Difu-Berichte 1/1996 - Telekommunikation in den neuen Bundesländern

Betriebliche und räumliche Wirkungen seit 1990

Durch fehlende oder mangelhafte wirtschaftsnahe Infrastruktur, zu der auch die Ausstattung mit Telekommunikationsmöglichkeiten zählt, wurde die Wirtschaftsentwicklung Ostdeutschlands anfangs erheblich behindert. Mit einem groß angelegten Investitionsprogramm wurde und wird die Telekommunikationsinfrastruktur in Ostdeutschland ausgebaut. Im Rahmen des Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft "Technologischer Wandel und Regionalentwicklung in Europa" hat das Deutsche Institut für Urbanistik zusammen mit dem Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) die räumlichen und ökonomischen Wirkungen der Telekommunikation (Tk) in den neuen Bundesländern am Beispiel ausgewählter Wirtschaftsbranchen in vier Fallstudienregionen untersucht: dem ländlichen Raum Waren/Neustrelitz, der Grenzregion Frankfurt (Oder)/Eisenhüttenstadt, dem Ballungsraum Leipzig und dem Industrieband Eisenach/Gotha/Erfurt/Weimar.

Telekommunikationsnetze und -dienste: Nachfrage, Ausstattung und Nutzung

In den zurückliegenden fünf Jahren hat sich das Tk-Angebot in den neuen Bundesländern entscheidend verbessert. Die Wartezeit für Unternehmen auf einen Telefonanschluß ging von mehr als 13 Monaten (1991) auf rund fünf Monate (1993) zurück. Für Betriebe, die dennoch längere Zeit ohne Telefonanschluß blieben, - Anfang 1994 betraf das immerhin noch sechs Prozent der befragten Unternehmen -stellte dies jedoch eine erhebliche Behinderung bei ihrer Geschäftstätigkeit dar. Wichtig waren daher Möglichkeiten zur Überbrückung der Zeit ohne Festanschluß, beispielsweise durch finanzielle Förderung der Unternehmen bei der Nutzung von Mobilfunk oder der Anbindung an das Netz über drahtlose Leitungen.

Am schnellsten konnten die Versorgungslücken bei Telefon und Telefax geschlossen werden. Diese beiden Dienste deckten bei vielen der untersuchten Unternehmen den Tk-Bedarf auch völlig ab. Gerade bei den für die Regionalentwicklung bedeutsamen innovativen, technologieorientierten, kleinen und mittleren Unternehmen und Neugründungen bestand aber häufig der Bedarf für ein anspruchsvolleres Tk-Angebot. Gleichzeitig waren in diesem Bereich aber über den gesamten Untersuchungszeitraum auch die größten Versorgungslücken festzustellen.

Betriebliche Wirkungen

Neben den technischen und infrastrukturellen Problemen beim Ausbau wurden Betriebe in der Einführungsphase der Telekommunikation mit Schwierigkeiten konfrontiert, die überwiegend im Bereich "Kundenkontakt zur DBP Telekom" anzusiedeln sind. Deutlich wurde dabei zweierlei:

  • das Vorhandensein von offenbar nicht unerheblichen Managementdefiziten in den ostdeutschen Fernmeldeämtern (die ohne Zweifel eine gewaltige Infrastrukturaufgabe zu bewältigen hatten),
  • die große Bedeutung informeller und direkter Kontakte zu einzelnen Mitarbeitern oder Dienststellen der DBP Telekom für eine gedeihliche Zusammenarbeit und zügige Lösung von Tk-Problemen.

