Difu-Berichte 1/1999 - Zwischen Überforderung und Selbstbehauptung
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Zwischen Überforderung und Selbstbehauptung - Städte unter dem Primat der Ökonomie
Dokumentation des Difu-Symposiums 1998
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Die Autorinnen und Autoren Jochen Dieckmann |
"ZukunftsWerkStadt" lautete der Titel des Symposiums, zu dem das Deutsche Institut für Urbanistik anläßlich seines 25jährigen Bestehens im September 1998 Repräsentanten aus Politik und Wissenschaft einlud. Im Zentrum des Interesses standen hauptsächlich jene Fragen, die nun der Dokumentation ihren Titel geben: Wie können sich die Städte an der Schwelle zum neuen Jahrtausend angesichts immer neuer Herausforderungen behaupten? Wie stellen sie sich dem allgegenwärtigen Primat der Ökonomie, und wie verfolgen sie weiterhin auch ihre sozialen und ökologischen Ziele? Der vorliegende Band dokumentiert die Beiträge ausgewiesener Experten aus Praxis und Wissenschaft zu den Entwicklungsperspektiven für die Stadt, zu Stadtraum und Stadtgesellschaft ebenso wie zu den Werkstattgesprächen "Vom Leitbild zum konkreten Handeln". Als das Institut 1998 das Symposium plante, lag es nahe, die Zukunft der Städte zum Thema zu machen. Die Dokumentation wird - im Anschluß an die kurzen einleitenden Texte - in diesem Sinne mit einem perspektivischen Beitrag eröffnet, der schon im Vorfeld der Veranstaltung entstanden war. Der Leiter des Instituts und Herausgeber dieses Bandes nimmt weltweite Trends in Wirtschaft und Gesellschaft unter die Lupe und skizziert deren Folgen für den Standort Stadt. Zukunftweisende Kommunalpolitik zeichnet sich - wie der Beitrag verdeutlicht - dadurch aus, daß Grenzen der Einflußnahme auf bestimmte Entwicklungen anerkannt und Energien dort gebündelt werden, wo die Städte selbst ihre Handlungseffizienz steigern können. Dieser Vorstellung entsprechend werden drei konzeptionelle Handlungsansätze vorgestellt - Verwaltungsmodernisierung, strategische Regionsbildung und öffentlich-private Partnerschaften -, die dem Ziel der Übernahme sozialer und ökologischer Verantwortung in der Kommunalpolitik unter den bestehenden, oft schwierigen ökonomischen Rahmenbedingungen dienen sollen. Die Zukunft einer Stadt ist Werk tätiger Menschen, nicht Schicksal, die Stadt selbst Produkt und Ort der Produktion, Werkstätte. Der für das Symposium gewählt Titel "ZukunftsWerkStadt" mit seinen Unschärfen sollte die Doppelperspektive von Stadt als Stadtraum und als Stadtgesellschaft aufgreifen. Im Stadtraum bildet sich die Stadtgesellschaft mit ihren Werten und Möglichkeiten ab: Durch Individualismus, Bequemlichkeit und relativen Reichtum kommt es zum Beispiel zu einem städteerstickenden Verkehr ebenso wie zum Flächenfraß der Suburbanisierungsprozesse. Aber der Stadtraum prägt auch seinerseits die Stadtgesellschaft, nimmt oder gibt Möglichkeiten der Wahrnehmung, Begegnung und Kommunikation im öffentlichen Raum oder in den unwirtlichen Wohnburgen der 60er und 70er Jahre. Am ersten Tag des Symposiums ging es in sieben Kurzreferaten aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven um das Disparate der Zukunft, das Kaleidoskop von "Trends, Sorgen, Visionen". Diese bilden, soweit für die Veröffentlichung ausformulierte Texte vorgelegt wurden, nach den einleitenden Beiträgen den zweiten Teil dieses Bandes.
