Difu-Berichte 1/1997 - Kinderlärm ist Zukunftsmusik

Fachtagung im Rahmen des Bundeswettbewerbs "Kinder- und familienfreundliche Gemeinde"

Das Deutsche Institut für Urbanistik führte am 21. Januar 1997 die Fachtagung "Kinder- und familienfreundliche Gemeinde" durch, die Teil des vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ausgelobten und vom Difu sowie von der Argrarsozialen Gesellschaft (ASG) betreuten Wettbewerbs "Kinder- und familienfreundliche Gemeinde" ist. Gertrud Dempwolf, Parlamentarische Staatssekretärin im BMFSFJ, leitete die Tagung ein, die vor rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Städten, Gemeinden, Verbänden und Institutionen besucht wurde. Dr. Konrad Deufel, der Oberstadtdirektor Hildesheims und stellvertretende Vorsitzende des Sozialausschusses des Deutschen Städtetags (DST), Prof. Dr. Franz-Xaver Kaufmann und Dr. Dirk Heuwinkel hielten die Hauptreferate.

Dabei wies Prof. Kaufmann in einem historischen Abriß darauf hin, daß in Deutschland, zumal in der Bundesrepublik Familien- und Bevölkerungspolitik einen weitaus geringeren Stellenwert innehat als in den westlichen Nachbarstaaten wie zum Beispiel Frankreich. Auch die gezielte Bevölkerungspolitik der DDR, die die Folgen einer ungünstigen demographischen Entwicklung für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zu vermeiden suchte, ist mit der Vereinigung zunächst aus dem Blick geraten. Daneben wurde aber auch auf die veränderten Rahmenbedingungen, den Wertewandel in der persönlichen Lebensführung und den damit verbundenen Einstellungsänderungen der Bevölkerung zur Familie hingewiesen. Der tatsächliche Bedeutungsschwund der Familie als Lebensentwurf für den einzelnen werde durch den real wesentlich geringeren Lebensstandard von Familien mit Kindern noch verstärkt. Zusammenfassend konstatierte Prof. Kaufmann, "daß die Wohlstandsentwicklung der letzten Jahrzehnte und der mit ihr einhergehende sogenannte Wertewandel den Entfaltungsbedingungen von Familien nicht förderlich gewesen ist ...". Aus der Sicht einer zukunftsorientierten Gesellschaft stelle "die niedrige Geburtenrate der letzten Jahrzehnte in ökonomischer Perspektive einen gigantischen Desinvestitionsprozeß dar." Eine der Bedingungen, um hier eine Trendwende zu erreichen, sei es, einen stärkeren Familienlastenausgleich auf den Weg zu bringen.

Dr. Deufel ging auch auf die Folgen ein, die die Entwicklung von Einpersonenhaushalten für ein Gemeinwesen haben muß. Es sei eine "schleichende Entmischung" von Wohngebäuden bis zur altersstrukturellen Verarmung ganzer Wohnquartiere und Stadtteile zu beobachten. Dabei sei das "Zusammenleben der Generationen eine Schlüsselgröße des Stadtlebens", eine wichtige Voraussetzung für die für ein funktionierendes Gemeinwesen so bedeutsamen sozialen Netze. Er forderte daher eine "Sozial-Raum-Planung", um auf gemeindliche und stadtteilbezogene Problemlagen und Entwicklungstrends mit gezielten Infrastrukturmaßnahmen eingehen zu können. Dazu gehöre auch eine Planungskultur, die bereit ist, neue Beteiligungs- und Öffentlichkeitsformen auszuprobieren und einzusetzen. Es wurde nicht zuletzt darauf hingewiesen, daß eine recht verstandene Familienpolitik auch als eine kommunale Entwicklungsstrategie zur Sicherung des Standorts im interkommunalen Wettbewerb zu verstehen ist. In letzter Konsequenz forderte Dr. Deufel, daß eine perspektivorientierte "Familienpolitik zur kommunalen Gesellschaftspolitik wird" und schloß mit den von den Tagungsteilnehmern lebhaft unterstützten Worten: "Kinderlärm ist Zukunftsmusik".

In der Diskussion mit Dr. Deufel, Prof. Kaufmann und Ministerialdirektor Lutz vom BMFSFJ wurden unter der Tagungsleitung von Prof. Dr. Heinrich Mäding, Leiter des Difu, mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Rahmenbedingungen und Möglichkeiten kommunaler Kinder- und Familienpolitik erörtert. Abschließend wurden Fragen zur Durchführung des Wettbewerbs mit dem Referatsleiter des Bundesministeriums, Norbert Feith, Dr. Dieter Czech, ASG und Dr. Albrecht Göschel, Difu, als Vertreter der wettbewerbsdurchführenden Institute beantwortet.

Die außerordentliche Bedeutung und der gesellschaftliche Rang des Themas kam nicht nur durch die hohe Beteiligung an der Fachtagung und ihrem gelungenen Verlauf zum Ausdruck, sondern findet auch Bestätigung in dem Interesse an einer Beteiligung an dem Bundeswettbewerb. Bisher haben mehr als 1000 Städte und Gemeinden die Unterlagen zum Wettbewerb angefordert. Im September soll der Bundeswettbewerb mit einer Prämierung durch die Bundesministerin Claudia Nolte abgeschlossen werden.

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