Der Beitrag der Telekommunikation zur wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen Bundesländern hängt aber nicht allein von infrastrukturellen Vorausetzungen, sondern auch von ihrem Einsatz in der betrieblichen Praxis ab. Grundsätzlich konnten bei der Einführung neuer Tk-Technologien keine Unterschiede zwischen ostdeutschen und westdeutschen Klein- und Mittelbetrieben festgestellt werden. Es zeigte sich ein vielfältiges Spektrum an betrieblichen Hemmfaktoren, angefangen bei Technikinkompatibilitäten über fehlende organisatorische Voraussetzungen und Regularien bis hin zu sozialen Barrieren bei der Techniknutzung, wie es auch in der mittelständischen Wirtschaft der alten Bundesländer zu beobachten ist. Eindeutige Defizite wurden im Hinblick auf die Informationslage über Angebot und Möglichkeiten der Telekommunikation ausgemacht. Auch die Kosten spielten bei der Frage der Tk-Einführung eine wichtige, wenn auch selten ausschlaggebende Rolle. Es dominierte hier die Kritik an den allgemein als zu hoch angesehenen Verkehrsgebühren der DBP Telekom, aber auch beim privaten Mobilfunk.

Standortwahl und räumliche Effekte

Im Rahmen der Standortwahl von Unternehmen stellte die Tk-Versorgung zwar eine notwendige, aber nicht hinreichende Ausstattungsvoraussetzung dar, die aber in manchen Fällen den Ausschlag zugunsten eines ohnehin positiv bewerteten Standorts bewirken konnte. Die Telekommunikation hat die nachholende Suburbanisierung von Wohn- und Arbeitsstätten in Ostdeutschland nachhaltig unterstützt. Die ohnehin durch unklare Eigentumsverhältnisse, Verkehrsprobleme usw. belasteten Innenstadtlagen waren durch eine mangelhafte Tk-Versorgung zusätzlich benachteiligt.

Eine frühzeitige Versorgung der Unternehmen mit Telefonanschlüssen war abhängig von der kleinräumlichen Lage der Betriebsstandorte und den unterschiedlichen fernmeldetechnischen Gegebenheiten in den einzelnen Anschlußbereichen der Ortsnetze. Besondere Gewerbeflächentypen (Gewerbeparks, Technologiezentren usw.) boten in bezug auf eine frühzeitige Versorgung mit Telefonanschlüssen keinen Vorteil.

Im Gegensatz zu den Auswirkungen der Tk-Nutzung auf die räumliche Dekonzentration der eigenen Betriebsabläufe, die von den Betrieben als eher gering eingeschätzt wurden, wurden der Telekommunikation deutliche Vorteile bei der Kooperation mit anderen Unternehmen und bei der Vergrößerung des Kundeneinzugsbereichs zugesprochen. Insgesamt zeigte sich jedoch wie schon in vielen früheren Untersuchungen, daß Telekommunikation selbst unter den Knappheitsrelationen in den neuen Bundesländern kein
dominanter Wirkfaktor für räumliche Prozesse ist.

Telekommunikation in den einzelnen Untersuchungsregionen

Für den Untersuchungsraum Waren/Neustrelitz läßt sich nur in Einzelaspekten (so im Mobilfunkbereich oder bei Betrieben des Fremdenverkehrssektors) eine Benachteiligung bei der Tk-Versorgung erkennen. Insgesamt muß jedoch das Bild vom durchweg chancenlosen ländlichen Raum revidiert werden.

Am Beispiel der Untersuchungsregion Frankfurt (Oder)/Eisenhüttenstadt werden die Grenzen der Einflußmöglichkeiten einer guten Tk-Infrastruktur auf die Regionalentwicklung besonders deutlich. Auch fünf Jahre nach der Vereinigung dominieren hier die Probleme der Altindustrie die Regionalentwicklung. Die vergleichsweise frühe Ausstattung mit einer guten Kommunikationsinfrastruktur hat darauf nicht einmal einen mildernden Einfluß gehabt. Der modernen Tk-Technik fehlen die innovativen Anwender.

In der Region Leipzig zeigt sich deutlich die Divergenz zwischen dem Anspruch als ostdeutschem
Tk-Vorreiter und der Wirklichkeit eines nur langsam abzubauenden Nachfrageüberhangs nach Tk-Anschlüssen, wie sie für Ballungsräume in den neuen Bundesländern typisch war.

Die Untersuchungsregion Eisenach/Gotha/Erfurt/Weimar zeigt das Bild einer sich innerhalb der neuen Bundesländer vergleichsweise dynamisch entwickelnden Wirtschaftsregion mit Reindustrialisierungsansätzen. Die Tk-Versorgung hat diese Entwicklung, trotz vorhandener Engpässe während des Untersuchungszeitraums, unterstützt.