Viele der wahrnehmbaren Trends spiegeln nun keineswegs unsere Vorstellungen vom guten Leben, sondern Haltungen und Entscheidungen, die vielmehr Anlaß zur Sorge geben. Die individuellen Vorstellungen vom guten Leben liegen in unserer Gesellschaft zwar weit auseinander, wahrscheinlich weiter als in früheren Zeiten, aber die gesellschaftlichen Vorstellungen, wie dieses zu bewahren sei, konvergieren seit gut zehn Jahren mehr und mehr um den Begriff der Nachhaltigkeit. Die aktuellen Sorgen der deutschen Städte sind nun dadurch gekennzeichnet, daß die Nachhaltigkeit nicht nur durch eine spezifische Zielverfehlung gefährdet ist. Ökologische Probleme (wie Klimagefahren, Bodenversiegelung oder Rückgang der Artenvielfalt) stehen gleichzeitig und gleichwertig neben sozialen Problemen, die unter anderem herrühren aus dem Abbau der Wertegemeinschaft (auch durch Zuwanderung) und zugleich dem Schwinden der Toleranz, aus der Zunahme von Ellenbogenmentalität und Gewaltbereitschaft und zugleich von Aussteigermentalität. Gleichzeitig bestehen - in ihrer Bedeutung ebenso gravierende - ökonomische Probleme, vor allem die dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit von über vier Millionen Erwerbspersonen mit ihren Folgen für die davon betroffenen Menschen ebenso wie für die Kommunalfinanzen und die absehbaren Gefährdungen im internationalen Wettbewerb der Nationen, Regionen und Städte. Hinsichtlich der Einschätzung dieser Sorgen ist der relativierende Hinweis zu akzeptieren, daß sie nicht historisch einmalig oder im internationalen Vergleich herausragend sind, nicht aber die These, nur die mutlosen Deutschen" ließen sich wieder einmal lähmende Ängste suggerieren. Die Sorgen haben eine sehr reale Basis. Von Visionen, die als in sich schlüssige Konzeptionen Richtschnur des Handelns sein können, war auf dem Symposium seltener die Rede. Der Mut reichte nur für eher fragmentarische Teil-Leitbilder, die dann meist von anderen Teilnehmern rasch als nicht erstrebenswert oder als unerreichbar abgetan wurden: die kompakte Stadt, die solidarische Stadt, die naturverträgliche Stadt, die prosperierende Stadt. Ein Ertrag für die laufende Leitbilder-Debatte in deutschen Städten bestand in der nachdrücklichen Vorwarnung, daß keine Zielharmonie zwischen diesen Teil-Leitbildern herrscht, vielmehr die Gefahr schwerwiegender Zielkonflikte, wie etwa zwischen der prosperierenden und der naturverträglichen oder zwischen der prosperierenden und der solidarischen Stadt. Der Primat der Ökonomie in der globalisierten Weltwirtschaft macht es immer schwieriger, lokale Konzepte von sozialem Ausgleich oder von schonendem Umgang mit den natürlichen Ressourcen umzusetzen. Insofern sehen viele Städte tradierte Felder der kommunalen Selbstverwaltung in Gefahr. Sie suchen nach neuen Wegen, um auch unter neuen Rahmenbedingungen ihren Handlungsspielraum zu behaupten. |
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Weitere Informationen: Redaktion Pressestelle |
Am zweiten Tag der Veranstaltung wurde der Versuch unternommen, trotz aller Unsicherheiten, trotz aller Restriktionen "Wege zum konkreten Handeln" zu erkunden. Vier parallele Werkstätten hatten jeweils ein unstrittiges Ziel, ausgedrückt in den Überschriften: "Nachhaltiges Wirtschaften", "Gesellschaftliche Integration", "Leistungsfähige Infrastruktur" und "Politische Stabilität". Die grundlegenden Ausarbeitungen des Deutschen Instituts für Urbanistik zu diesen Werkstätten bilden den Schwerpunkt des dritten Teils in diesem Band, ergänzt um die vorliegenden Referate aus der kommunalen Praxis. In der konkreten Stadtpolitik werden vor allem die integrativen und die präventiven Aspekte der vorgeschlagenen Handlungsansätze schwer umzusetzen sein. Konsens über die Ziele reicht im übrigen nicht aus. Wichtig sind auch konkrete Hilfestellungen über den Weg dahin, das Prozedere. Hier sind - wie bereits oben angedeutet - vor allem drei verwaltungspolitische Innovationsfelder weiter zu bedenken und zu erproben: intraregionale Kooperation und strategische Regionsbildung im Wettbewerb der Regionen; neue Wege der Zusammenarbeit zwischen Kommune, Unternehmen und Bürgern von den Public Private Partnerships bei Großprojekten der Stadtentwicklung bis zu den Lokale-Agenda-21-Prozessen und -Projekten; schließlich die Verwaltungsmodernisierung. Kommunale Probleme entstehen vorrangig durch die großen, weltweiten ökonomischen und sozialen Trends, aber - indirekt - auch durch Handlungsrestriktionen für die lokalen Akteure: endliche Ressourcen und Naturgesetze, Finanzknappheit, rechtliche Regeln, Interessengegensätze und politische Blockaden sowie Mangel an Handlungswissen. Nur die letzte dieser Restriktionen kann durch Stadtforschung gemildert werden. Daß deren Beitrag aber nicht unterschätzt werden darf, macht das Schlußwort der Präsidentin des Deutschen Städtetages deutlich und, so ist zu hoffen, dieser Band insgesamt. |
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