Difu-Berichte 1/2001 - Deutsche Städte und Globalisierung

 
Neues Forschungs-Projekt
am Difu gestartet
    

Der Anfang der 90er-Jahre noch kaum gebräuchliche Begriff der Globalisierung ist inzwischen zu einer Art "Standardformel" geworden, die immer dann benutzt wird, wenn es um die Ursachen sektoraler oder räumlicher Entwicklungstrends oder auch um entsprechende Politiken zu ihrer Regulierung und Steuerung geht. Diese "Formel" wird in der Regel nicht näher erläutert und kann daher für unterschiedliche Ziele eingesetzt werden: zur vereinfachenden Erklärung komplexer Entwicklungen, zur Verschleierung tatsächlicher Zusammenhänge und Entwicklungsdeterminanten, zur Entlastung bei Handlungsdefiziten oder auch zur Durchsetzung spezifischer Interessen.

Was aber verbirgt sich nun hinter dem Begriff der Globalisierung? Nach der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion ist Globalisierung ein mit der kapitalistischen Produktionsweise einhergehender und durch diese beschleunigter Prozess. Sein aktueller Entwicklungsstand ist einerseits vor allem Ergebnis weitreichender technologischer Innovationen im Informations-, Kommunikations- und Transportsektor sowie andererseits politischer, der Flexibilisierung und Liberalisierung des Kapital-, Waren- und Dienstleistungsverkehrs dienender Entscheidungen und Weichenstellungen auf Seiten der führenden Weltwirtschaftsmächte.

Von der Dynamik des Prozesses der Globalisierung werden tendenziell sämtliche gesellschaftlichen Sektoren und geographischen Teilräume erfasst - in unterschiedlicher Weise und Intensität und zu unterschiedlichen Zeiten. Am deutlichsten macht sich diese Dynamik gegenwärtig jedoch sektoral vor allem im Wirtschafts- und Finanzsektor und territorial in einzelnen Regionen der nördlichen Hemisphäre bemerkbar. Zentrale Merkmale hierfür sind:

  • Herausbildung und Relevanzgewinn großer, transnational agierender Konzerne (TNCs) als Folge anhaltender Unternehmensfusionen bei gleichzeitiger Entwicklung neuer Unternehmensstrukturen;
  • eine - häufig unterstellte - wachsende, die Grenzen von Nationalstaaten transzendierende Standortunabhängigkeit dieser "global players";
  • Internationalisierung von Produktionsprozessen, die mit der Installierung länder- und unternehmensübergreifender Produktionsketten einhergeht;
  • zunehmende Deregulierung und Expansion der internationalen Finanzmärkte;
  • verstärkte Entkoppelung von realer und monetärer Wertschöpfung, in deren Folge die Umsätze auf den internationalen Devisenmärkten die des tatsächlichen Warenhandels um ein Vielfaches übersteigen, sowie
  • Komprimierung von Raum und Zeit als Folge der Einführung neuer Informations-, Kommunikations- und Transporttechnologien.

Diese Entwicklungen und Veränderungen konzentrieren sich weitgehend auf die "Triade-Staaten" der nördlichen Erdhälfte (von Europäischer Union, North American Free Trade Area - NAFTA, und Südostasien inklusive Japan). Viele lateinamerikanische, osteuropäische und asiatische Staaten spielen hingegen (noch) eine vergleichsweise geringe Rolle, und die meisten afrikanischen Staaten sind von der Dynamik des wirtschaftlichen Globalisierungsprozesses entweder weitgehend ausgeschlossen oder negativ betroffen.

Weit fortgeschritten ist der Prozess der Globalisierung auch im Kultur-, Freizeit-und Sportsektor; Beispiele hierfür sind die vorwiegend von Europa und den USA ausgehende Erschließung (Westernization) der entlegendsten Weltgegenden mit spezifischen Informationsnetzen (wie CNN) oder den Produkten von Trivialkultur und Unterhaltungsindustrie (von Soap Operas über Unterhaltungsmusik bis zum Softdrink Coca Cola) oder der gleichfalls vorwiegend von den Triade-Staaten ausgehende, immer weitere Teile des Globus einbeziehende Boom im Reise- und Tourismussektor.

Auf dem Arbeitsmarkt findet die zunehmende Entgrenzung im Kapital- und Finanzsektor oder im Kulturbereich keine Entsprechung. Im Gegenteil: Infolge der Abschottungsstrategien vieler Nationalstaaten herrscht hier - abgesehen von einigen begrenzten Marktsegmenten - weniger Freizügigkeit als in der Zeit der großen Migrationswellen nach Nord- und Südamerika vor 1914.

Seinen konkreten räumlichen Niederschlag findet der durch nationale Rahmenbedingungen jeweils unterschiedlich geprägte Prozess der Globalisierung vor allem in Städten und Stadtregionen, die nach Zahl und Größe - dies gilt insbesondere für die südliche Erdhälfte mit ihren anhaltenden Tendenzen der Verstädterung - dauerhaft zunehmen und deren räumliche Strukturen durch fortschreitende Segregation in sozialer, ethnischer sowie ökonomischer Hinsicht gekennzeichnet sind.

