Difu-Berichte 2/1997 - Städte ohne Produktion? Das Fallbeispiel Potsdam
|
Weitere Informationen: Dr. rer. pol. Busso Grabow Telefon: 030/39001-248 Prof. Dr. rer. soc. Dietrich Henckel Telefon: 030/39001-292 Dr. rer. nat. Gerd Kühn Telefon: 030/39001-255 |
Städte ohne Produktion?
Ausgangssituation Die derzeitige Flächensituation ist dadurch gekennzeichnet, daß in Potsdam keine größeren zusammenhängenden Flächen für Betriebe des verarbeitenden Gewerbes verfügbar und lediglich in bestehenden Gewerbegebieten kleinräumig verteilte Flächenreserven vorhanden sind. Es bestehen nur schwer zu aktivierende Nachverdichtungspotentiale. Auch sind auf den Bestandsflächen Umnutzungsprozesse zu beobachten, wobei sich zum Teil Einzelhandelsbetriebe in GE-Gebieten niederlassen. Die Strategie der Stadt war, auch auf der Basis gutachterlicher Empfehlungen, auf die Ansiedlung von Großbetrieben des produzierenden Gewerbes gerichtet. Vor dem Hintergrund der niedrigen Beschäftigung im produzierenden Gewerbe beauftragte das Amt für Wirtschaftsförderung das Difu, die Zukunftsperspektiven des Produktionsstandortes Potsdam zu untersuchen. Zwangsläufig ergab sich daraus auch die Notwendigkeit, wesentliche Aspekte der Perspektiven des Dienstleistungsstandortes mit zu untersuchen. Das Gutachten hat aufgrund der Fragestellung und der gleichgerichteten Entwicklungen in einer Vielzahl von Städten durchaus exemplarischen Charakter.
Entwicklung des produzierenden Gewerbes Dabei ist auch zu berücksichtigen, daß größere Ansiedlungen von Produktionsbetrieben auch Probleme mit sich bringen - etwa mit Blick auf zusätzliche ökologische Belastungen oder Beeinträchtigungen des Images als attraktiver Standort mit hervorragenden (entwicklungsfähigen) "weichen" Qualitäten. Eine besondere Bedeutung kommt damit der Stärkung des ortsansässigen Gewerbes durch eine systematische Bestandspflege zu.
Entwicklung der Dienstleistungen Generell ist die Anfälligkeit für wirtschaftliche Turbulenzen bei starker funktionaler Spezialisierung im Dienstleistungssektor nicht größer als die von Städten mit breiterer Basis. Voraussetzung ist allerdings, daß im Dienstleistungsbereich eine diversifizierte Struktur vorhanden ist und nicht wenige Bereiche (z.B. die öffentliche Verwaltung) zu sehr dominieren. In diesem Fall wird die wirtschaftliche Situation eher stabilisiert als gefährdet. Potsdam hat gute Entwicklungsperspektiven als Medienstandort. Allerdings wird der absolute Beschäftigungs- und Wertschöpfungsbeitrag des Mediensektors selbst bei Ausschöpfung aller Potentiale eher überschätzt. Es zeigt sich, daß die Entwicklung des Medienstandorts eines längeren Atems bedarf, als ursprünglich angenommen. Für die Entwicklung als Standort von unternehmensorientierten Dienstleistungen bieten sich auch ohne größere Industriebetriebe Anknüpfungspunkte. Standardisierte, geringer spezialisierte Produktionsdienste, die eher die räumliche Nähe zum produzierenden Gewerbe suchen, finden allerdings in einer Stadt wie Potsdam nur eingeschränkte Möglichkeiten zur unmittelbaren Zusammenarbeit. Hochspezialisierte Dienstleistungen haben in der Regel Kundenbeziehungen weit über den engeren Standort hinaus. Gut ausgeprägte weiche Standortfaktoren können die Standortattraktivität für solche Tätigkeiten erhöhen.
Stadträumliche Entwicklung und Gewerbeflächenvorsorge Die gewerbliche Weiterentwicklung ist nur gewährleistet, wenn es gelingt, die zu beobachtenden Flächenengpässe zu beseitigen, zumindest aber zu verringern. Dazu wird eine gezielte Mobilisierung der in den Bestandsgebieten vorhandenen Reserven sowie die Entwicklung von ausgewählten neuen Gewerbeflächen für erforderlich gehalten. Als generelle Strategieempfehlung gilt aber die Devise "klein vor groß" und "innen vor außen". Wünschenswert ist auch eine aktive städtische Grundstückspolitik, die im günstigsten Fall in Richtung auf einen städtischen Grundstücksfonds zu entwickeln ist, wobei die haushaltsrechtlichen Spielräume und die Einbeziehung von Entwicklungsgesellschaften zu prüfen sind. Als ein wesentlicher Ansatzpunkt einer aktiveren Gewerbeflächenpolitik wird auch die Etablierung eines Gewerbeflächenkatasters und eines darauf aufbauenden Mobilisierungskonzepts angesehen.
Strategien der Wirtschaftsförderung und Wirtschaftspolitik Die Flexibilitätsspielräume und Chancen zu schnellem Verwaltungshandeln, die im Vergleich zu größeren Städten (im Falle Potsdams gegenüber Berlin) aufgrund der geringen Größe der Stadtverwaltung bestehen, sollten gezielt genutzt werden. Die vorhandenen "weichen" Qualitäten, die bei Potsdam eine wesentliche Rolle spielen, müssen erhalten bleiben und, wo nötig, verbessert werden. Gefährdungen durch imagebelastende Standortentwicklungen sind zu vermeiden. Davon hängen in nicht unerheblichen Ausmaß die Entwicklungschancen als Unternehmensstandort, vor allem im Dienstleistungsbereich und in tertiären Tätigkeitsfeldern des Produktionssektors ab. Das Augenmerk muß sich besonders auf die Standortfaktoren Wohnen und Wohnumfeld, das wirtschaftspolitische Klima vor Ort, die Attraktivität und das Image der Stadt insgesamt sowie ihrer Mikrostandorte richten. Notwendig sind generell gemeinsam formulierte Leitlinien über die Zielrichtung der wirtschaftlichen Entwicklung. Beteiligt werden sollten dabei alle relevanten Akteure (Politik, Verwaltungsressorts und private Akteure, wie z.B. Kammern ...). Der Kooperation auf allen Ebenen kommt also eine wesentlich verstärkte Bedeutung zu. Entwicklungsziele (in Potsdam etwa die Entwicklung der Medienstadt), auf die man sich geeinigt hat, sollten von allen Beteiligten in nötiger Konsequenz verwirklicht werden. |
