Difu-Berichte 1-2/2005 - Forschungsbilanz Aufbau Ost
Forschungsbilanz: Untersuchungsergebnisse seit 1990
Der Aufbau Ost ist ein zentrales Thema auf der politischen Agenda der Bundesrepublik Deutschland. Zu den hierfür mobilisierten Ressourcen gehört auch die Forschung, die sich mit diesem Thema seit 1990 befasst. Mit welchen Untersuchungsergebnissen begleitet die Forschung die Praxis beim Aufbau Ost, wie kommentiert sie seine Ergebnisse und welche Empfehlungen spricht sie für die künftige Ausgestaltung dieser Aufgabe aus?
Zu diesen Fragen hat das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) einen Untersuchungsauftrag an das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) vergeben und hierzu hat das Difu die Veröffentlichung "Der Aufbau Ost als Gegenstand der Forschung - Untersuchungsergebnisse seit 1990" vorgelegt.
An der Bearbeitung des Untersuchungsauftrags waren wichtige Forschungseinrichtungen beteiligt, die selbst mit dem Thema "Aufbau Ost" befasst sind: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), das Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig, das Leibniz-Institut für ökologische Raumforschung (IÖR) in Dresden, das Leibniz- Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner bei Berlin, die TU Dresden und die Universität Potsdam.
Materialbasis und Gegenstand der gemeinsamen Untersuchung waren wissenschaftliche Studien der Eigenforschung, der geförderten Forschung sowie der Auftragsforschung.
Die Untersuchung zeigte, dass die Fülle der Forschungsergebnisse ohne ein gezieltes Wissensmanagement nur schwer zu überschauen ist. Daher wurde für das Projekt eine eigene Literaturdatenbank eingerichtet. Diese umfasst rund 800 Forschungsnachweise, die nach Meinung der Bearbeiter von zentraler Bedeutung sind. Die Difu-Veröffentlichung zum Projekt enthält hiervon durch Register erschlossene Nachweise zu 360 besonders wichtigen Forschungsarbeiten. Solche Nachweissysteme sind nicht nur für die Wissenschaft zukünftig unersetzliche Hilfsmittel, sondern auch für die Verwaltungen von Bund, (neuen) Ländern und Kommunen.
Deutlich wurde auch, dass die Auftragsforschung im Vergleich zu anderen Forschungstypen eine herausragende Rolle spielt: Fast die Hälfte der untersuchten Forschungsprojekte gehört zu diesem Forschungstyp. Das ist ein deutlicher Beleg dafür, dass sich die Politik sehr wohl der Bedeutung der Forschung als Ressource für den Aufbau Ost bewusst war. Vor allem bis zur Mitte der 90er Jahre ist die Zahl der Forschungsprojekte zum Aufbau Ost stark angestiegen, mittlerweile ist tendenziell ein Rückgang zu beobachten. Insgesamt ist die Forschungsintensität zu den neuen Ländern jedoch nicht intensiver als die auf die alten Ländern gerichtete gewesen.
Welche Ergebnisse hatten die Forschungsarbeiten zum Aufbau Ost? Hierzu enthält die Difu-Veröffentlichung kurze Zusammenfassungen für 13 Themenfelder: Lebensqualität privater Haushalte, Wohnungswesen, Städtebau und Stadtumbau Ost, Verkehr, Grundversorgung und soziale Infrastruktur, Bildung und Forschung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, öffentliche Finanzen, Wirtschaftspolitik, Verwaltung, Raumordnung, Regionalpolitik und EU-Osterweiterung. Jeder dieser Bereiche wird mit Quellenangaben zu zentralen Forschungsarbeiten unterlegt. Die Grafik auf Seite 12 zeigt die in der Forschungsprojektdatenbank FORS des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen - ILS - nachgewiesenen Studien in ihrer Zuordnung zu den 13 genannten Themenfeldern des Projekts. Die Grafik auf Seite 13 ermöglicht eine erste Aussage zur Entwicklung der Forschungsintensität im Zeitablauf . Dafür wurden verschiedene Datenbanken zum Nachweis von Forschungsprojekten ausgewertet: Gemessen am Jahr des Projektbeginns zeigt sich durchgehend ein Anstieg der Projektanzahlen bis etwa Mitte der 90er Jahre, dem ein unterschiedlich ausgeprägter Rückgang folgt.
