Difu-Berichte 1/1996 - Kommunale Arbeitszeitpolitik

Veränderte Arbeitszeiten und kommunale Handlungsmöglichkeiten

Die Flexibilisierung von Arbeits- und Betriebszeiten ist wichtig für die Sicherung von Arbeitsplätzen, den Erhalt der Qualität und Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland sowie die Verbesserung der Servicequalität von Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Die Auswirkungen, die solche Veränderungen auf das soziale Leben (welchen Aufwand beispielsweise Arbeitnehmer betreiben müssen, um ihre Arbeitszeit, Freizeit und soziale Zeit zu koordinieren) und auf die Handlungsnotwendigkeiten der Kommune (welche Anforderungen sich etwa für die Koordination von Öfnungs- und Servicezeiten ergeben) haben, werden bei der Planung bisher nur ungenügend berücksichtigt.

Die Bedeutung des Faktors Zeit und damit die Relevanz des Themas "Zeitpolitik" dringt zunehmend ins öffentliche Bewußtsein. Kommunale Zeitpolitik ist dagegen ein in Deutschland weitgehend
unterentwickeltes Gebiet kommunaler Politik - im Gegensatz zu Ansätzen in italienischen Kommunen. Aus den vielfältigen Aspekten, die mit der Entwicklung einer kommunalen Zeitpolitik verbunden sein können, werden für das vorliegende Projekt drei Aspekte in den Mittelpunkt der Analyse gerückt, die der Ableitung von Handlungsempfehlungen dienen sollen:

  • die Arbeitszeitgestaltung der Kommunen für die kommunalen Beschäftigten (Kommune als Arbeitgeber und Tarifpartner),
  • die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Betrieben und Kommunen zur verträglichen Gestaltung von Arbeits- und Betriebszeitveränderungen in der Privatwirtschaft im Hinblick auf die Sozial- und Umweltverträglichkeit sowie auf die Auswirkungen auf Wirtschaftlichkeit und städtischen Rhythmus (Kommune als Netzwerkpartner - interaktiv, antizipativ),
  • die Reaktionsmöglichkeiten der Kommunen zur Sicherung der Verträglichkeit in Fällen, in denen bei Arbeits- und Betriebszeitveränderungen keine Kooperation mit Betrieben erfolgt (Kommune als Netzwerkpartner - reaktiv).

Für alle drei Aspekte kommunaler Zeitpolitik wird deutlich, daß Zeitstrukturveränderungen zu erheblichem Folgen führen können für:

  • Die Organisation städtischen Lebens, die städtischen Rhythmen,
  • die Chancen einzelner Beschäftigtengruppen, am städtischen Leben teilzunehmen, also die Möglichkeit, (städtische) Dienste und Angebote in Anspruch nehmen zu können oder sich kommunalpolitisch zu betätigen,
  • die Lebensqualität, die durch die Abstimmung unterschiedlicher Rhythmen aufeinander (z.B. Arbeitszeiten, Öffnungszeiten, natürliche Rhythmen) in den Städten wesentlich beeinflußt wird,
  • die kommunalen Handlungsnotwendigkeiten und die kommunale Handlungsfähigkeit.

Alle drei Aspekte kommunaler Zeitentwicklung und -politik sind wenig untersucht. Die Kommunen fangen erst an, die Bedeutung eigener Arbeitszeitpolitik zu erkennen und sich der Folgen privatwirtschaftlicher Arbeits- und Betriebszeitveränderungen für kommunales Handeln und die städtische Lebensqualität stärker bewußt zu werden. Auch die Privatunternehmen haben bislang die Folgen neuer Arbeits- und Betriebszeitmodelle für städtisches Leben, städtische Rhythmen, und damit einen wesentlichen Aspekt der Lebensqualität ihrer Beschäftigten, selten berücksichtigt. Eine
angemessene Reaktion der Kommunen, etwa die Sicherstellung der ÖPNV-Bedienung, wurde meist einfach vorausgesetzt.

Aufgabe des Projektes ist es, diesen Aspekten kommunaler Arbeitszeitpolitik intensiver nachzugehen. Dazu ist es zunächst erforderlich, vorhandene zeitliche Strukturen und Handlungsansätze empirisch zu erfassen und zu bewerten. In einem zweiten Schritt sollen aus dem Vergleich der unterschiedlichen Strukturen und Prozesse und ihrer Bewertung Handlungsempfehlungen sowohl für die Kommunen wie auch für die Betriebe abgeleitet werden.

