches Mirakel gefeiert. Es lohnt sich auf jeden Fall, noch lange darüber zu streiten, ob man dem "Wunder" nicht eine Chance geben sollte, ob man nicht doch den Mut zum offenen Raum als Symbolisierung der modernen Zivilgesellschaft aufbringen müsste, statt sich auf die Vedute des "gefälligen Schlosses" zurückzuziehen.

Dr. Albrecht Göschel
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