Difu-Berichte 1-2/2005 - Flächenrecycling: Risikobewertung und Risikokommunikation

Neue Veröffentlichung im Rahmen der deutschamerikanischen Forschungskooperation

Deutsch-amerikanische Forschungskooperation

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die United States Environmental Protection Agency (US EPA) starteten 1990 eine bilaterale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Altlastensanierung. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit steht eine Serie von sechs Workshops, von denen die zweite Veranstaltung in der Reihe der Difu-Materialien dokumentiert ist.

Die jetzige Phase III der deutsch-amerikanischen Forschungskooperation steht unter der Überschrift "Nachhaltige Ressourcenschonung - Flächenmanagement und Flächenrecycling - Sustainable Ressource Conservation - Land Management/Site Recycling".

Da die Kommunen sowohl in den USA als auch in Deutschland eine Schlüsselrolle für eine stärkere Umsetzung des Flächenrecycling spielen, ist ein wesentlicher Baustein des transatlantischen Lernprozesses der Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen amerikanischen und deutschen Wissenschaftlern, vor allem aber auch kommunalen Praktikern im Hinblick auf geeignete Strategien und Instrumente des Flächenrecycling.

Dokumentation eines bilateralen Workshops in Portland

Der am 23. und 24. Oktober 2003 in Portland/ Oregon durchgeführte dritte Workshop behandelte das Thema "Environmental Risk Assessment and Risk Communication" (Risikobewertung und Risikokommunikation). Im Zentrum stand die bilaterale Information über die in den USA und in Deutschland angewandten Strategien und Instrumente, die für Brownfield Redevelopment/Flächenrecycling einsetzbar sind.

Die Dokumentation, die umfangreiche übersetzte Texte und Diskussionsbeiträge sowie englischsprachige Vortragsfolien umfasst, enthält Beiträge US-amerikanischer und deutscher Experten über Vorgehensweisen der Risikobewertung und -kommunikation für ein erfolgreiches Flächenrecycling.

Vorgehensweisen und Werkzeuge der Risikobewertung

Risikobewertungen dienen unter anderem der Ermittlung des Gefährdungspotenzials, der Konzeption von Sanierungsmaßnahmen und der Festlegung von Prioritäten für Sanierungsmaßnahmen auf Altstandorten. Dabei besitzt die historische Erkundung einen hohen Stellenwert für das Auffinden von Kontaminationsherden sowie für die Beprobung von Altlasten. Damit können die Kommunen bereits in einer frühen Projektphase wichtige Informationen insbesondere für betroffene Bevölkerungsteile und Anlieger gewinnen. Um zu sicheren Aussagen über vorhandene Risiken zu kommen, sind vergleichbare Expositionsstandards, Wirkungspfade und Toxizitätsdaten der relevanten Schadstoffe von besonderer Bedeutung. Diese sind für exakte Modell- und Ausbreitungsberechnungen erforderlich.

In der deutschen Praxis der Erkundung und Sanierung von Altlasten werden Prüf- und Maßnahmenwerte für die einzelnen Wirkungspfade der Schadstoffe angewendet, um eine standort- und nutzungsspezifische Bewertung des Schadstoffinventars vorzunehmen. Ausgehend vom 1999 verabschiedeten Bundes-Bodenschutzgesetz hat sich ein gestuftes Vorgehen bei der Altlastenbearbeitung bewährt:

  • Erfassung von altlastverdächtigen Flächen,
  • orientierende Untersuchung (differenziert nach Wirkungspfaden und Schutzgütern),
  • Detailuntersuchung,
  • Sanierungsuntersuchung/Sanierungsplanung,
  • Sanierung,
  • Überwachung/Nachsorge.

Die bundesstaatlichen Vorgehensweisen bei der Risikobewertung in den USA erstrecken sich auf die folgenden Anwendungsbereiche:

  • Ermittlung des Gefährdungspotenzials von Schadstoffen,
  • Konzeption von medizinischen Studien,
  • Festlegung von Prioritäten für die Untersuchungen,
  • Erarbeitung von Schwellenwerten für Vorprüfungen und von Sanierungszielen,
  • Festlegung von Prioritäten für Sanierungsmaßnahmen,
  • Konzeption von Sanierungsmaßnahmen,
  • Festlegung der Grundlage für eventuelle Zwangsmaßnahmen,
  • Messung der Wirksamkeit einer Sanierung.