Die Untersuchung wird auf der Basis mehrerer vergleichender Fallstudien in unterschiedlich strukturierten Städten durchgeführt.

Der vorgesehene Vergleich mehrerer Beispielstädte hinsichtlich der Organisation der Arbeitszeiten der jeweiligen Beschäftigten kann offenlegen,

  • welche Möglichkeiten unterschiedlicher zeitlicher Organisation für gleiche Aufgabenbereiche bestehen,
  • welche Folgen dies für die Beschäftigten in den einzelnen Bereichen hat (etwa hinsichtlich des Ausmaßes von Schichtbetrieb, der Teilhabechancen am
    öffentlichen Leben, der Zeitautonomie und Lebensqualität der kommunalen Bediensteten),
  • welche Folgen unterschiedliche Zeitorganisationen für Effizienz und Qualität der Leistungen und damit auch für den kommunalen Haushalt haben,
  • welche Verbesserungsmöglichkeiten im Hinblick auf eine ausgewogene Verfolgung der Ziele
    • der Beschäftigten - Zeitautonomie, Teilhabechancen und Lebensqua lität - bzw.
    • der Kommune - Wirtschaftlichkeit, Steuerbarkeit und Sozialklima bestehen.

Ein Vergleich mehrerer Beispielstädte, in denen in den letzten Jahren private Betriebe deutliche Umstrukturierungen ihrer Arbeits- und Betriebszeitorganisation vorgenommen haben, wird im Hinblick auf die Folgen für die Kommunen deutlich machen,

  • wie sich durch betriebliche Arbeitszeitveränderungen städtische Rhythmen verändert haben,
  • wie sich die Teilhabechancen der Beschäftigten, ihre Zeitautonomie, ihre Lebensqualität gewandelt haben,
  • welche Folgen sich für die Arbeits- und Betriebszeiten städtischer Dienstleistungsbereiche ergeben (beispielsweise hinsichtlich der Organisation des ÖPNV, der Veränderung von Öffnungszeiten, der Verkehrsregelung),
  • welche Kooperationsformen zwischen Unternehmen und Kommunen zur verträglichen Bewältigung von zeitlichen Umstrukturierungen bislang bestehen (Hypothese: keine),
  • welche Verbesserungsmöglichkeiten vorhanden sind und welche Handlungsoptionen den Kommunen zur Beeinflussung betrieblicher Arbeitszeitpolitik offenstehen.

Ein Vergleich der Reaktionen der Städte auf betriebliche Zeitveränderungen würde erkennbar machen,

  • wie die Veränderungen in den Kommunen wahrgenommen werden, welche Zuständigkeiten innerhalb der Verwaltung für Zeitorganisation und welche internen Kooperationen bestehen,
  • welche Anpassungen an betriebliche Zeitveränderungen geleistet oder nicht geleistet werden und welche Friktionen durch unabgestimmtes Verhalten entstehen,
  • welchen Aufwand solche Anpassungsleistungen für die Kommunen erfordern, welche Folgekosten durch unabgestimmte betriebliche Zeitpolitik auf die Kommune abgewälzt werden,
  • wo Verbesserungs- und Einsparpotentiale liegen (womit auf die aktive Rolle der Kommune als Gestalter von Zeitpolitik zurückverwiesen wird).

Die Arbeits- und Betriebszeiten sind wesentliche Taktgeber für städtische Rhythmen. Daher erscheint eine Vernachlässigung der Bedeutung der Zeitpolitik für die eigenen Beschäftigten sowie die geringe Kooperation zwischen Kommunen und Betrieben, gerade vor dem Hintergrund der oben genannten Ziele, als ein großes Defizit. Vor allem internationale Erfahrungen zeigen, daß mit dem weiteren Vordringen flexibler Arbeitszeiten und den finanziellen Restriktionen der Kommunalhaushalte kommunale Zeitpolitik an Bedeutung gewinnen dürfte.

Die Untersuchung wird Anfang 1996 beginnen und soll im Herbst 1997 abgeschlossen sein. Als Fallstudienstädte werden Karlsruhe und Wolfsburg sowie nach Möglichkeit eine Stadt aus den neuen Bundesländern einbezogen.

Weitere Informationen:
Dr. rer. soc. Dietrich Henckel
Telefon: 030 / 390 01 - 292
Dipl.-Geogr. Beate Hollbach-Grömig
Telefon: 030 / 390 01 - 293