Schlußfolgerungen und Empfehlungen

Die Ausbaupolitik der DBP Telekom hat sich in den neuen Bundesländern - wie in den alten Bundesländern bisher auch - an den normativen Vorstellungen des Gemeinwohlauftrags orientiert. Als normative Leitlinie gilt weiterhin: Bis 1997 soll die Versorgung in den neuen Bundesländern dem Standard in den alten Bundesländern weitgehend angeglichen werden. Die Liberalisierung des Tk-Marktes kann die Ziele und den planmäßigen Ausbau der Tk-Infrastruktur in den neuen Bundesländern kaum noch beeinflussen. Gleiche Ausgangsvoraussetzungen für die westdeutschen und ostdeutschen Regionen zu diesem Zeitpunkt sind schon deswegen besonders wichtig, weil infolge der Deregulierung eine Aufweichung des Prinzips flächendeckender Tk-Versorgung zu gleichen Bedingungen und Preisen zu befürchten ist. Dies könnte gerade in unterversorgten oder nachfrageschwachen Räumen zukünftig erhebliche Schwierig keiten bei der Anbindung an moderne Tk-Netze bereiten.

Im Zuge fortschreitender Liberalisierung und einer zunehmenden Zahl von Tk-Anbietern muß durch geeignete Regularien sichergestellt werden, daß es nicht zu einer allein an Gewinnerwartungen orientierten "Filetierung" des Tk-Marktes kommt: Massive Preissenkungen für Großkunden und in den Verdichtungsräumen dürfen beispielsweise nicht zu Lasten kleinerer Unternehmen und peripherer Standorte erfolgen.

Landesplanerische Vorstellungen wurden bei den Tk-Ausbaukonzepten nicht systematisch berücksichtigt. Insbesondere wurde bisher der Ausbau der Telekommunikation nicht gezielt zur Förderung benachteiligter Gebiete eingesetzt. Dennoch gingen vom Tk-Ausbau in diesen Bereichen direkte und indirekte Förderungseffekte aus.

Insgesamt jedoch erscheint zukünftig eine bessere Abstimmung der Tk-Konzepte mit den Konzepten der Landesplanung sinnvoll. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Schaffung einer Hochleistungsinfrastruktur für Telekommunikation und den in diesem Zusammenhang diskutierten Potentialen für die Regionalentwicklung. Auf kommunaler Ebene könnten sich beispielsweise sogenannte "Runde Tische örtliche Telekommunikation", an denen Betriebe, Kammern, Kommunalverwaltung und Tk-Anbieter beteiligt sind, als hilfreiches Instrument für die Ausgestaltung einer, an den endogenen Potentialen ansetzenden integrierten
lokalen Tk-Politik erweisen.

Die Wünsche kleinerer und mittlerer Unternehmen im Tk-Bereich zielten insbesondere auf eine Stärkung der Bereiche Service und Beratung ab. Gerade diese Kundenklientel könnte besser mit einer
one stop agency bedient werden, die einen zentralen Ansprechpartner für alle Tk-Fragen darstellt und den Kunden von der Auftragserteilung bis zur Auftragserledigung betreut. Darüber hinaus kommt es auf die Verbesserung des Anwendungs-Know-hows in den Unternehmen an, um die
Intelligenz der Anwendungen zu erhöhen und die Technik gezielter in den Dienst der unternehmerischen Zielsetzungen zu stellen. Dies bedarf eines abgestimmteren, idealerweise herstellerunabhängigen Beratungs- und Transferangebotes für kleine und mittlere Unternehmen.

Die ausführlichen Untersuchungsergebnisse sind soeben als WerkstattBericht Nr. 26 des IZT erschienen (ISBN 3-929173-26-3).

Weitere Informationen:

Deutsches Institut für Urbanistik
Dipl.-Geogr. Holger Floeting      Telefon: 030/39001-221
 

Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung
Beate Schulz, M.A.      Telefon: 030/80 30 88-42

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