In den USA eingesetzte Werkzeuge zur Risikobewertung sind die von der U.S. EPA entwickelte IRIS-Datenbank über die Toxizität von über 500 chemischen Verbindungen und ein Handbuch über Risikofaktoren von Schadstoffen für den Menschen. Das elektronische Werkzeug GoldSim dagegen basiert auf einer ganzheitlichen Betrachtung von Umweltproblemen in Rahmen integrierter Modelle und ermöglicht somit ein optimales Management von Umweltgefährdungen (unter anderem Erfassung, Bewertung, Sicherung, Sanierung, Überwachung) bei gleichzeitiger Optimierung der Gesamtkosten.

Flächenrecycling und Risikokommunikation

Für den Projektmanager von Revitalisierungsvorhaben kommt es darauf an, die Balance zwischen professionellem Projektmanagement mit bestimmten Zwangspunkten (Fristen, starre Planungs- und Genehmigungsabläufe, Vertretung abstrakter ökonomischer bzw. politischer Interessen) und einer ernst zu nehmenden Bürgerbeteiligung (konkrete Interessen berücksichtigen, Vertrauen schaffen, Informationen erhalten, Zusagen geben) zu finden. Transparenz, Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, Verständnis und Offenheit werden damit zum Schlüssel für erfolgreiches Risikomanagement in der Öffentlichkeit.

In den USA wird das Vorgehen bei der Risikokommunikation kurz mit den so genannten "ABC"-Faktoren beschrieben: ABC = Assumptions, Behavior, Consequence (Annahmen, Verhalten, Konsequenzen). Eine erfolgreiche Risikokommunikation ist demnach durch folgende Attribute (COKE) gekennzeichnet:

  • Committed (engagiert),
  • Open (offen),
  • Knowledgeable (Sachkenntnis besitzend),
  • Emphatetic (einfühlend).

Zahlreiche Flächenrecycling-Projekte in Deutschland sind durch eine gemeinsame Entwicklung von Nutzungsvorstellungen bis hin zur Bildung privater Bauherrengemeinschaften, für die ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Stadtverwaltung, Anwohnern, Planern und Investoren charakteristisch ist. Der frühzeitige Austausch über mögliche Altlastenrisiken ist dabei häufig Teil einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit vom Beginn des Projekts an. Unterschiedlich sind dabei die Erfahrungen mit dem Einsatz externer Kommunikationsexperten bzw. mit von den Stadtverwaltungen selbst realisierten Kommunikationsstrategien.

Praxiserfahrungen aus Flächenrecycling- Projekten

In den Beiträgen dargestellte Erfahrungen aus US-amerikanischen sowie deutschen Fallstudien ("Case Studies") und Beispielen verdeutlichen die konkreten Vorgehensweisen der Risikobewertung und -kommunikation beim Flächenrecycling. Hierbei schildern Praktiker Lösungsansätze aus verschiedenen US-amerikanischen und deutschen Städten und Regionen wie Tübingen (Baden-Württemberg), den Bundesstaaten Nevada und Oregon sowie aus Stadtallendorf und anderen Standorten in Hessen.

Die Dokumentation des dritten deutsch-amerikanischen Workshops zeigt, dass eine auf die ermittelten Risiken abgestimmte Risikokommunikation die Revitalisierungsprojekte auf kontaminierten Brachflächen in allen Phasen - von der historischen Erkundung bis zur Realisierung neuer städtebaulicher Vorhaben auf der alten Fläche - begleitet und schließlich deren erfolgreiche Realisierung wesentlich mitbestimmt. Wesentliche Übereinstimmungen bestehen in beiden Ländern bei den Herangehensweisen bei der Risikobewertung. Trotz unterschiedlicher rechtlicher, städtebaulicher und finanzieller Instrumentarien für die Sanierung von Altlasten und für die bauliche Revitalisierung von Brachflächen ähneln sich aber die Beweggründe und Vorgehensweisen im Rahmen einer Kommunikation von Umweltrisiken zwischen Kommunen, Investoren, Anwohnern und anderen Beteiligten.

Weitere Informationen: 

Dipl.-Ing. agr. Thomas Preuß
Telefon: 030/39001-265
E-Mail: preuss@difu.de

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