Kommunale Entscheidungsträger begreifen den Globalisierungsprozess und die mit ihm assoziierten Entwicklungen - und dies gilt nicht allein für deutsche Städte und deren Repräsentanten - häufig als riesige Welle, die über alle Staaten und Städte brandet und durch nichts aufzuhalten oder zu beeinflussen ist. Mit der Frage, ob dieses Verständnis tatsächlich den realen Gegebenheiten entspricht oder ob es nicht häufig auch ideologischer Natur ist und somit dazu beiträgt, konkrete Problemzusammenhänge zu vernachlässigen, wird sich das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) in einem aktuellen Projekt beschäftigen. Dabei werden mehrere Fragenkomplexe untersucht; hierzu zählen insbesondere folgende:

  • Welche Aspekte des Globalisierungsprozesses haben für die Entwicklung deutscher Städte die größte Relevanz?
  • In welchem Maße werden deutsche Städte und ihre Strukturen von diesen Faktoren im Einzelnen betroffen?
  • Welche anderen Faktoren - europäische, national- oder kommunalspezifische - spielen für die (künftige) Entwicklung deutscher Städte eine maßgebliche Rolle (von den Vorgaben der Europäischen Union bis zu Fragen der demographischen Entwicklung)?
  • Können diese Faktoren gesondert betrachtet werden, oder sind auch sie nur im Kontext des Globalisierungsprozesses zu verstehen?
  • Wie groß ist der Anteil lokal/regional orientierter, wie hoch der global/international orientierter Aktivitäten in Städten? Welchen Einfluss haben diese Aktivitäten - ungeachtet ihres Anteils - auf die städtische Entwicklung?
  • Gibt es in Bezug auf die spezifische Relevanz von Einflussfaktoren signifikante Unterschiede zwischen Städten unterschiedlicher Größe, Struktur und Lage?

Diskussion und Auseinandersetzung mit diesen Fragen versprechen zum einen eine Relativierung des allgemein konstatierten Globalisierungsdrucks, der Städte scheinbar "zu machtlosen Orten" oder passiven Resonanzkörpern werden lässt, und zum anderen begründete Aussagen darüber, wo und in welchen Bereichen kommunale Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten nicht nur bestehen, sondern auch - in Kooperation mit anderen Akteuren - im Sinne einer lebenswerten Stadtentwicklung genutzt werden sollten.

Diskussionen mit stadtentwicklungspolitisch relevanten Akteuren aus deutschen Städten haben die Wichtigkeit des Forschungsthemas eindeutig bestätigt. In Bezug auf den Projektablauf wurde mehrheitlich für ein auf die Durchführung mehrerer stadt- und regionsspezifischer Veranstaltungen setzendes Verfahren votiert. Auf diesen Veranstaltungen sollen der Prozess der Globalisierung, seine Charakteristika und Folgen sowohl im weiteren Kontext als auch intensiv im jeweiligen lokalen Zusammenhang diskutiert werden.

Insgesamt wird an drei bis vier solcher Veranstaltungen gedacht, die im engen Dialog mit den beteiligten Städten gestaltet werden sollen. Als Referenten sind zum einen nationale und internationale Experten (vorwiegend aus dem Wissenschaftsbereich) vorgesehen, die sich mit dem Thema "Globalisierung und Städte" im weiteren Kontext auseinandersetzen, und zum anderen stadtentwicklungspolitisch relevante Akteure aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, die das Thema konkret aus unterschiedlichen Blickwinkeln und in Kenntnis lokalspezifisch relevanter Problem- und Entwicklungsschwerpunkte (wie z.B. Wirtschaft, Handel, Kultur oder Stadtstruktur) beleuchten sollen.

Diese Verbindung von Wissenschaft und Praxis, von Außen- und Innensicht, von abstrakten und konkreten Positionen verspricht einen breit gefächerten und kreativen Diskurs, der in eine Podiumsdiskussion münden soll, auf der lokal-/regionalspezifische Strategien und Handlungsempfehlungen formuliert werden.

 
Weitere Informationen:
Dr. phil. Dipl.-Ing. Werner Heinz
Telefon: 0221/340308-0
E-Mail:
heinz@difu.de
    

Gemeinsames Ziel aller Veranstaltungen ist vor allem: unterschiedliche maßgebliche Akteure aus Stadt und Region für die komplexe Thematik zu sensibilisieren, den Zusammenhang von Globalisierung und stadtspezifischen Auswirkungen zu präzisieren und/oder zu relativieren, kommunale/ regionale Entwicklungsperspektiven und Handlungsoptionen zu eröffnen sowie lokalspezifische Handlungsansätze unter den Bedingungen "einer sich globalisierenden Welt" zu formulieren.