Die Forschung ist kein einfacher Berater für die Praxis. Das ergibt sich aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Grundpositionen und Methoden, die von ihr im Hinblick auf das Thema Aufbau Ost eingesetzt worden sind. Gleichwohl lässt sich eine weitgehende Übereinstimmung in der Grundaussage der Wissenschaftler feststellen, dass dem Aufbau Ost insgesamt große Erfolge zuzurechnen sind. Hierzu zählt die in den neuen Ländern gelungene Transformation der Rahmenbedingungen für rechtsstaatlich geordnete Lebensverhältnisse insgesamt. In mehreren Lebensbereichen (z.B. Wohnungsversorgung, Rentenniveaus, Versorgung mit Infrastuktureinrichtungen) sind Ausstattungs- und Versorgungsniveaus erreicht worden, die nicht nur den aus der DDR-Zeit überkommenen weit überlegen sind, sondern auch Vergleichen mit denen der alten Länder gut standhalten können.
Im Hinblick auf noch immer bestehende Probleme beim wirtschaftlichen Aufbau Ost bezieht ein Teil der Forschung die Position, dass es sich dabei im Kern um ein "Marktversagen" handelt, eine andere Grundposition verweist hingegen auf ein "Staatsversagen". Aus solchen konträren Positionen der Wissenschaft lässt sich auch erklären, dass es selten einhellige Empfehlungen der Forschung für die Politik gibt.
Die Difu-Forschungsbilanz enthält als Ergebnis auch Empfehlungen für die künftige Ausrichtung der Forschung zum Aufbau Ost. Hierzu gehört die Empfehlung, stärker an der Überwindung disziplinärer Grenzen zu arbeiten. So charakterisiert beispielsweise die stark ausgebildete wirtschaftswissenschaftliche Forschung eine Vernachlässigung von interdisziplinären Bezügen, die bei der raumwissenschaftlichen Forschung eher anzutreffen sind.
Weiter wird empfohlen, die bisher üblichen einfachen "Ost-West-Vergleiche" stärker zu differenzieren, um unterschiedliche Entwicklungen im Vergleich der neuen Länder untereinander besser wahrnehmen und interpretieren zu können.
Auch solle man den Blick dafür öffnen, dass der Aufbau Ost in größeren Zusammenhängen zu sehen ist, wie sie sich etwa aus der Globalisierung ergeben. Hierzu gehört auch der Ruf nach einer stärkeren Internationalisierung der Forschung, welche die EU-Osterweiterung und die Transformationsentwicklungen in den östlichen Nachbarländern vergleichend einbezieht.
Gefordert wird zusammenfassend ein "Forschungsprogramm Aufbau Ost" mit einer "neuen Breite und Tiefe der Forschung", die sich vermehrt auch der Policy-Forschung zuwendet und auch sozialpsychologischen und mentalitätsgeschichtlichen Aspekten zum Aufbau Ost stärkere Beachtung schenkt.
Die gesamte Studie ist in der Reihe Difu-Materialien erschienen, die vom Institut im Rahmen des Auftrages bearbeiteten Themenfelder "Grundversorgung und soziale Infrastruktur" sowie "Raumordnung" wurden online veröffentlicht und sind als Volltexte im Internet unter folgenden Links abzurufen: http://edoc.difu.de/edoc.php?id=VXJPG3NQ und http://edoc.difu.de/edoc.php?id=KQ6N4EX3.
Susanne Plagemann
Telefon: 39001-274
E-Mail: plagemann@difu.de
